Schlechter bezahlt und kaum Aufstiegschancen: Frauen mit Behinderung zählen laut einer Studie von "Aktion Mensch" zu den Verliererinnen auf dem Arbeitsmarkt. Die Corona-Krise verschärft die Situation noch. Eine Betroffene aus Wiesbaden spricht über ihre Erfahrungen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Betroffene Isabell Stark: "Ich fühlte mich doppelt benachteiligt"

Isabell Stark, eine junge Frau mit langen roten Haaren schaut ernst in die Kamera.
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Isabell Stark ist 32 Jahre alt, lebt in Wiesbaden und ist hörbehindert. Heute arbeitet sie in Vollzeit im öffentlichen Dienst. Doch es war ein langer und steiniger Weg dort anzukommen. "Ich habe verschiedene Arbeitsplätze gehabt, da fällt mir so viel Diskriminierendes ein, dass ich ein Buch schreiben könnte", sagt die 32-Jährige.

Auf der Suche nach geeigneten Stellen hatte Stark oft das Gefühl auf dem freien Arbeitsmarkt keine Chance zu bekommen. "Ich bin Anfang 30 und ledig. Das bedeutet, ich könnte ja noch eine Familie gründen wollen, aber aufgrund der Behinderung muss man mich zum Vorstellungsgespräch einladen", so Stark. Als Frau und wegen ihrer Behinderung fühlte sie sich doppelt benachteiligt. Sie hätte oft das Gefühl gehabt, sie habe sich umsonst vorgestellt.

Anwältin: Arbeitgeber befürchten, dass Bewerber vor Gericht ziehen

Mit diesem Gefühl ist die Wiesbadenerin nicht allein, weiß die Fachanwältin für Arbeits- und Sozialrecht, Nathalie Brede. Sie kennt solche Fälle gut und sagt, Arbeitgeber würden Menschen mit Behinderung manchmal nur zum Gespräch einladen, weil sie Angst hätte, dass ihnen Diskriminierung nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz angelastet werden könnte.

Es bestehe die Furcht, dass Jobsuchende mit Behinderung schließlich vor Gericht ziehen. "Das ist keine schöne Situation, aber dadurch hört man sich dann den Menschen mit Behinderung an, aber findet fast immer sachliche Gründe jemanden einzustellen oder nicht", so Brede.

Reichen gesetzliche Quote und Ausgleichsabgabe?

In Hessen leben laut Statistischem Landesamt 603.039 Menschen mit Behinderung, 297.086 davon Frauen (Stand 2020). Bundesweit sind nur 39 Prozent davon erwerbstätig, wie eine aktuelle Studie der Sozialorganisation "Aktion Mensch" zur Situation von Frauen mit Schwerbehinderung am Arbeitsmarkt ergibt. Vier Prozent der Erwerbstätigen arbeiten in Werkstätten. 

Portrait der Rechtsanwältin Nathalie Brede

Dabei müssen Unternehmen ab 20 Mitarbeitenden eigentlich eine Quote von fünf Prozent erfüllen und Bewerberinnen und Bewerber mit Behinderung bei gleicher Eignung bevorzugen. Isabell Stark als Betroffene hat das Gefühl, viele Arbeitgeber würden lieber die Ausgleichsabgabe von bis zu 320 Euro ans Integrationsamt zahlen, als Menschen mit Behinderung einzustellen. Sie kaufen sich damit quasi frei.

Mit der Gesetzeslage ist die ungleiche Behandlung von Menschen mit Behinderung nach Ansicht von Anwältin Brede nicht zu begründen. Sie findet, dass diese durch die UN-Behindertenrechtskonvention und deren Umsetzung im Eingliederungshilfe-Recht an und für sich gut ist. "Nur das Bewusstsein, das auch umzusetzen und umsetzen zu wollen, ist vielfach nicht da", meint Brede. In der Wirtschaft gebe es viele Ängste - etwa, dass behinderte Mitarbeiter ausfallen oder Aufgaben nicht schaffen, die man ihnen zumutet. Auch die Aufstiegschancen sind begrenzt.

Tatsächlich waren bei der letzten Erhebung aus dem Jahr 2018 fast 22.000 der hessischen Pflichtstellen nicht besetzt, die Quote bei privatwirtschaftlichen Unternehmen lag bei unter fünf Prozent. Arbeitslos waren zu diesem Zeitpunkt 11.505 Menschen mit Behinderung, davon 41 Prozent Frauen. Die Zahlen stammen aus dem Jahresbericht des Integrationsamts.

Lage auf dem Arbeitsmarkt verschärft sich wegen Corona

Zumindest war das vor der Corona-Krise so: Das Inklusionsbarometer von "Aktion Mensch" aus dem März 2021 verzeichnet in Hessen seit der Pandemie einen Anstieg der Arbeitslosigkeit von Menschen mit Behinderung um mehr als 16 Prozent, mehr als im bundesweiten Durchschnitt. Für die Erhebung wurden Zahlen von Oktober 2019 und Oktober 2020 verglichen.

Portrait der Landesbehindertenbeauftragten Rika Esser

Um das wieder aufzufangen, plant die Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung, Rika Esser, die Initiierung eines neuen Forums, an dem sich die Spitzen verschiedenster Institutionen und Gewerkschaften beteiligen sollen. "Ziel der Initiative ist es, Hindernisse für Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt zu identifizieren und gemeinsam Lösungsansätze zu entwickeln." Im Fokus stünden vor allem kleine und mittelständische Unternehmen. 

Frauen mit Behinderung am schlechtesten bezahlt

Wenn man als Frau mit Behinderung eine Anstellung gefunden hat, ist allerdings noch lange nicht alles gut. Faire Bezahlung? Oft Fehlanzeige. 667 Euro weniger Nettogehalt im Monat als ihre männlichen Pendants verdienen Frauen mit Behinderung im Durchschnitt. Zu nicht-behinderten Männern ist der Abstand noch größer - hier sind es durchschnittlich 836 Euro, wie die Studie von "Aktion Mensch" zeigt. Im Vergleich zu anderen Frauen sind es 469 Euro. Damit haben sie das niedrigste Gehalt der ganzen Gruppe.

Eine Erfahrung, die auch Isabell Stark auf ihrem Gehaltszettel gemacht hat. Jetzt ist sie im öffentlichen Dienst und wird tariflich bezahlt. "In der Vergangenheit habe ich allerdings im Schnitt ungefähr 500 Euro netto weniger verdient als meine weiblichen Kolleginnen." Oft habe man ihr gesagt, das sei erstmal zum Einstieg, nach der Probezeit gäbe es mehr Geld. Das sei aber nie passiert, im Gespräch mit Kolleginnen sei ihr das Defizit dann aufgefallen. 

Landesbeauftragte: "Von gängigen Stereotypen wegkommen"

Ein weiterer Grund, warum Frauen mit Behinderung mit ihren Einkünften so weit hinten liegen, ist die Arbeitszeit. 63 Prozent von ihnen arbeiten in Teilzeit - auch weil sie wegen ihrer Behinderungen keinen Vollzeitjob annehmen können. Viele von ihnen sind im Niedriglohnsektor beschäftigt.

Hier will Rika Esser als Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung nachbessern. Das hessische Perspektivprogramm zu Verbesserung der Arbeitsmarktchancen schwerbehinderter Menschen, kurz HePAS, soll geändert werden: "Als Neuerung, die insbesondere Frauen mit Behinderungen zugute kommt, ist der Wegfall der verminderten Prämie bei Teilzeit zu sehen. Das heißt, es wird grundsätzlich bei einer Wochenstundenzahl von mindestens 15 Stunden für Arbeitgeber immer die volle Prämienhöhe gewährt."

Am wichtigsten sei aber "grundsätzlich eine inklusive Kultur in den Betrieben zu schaffen." "Wir müssen von den gängigen Stereotypen wegkommen, denen zufolge Menschen mit Behinderungen weniger leisten und man sie aufgrund des Kündigungsschutzes nicht mehr los wird", betont Esser.

Sendung: hr-iNFO, 24.3.2021, 06:00 Uhr