Vor fünf Jahren brannte das Studentenwohnheim "Richtsberg 88" in Marburg. 280 Menschen verloren über Nacht ihr Zuhause. Nach jahrelangen Unklarheiten beginnt jetzt der Abriss des Geländes – mit guten Nachrichten für Wohnungssuchende in der Unistadt.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Alles voller Qualm: Die Folgen der Brandstiftung in der "88"

Leerstehendes Hochhaus mit Bauzaun davor
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Deborah Gros erinnert sich noch gut an die Brandnacht im Marburger Studentenwohnheim "Richtsberg 88": Um vier Uhr morgens werden sie und ihr Mann von Blaulicht geweckt. Als Deborah die Schlafzimmertür öffnet, quillt ihr schon Rauch entgegen, der Rauchmelder springt sofort an. "Ab da hatte ich panische Angst, weil ich nicht wusste, wo das Feuer ist", erzählt Deborah. Sie stellt fest: Die ganze Wohnung ist voller Rauch, der Strom geht nicht mehr – es ist stockdunkel.

Deborah kommt auf die Idee, das Bettlaken in der Dusche nasszumachen. Hustend stolpern sie und ihr Mann zur Tür, sie schaffen es durch den völlig verqualmten Flur aus der dritten Etage nach draußen. Viele andere Bewohner müssen über Drehleitern aus dem elfstöckigen Hochhaus gerettet werden – die meisten sind Familien aus dem Ausland. 23 Personen müssen mit Rauchvergiftungen im Krankenhaus behandelt werden.

Notunterkünfte für über 200 Bewohner

Später stellt sich heraus: Jemand hat Feuer im Keller des Hochhauses gelegt. Bis heute ist der Täter unbekannt. Für das Studentenwerk war der Brand ein "herber Schlag", sagt Pressesprecherin Franziska Busch. Und eine logistische Herausforderung: Die meisten der 280 Bewohner müssen provisorisch in Notunterkünften oder anderen Wohnheimen untergebracht werden.

Deborah und ihr Mann leben sieben Monate in einem leerstehenden Kindergarten, gemeinsam mit vier anderen Familien. Erst ein halbes Jahr später stellt sich heraus: Die sogenannte "88" bleibt dauerhaft unbewohnbar und die Bewohner müssen sich neue Wohnungen suchen.

Abriss wird Monate dauern

Wie es mit dem verrußten Hochhaus weitergehen soll – das blieb jedoch noch jahrelang unklar, weil sich die Versicherung und das Studentenwerk nicht einigen konnten. Wie viel Geld nun geflossen ist – darüber will das Studentenwerk nichts sagen. Fest steht: Eine Sanierung des 70er-Jahre-Baus lohnt sich nicht mehr, das Hochhaus wird abgerissen.

Nach dem Ende der Vogelbrutzeit haben die Arbeiten an diesem Montag nun begonnen. Doch bis tatsächlich die Abrissbirnen kommen, wird es weiterhin dauern: Weil im Gebäude auch Schadstoffe wie Asbest verbaut worden sind, muss es unter Aufsicht eines Gutachters Stück für Stück zurückgebaut werden. Für den Komplettabriss sind neun Monate eingeplant.

Was passiert mit dem Grundstück?

Weil das Studentenwerk in den letzten Jahren bereits andernorts neuen Wohnraum für Familien gebaut hat, standen Befürchtungen im Raum, dass das Grundstück verkauft und privatisiert werden könnte. Das sei jedoch nicht der Fall, erklärt Franziska Busch vom Studentwerk. An gleicher Stelle soll neu gebaut werden, aber statt eines Hochhauses mehrere kleinere Gebäude mit ähnlicher Nutzerzahl. Genaue Pläne und ein Datum zum Baubeginn stehen allerdings noch nicht fest.

Dass ein Neubau dringend notwendig sei, betont auch die stellvertretende Ortsvorsteherin Annelie Vollgraf (Grüne): "Es ist wichtig, dass wieder genauso viele neue Wohnungen geschaffen werden, denn im Stadtteil Richtsberg und in Marburg allgemein suchen die Studenten wirklich händeringend nach bezahlbarem Wohnraum." Für ehemalige Bewohnerinnen wie Deborah Gros wird der Neubau allerdings wenig bringen: Sie hat ihr Studium inzwischen längst abgeschlossen.

Sendung: hr4, Die Hessenschau für Mittelhessen, 21.10.2019, 15.30 Uhr