Geschlagen, getreten, vergewaltigt: Für viele Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt wurden, gibt es nur einen Zufluchtsort - ein Frauenhaus. Dort werden sie schnell aufgenommen, wenn es denn Platz gibt. Das ist jedoch immer seltener der Fall.

Drei Frauen sitzen an einem Tisch, die Gesichter von ihren Haaren verdeckt.
Hessischen Frauenhäuser sind ständig am Limit, freie Plätze sind Mangelware. Bild © hr

Die kleinen Symbole auf der Hessenkarte leuchten rot, rot in Frankfurt, rot in Wetzlar, rot in Eschwege. Rot, das heißt: wir haben keinen Platz für hilfesuchende Frauen. Insgesamt sind es 30 rote Symbole, für die 31 Frauenhäuser, die es in Hessen gibt. Die Internetseite der hessischen Frauenhäuser informiert über freie Plätze für hilfesuchende Frauen. Derzeit kann ein einziges Haus in Hofheim jemanden aufnehmen.

Dabei würden die Plätze dringend benötigt: In Deutschland erlebt jede vierte Frau in ihrem Leben körperliche oder sexuelle Gewalt durch den Partner. 8.538 Fälle häuslicher Gewalt registrierte die Polizei 2017 allein in Hessen. Das sind 23 pro Tag – und die Dunkelziffer wird deutlich höher geschätzt. Bei diesen Übergriffen sind mehr als 80 Prozent der Opfer Frauen.

"Müssen jeden zweiten Tag eine Frau wegschicken"

Doris Feld betreut im Frankfurter Frauenhaus "Frauen helfen Frauen" die Betroffenen, auch hier sind die Zimmer alle belegt. "Das ist der Dauerzustand seitdem ich hier arbeite", erzählt sie, also seit gut acht Jahren. "Wir müssen ungefähr jeden zweiten Tag eine Frau wegschicken." In anderen Städten ist die Situation ähnlich: In Darmstadt musste das Frauenhaus im vergangenen Jahr 129 Frauen abweisen.

Schutz oft erst im Nachbar-Bundesland

Für Frauen, die in ihren Beziehungen Gewalt erleben, bedeutet das, dass sie oft lange nach einem Platz im Frauenhaus in ihrer Umgebung suchen – oder, wenn sie akut bedroht sind, in ein Frauenhaus weit weg ziehen müssen. "Zur Not müssen die Frauen das Bundesland wechseln. Wenn sie aber arbeiten und die Kinder zur Schule gehen, ist das oft nicht miteinander vereinbar", sagt Feld.

Für das hessische Sozialministerium ist diese Entwicklung, dass Frauen in ein Frauenhaus in einem anderen Bundesland ziehen müssen, neu. Bis 2017 habe es Engpässe nur in den Ballungsräumen gegeben, sagt die Sprecherin des Ministeriums. "Seit 2018 zeichnet sich eine Überlastung der Einrichtungen auch im ländlichen Raum ab."

Frauen finden keine Wohnung

Ein Grund für die hessenweite Überlastung aller Frauenhäuser ist der angespannte Wohnungsmarkt. "Wir haben einige Frauen, die länger bleiben als sie wollen, bei denen hängt es an der Wohnung", berichtet Doris Feld vom Frauenhaus in Frankfurt. Sie unterstützt die Frauen bei der Wohnungssuche. Denn die Frauen können erst ausziehen, wenn sie eine eigene Wohnung gefunden haben.

"Da kommt immer die Frage: Woher bekommen Sie ihr Geld? Wenn die Frauen dann Jobcenter oder Sozialleistungen sagen, war es das", sagt Feld. Und für jede Frau, die länger bleiben müsse, weil sie eine Wohnung sucht, könne eine Frau weniger aufgenommen werden.

Geld reicht nicht für mehr Plätze

Um zusätzliche Plätze zu schaffen, will das Sozialministerium die Frauenhäuser nun mit einem Maßnahmenpaket unterstützen. "Geplant ist, Investivmittel bereitzustellen, um eine Sanierung, Modernisierung und Ausbau der Einrichtungen zu ermöglichen", sagt die Ministeriumssprecherin auf Anfrage des Hessischen Rundfunks.

Auch in den vergangenen Jahren wurden die Mittel für die Frauenhäuser erhöht. "Ich kenne aber kein Haus, das seine Platzzahl erhöht hat", sagt Doris Feld, die auch in der Landesarbeitsgemeinschaft der autonomen Frauenhäuser mitarbeitet. "Das war eher zum Löcher stopfen und Zimmer renovieren."

Doch selbst wenn kein Platz ist, allein lassen die Frauenhäuser Frauen in Notsituationen nicht. Wenn andere Frauenhäuser zu weit wären, verweist Feld oft auf die Polizei und die Möglichkeit, den Mann aus der gemeinsamen Wohnung verweisen zu lassen. Und betont gegenüber hessenschau.de: "Wir weisen keine Frau ohne eine Alternative ab."

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zum hr-fernsehen.de Video Gewaltopfer ohne Schutz – Kein Platz im Frauenhaus

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