Die Frau des Ex-Vorsitzenden der AWO Wiesbaden erhielt offenbar jahrelang Geld für einen Job, den sie nie ausübte. Ihr Mann erklärt das mit dem zeitlichen Aufwand seines Ehrenamts - und spricht von gängiger Praxis.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Neuer Scheinjob-Fall bei der AWO

Ein Schild der AWO vor einem Haufen Geld
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In der AWO-Affäre gibt es einen neuen Fall von möglicherweise unrechtmäßiger Bezahlung. Wie der Wiesbadener Kurier (Bezahlinhalt) berichtet, war die Ehefrau des langjährigen Vorsitzenden Wolfgang Stasche bei der Arbeiterwohlfahrt Wiesbaden lediglich zum Schein beschäftigt.

Als 450-Euro-Beschäftigte auf der Gehaltsliste

Dem Bericht zufolge erhielt die Frau insgesamt 15 Jahre lang Geld von der AWO. Sie stand als 450-Euro-Beschäftigte auf der Gehaltsliste und war offiziell als Schreibkraft verbucht. Tatsächlich gearbeitet haben soll sie nicht. Das wurde dem hr aus dem AWO-Umfeld bestätigt.

Insgesamt sollen nach Informationen des Wiesbadener Kuriers durch monatliche Vergütung und Sonderzahlungen rund 100.000 Euro zusammengekommen sein. Der Sozialverband finanziert sich überwiegend aus staatlichen Zahlungen.

"Bei Hannelore war sowas nie ein Problem"

Der Zeitung sagte Stasche: "Meine Frau hat diese Tätigkeit nie ausgeführt." Er habe einen sehr hohen zeitlichen Aufwand für die AWO gehabt. "Da ein Ehrenamt nicht vergütet werden kann, hat Hannelore Richter mir vorgeschlagen, das über meine Frau laufen zu lassen", wird der 79-Jährige zitiert. Das Ehepaar Richter steht im Zentrum der AWO-Affäre.

Stasche sagte dem Kurier weiter: "Ich hatte dabei ein schlechtes Gefühl, denn gearbeitet hat meine Frau dafür nicht. Aber bei Hannelore war sowas nie ein Problem." Er bedauere, was er getan habe, sagte Stasche, und bitte alle um Entschuldigung.

Wolfgang Stasche war 20 Jahre lang ehrenamtlicher Vorsitzender der Wiesbadener AWO. Im Dezember war er von seinem Amt zurückgetreten. "Es gab Geschäftsvorfälle, die nur schwerlich mit den Grundwerten eines Sozialverbands, der aus der Arbeiterbewegung hervorgegangen ist, zu vereinbaren sind", hieß es in seiner Rücktrittserklärung.

"Stasche hat mich angewiesen, so zu verfahren"

Hannelore Richter teilte nach Erscheinen des Berichts mit, sie habe Wolfgang Stasche "zu keinem Zeitpunkt vorgeschlagen, Vergütungen für seine ehrenamtliche Tätigkeit über seine Frau laufen zu lassen". Stattdessen habe Stasche in seiner Funktion als Vorsitzender sie dazu angewiesen, so zu verfahren. Sie selbst habe damals keine Bedenken gehabt, weil Irene Stasche eine entsprechende Arbeitsvereinbarung unterschrieben habe.

Eine Vergütung über Stasches Frau bezeichnete Richter überdies als "unsinnig". Laut Satzung der Wiesbadener AWO sei es in "begründeten Ausnahmefällen" möglich, ehrenamtliche Tätigkeiten zu vergüten. Ob ein solcher Ausnahmefall auf Wolfgang Stasche zutraf, ist jedoch unklar.

Mandatsniederlegung wegen Gehalt ohne Gegenleistung für Tochter

Der Fall erinnert an den AWO-Job der Tochter des Wiesbadener CDU-Stadtverordneten Wolfgang Gores, der sein Mandat niederlegte. Vorausgegangen waren Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen Untreue und eine Strafanzeige gegen den hauptberuflichen Polizeihauptkommissar und seine 33 Jahre alte Tochter.

Sie hatte mehrere Jahre bei der AWO Wiesbaden eine mit 3.400 Euro monatlich bezahlte Stelle inne. Für das Gehalt von insgesamt mindestens 120.000 Euro soll die Ethnologin keine adäquate Arbeitsleistung erbracht haben.

Sendung: hr-iNFO, 06.06.2020, 6 Uhr