Türkische Armee in der Provinz Sirnak / Patrick Kraicker vorgeführt in türkischen Medien
Türkische Armee in der Provinz Sirnak / Patrick Kraicker vorgeführt in türkischen Medien Bild © picture-alliance/dpa - Sceenshot türkisches Fernsehen

Seit sechs Wochen sitzt Patrick Kraicker aus Gießen unter Terrorverdacht in türkischer Haft. Türkische Medien berichten, er habe gestanden, sich der Kurdenmiliz YPG anschließen zu wollen. Das bestreitet der 29-Jährige. Freunde des Gießeners haben eine Online-Petition gestartet.

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Die Angehörigen zeigen sich noch immer erschüttert. "Es ist eine ganz schwierige Zeit", sagt Dennis Kraicker. Als ihn die Mitteilung von der Festnahme seines Bruders Patrick erreichte, hätten er und seine Mutter es gar nicht fassen können. Seit sechs Wochen leben sie nun in Sorge und Angst. "Ich hoffe jeden Tag, dass er zurückkommt", sagt er.

Patrick Kraicker war am 14. März türkischen Medienberichten zufolge in der südöstlichen Provinz Sirnak, ganz in der Nähe zur syrischen Grenze festgenommen worden. Der Vorwurf: Er habe über ein militärisches Sperrgebiet versucht, illegal über die Grenze zu kommen. Nach seiner Festnahme habe er gestanden, sich der Kurdenmiliz  YPG, einer der PKK nahestehenden Organisation, anschließen zu  wollen. So jedenfalls berichten türkische Medien mit Bildern und voller Namensnennung des Gießeners.

Bruder: Patrick wollte in der Türkei wandern

Dennis Kraicker ist von der Unschuld seines Bruders überzeugt. Vieles von dem, was türkische Medien berichteten, stimme nicht. Da heißt es etwa, dass Patrick Kraicker vier Jahre Soldat bei der Bundeswehr gewesen sei. "Das ist Unsinn", sagt der Bruder. Tatsächlich habe Patrick Kraicker niemals gedient.

Auch dass er sich einer kurdischen Miliz habe anschließen wollen, halten Familie und Freunde des 29-Jährigen für unmöglich. Tatsächlich sei Patrick zum Wandern in der Türkei gewesen.

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Patrick Kraicker vorgeführt in türkischen Medien

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Gießener in Türkei festgenommen

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In der ersten Tagen habe er noch viel Kontakt mit Patrick gehabt, sagt sein Freund Dennis Schulz. "Er hat mir geschickt, wie er wildlaufende Hunde streichelte", erinnert er sich. Ursprünglich habe er selbst sogar vorgehabt, mit in die Türkei zum Wandern zu fliegen. "Wir hatten auch schon nach billigen Flügen geschaut", sagt Schulz. Weil er dann aber niemanden für die Beaufsichtigung seines Hundes gefunden habe, sei er doch nicht mitgekommen. "Zum Glück, wie sich jetzt herausgestellt hat", sagt Schulz. Denn sonst wäre er jetzt womöglich auch im türkischen Gefängnis.

Freund: Vorwürfe sind "absoluter Blödsinn"

Er vermute, dass Patrick Kraicker in dem Grenzgebiet die Angehörigen einer befreundeten kurdischen Familie habe besuchen wollen. Patrick habe überlegt, "dort mal vorbeizuschauen", erinnert sich Schulz. Kurz vor der Festnahme habe sich Patrick dann bei ihm gemeldet und ihm gesagt, dass in seinem Hotelzimmer eingebrochen worden sei. Wenige Stunden später sei er dann verhaftet worden.  Die Vorwürfe gegen seinen Freund hält er für absurd. Patrick Kraicker sei völlig unpolitisch und habe keinerlei Kontakte zur PKK. "Das ist alles absoluter Blödsinn und an den Haaren herbeigezogen", ist Schulz überzeugt.  

Das Auswärtige Amt will zu den gegen Patrick Kraicker erhobenen Vorwürfen keine Stellung nehmen. Aus Gründen "des Schutzes der Persönlichkeitsrechte" könnten dazu keine Angaben gemacht werden. "Die Botschaft Ankara steht im Fall Kraicker mit den türkischen Behörden in Kontakt. Der Betroffene befindet sich weiterhin in Haft. Er wird konsularisch betreut", heißt es weiter in einer schriftlichen Antwort auf eine Anfrage von hessenschau.de.

Mutter: Er klingt verzweifelt

Offenbar durch die Vermittlung der Botschaft konnte Patricks Mutter vergangenen Sonntag mit ihrem Sohn etwa zehn Minuten telefonieren. Er klinge verzweifelt und wolle nach Hause, berichtet sie. Außerdem habe er bestritten, zugegeben zu haben, sich der Kurdenmiliz anschließen zu wollen, sagt sie.

Doch trotz dieses Telefonats fühlen sich Familie und Angehörigen von den Behörden alleine gelassen. "Wir haben das Gefühl, dass sich keiner so richtig darum kümmert", beklagt der Bruder. Um daher Druck zu machen, haben Freunde, der Bruder und Gießener Bürger eine Online-Petition für die Freilassung von Patrick gestartet. Bis Mittwochfrüh hatten dort rund 770 Menschen unterschrieben.