Bildkombo: Fünf ehemalige Flüchtlinge in Hessen

Die Kanzlerin sagte damals: "Wir schaffen das!" 80.000 neue Asylsuchende wurden 2015 in Hessen registriert. Wer sind diese Menschen und wie waren die vergangenen fünf Jahre für sie? Fünf Erfahrungsberichte.

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2015 sprach Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ihren berühmten Satz: "Wir schaffen das". Sie meinte damit, Deutschland ist stark genug, um die vielen Flüchtlinge aufzunehmen, die hilfesuchend ins Land kommen. 80.000 wurden in Hessen 2015 registriert.

Sie kamen als Kinder mit ihren Eltern und mussten sich in einen Schulalltag einfinden. Oder sie kamen als Erwachsene mit Berufen und mussten hier von vorne anfangen. Wie haben sie das geschafft? Und wie geht es ihnen heute? Das erzählen Bashir, Kinda, Jamil, Edrees und Maher.

Bashir, 28 Jahre, Informationstechnologe aus Afghanistan

Ich bin in Kabul (Afghanistan) aufgewachsen und habe dort zuletzt in einem Logistikunternehmen gearbeitet, studiert habe ich Betriebswirtschaftslehre (BWL), außerdem habe ich ein Diplom in Informationstechnologie. Ich war 23 Jahre alt, als ich nach Deutschland geflüchtet bin. Über meinen Fluchtgrund möchte ich im Detail nicht sprechen, auf jeden Fall hatte ich Probleme, weil ich bei einem ausländischen Unternehmen arbeitete. Außerdem gehöre ich der religiösen schiitischen Minderheit der Hazara an. Meine Familie und ich wurden deswegen unser ganzes Leben lang diskriminiert.

Bashir macht eine Ausbildung zum Groß-und Einzelhandelskaufmann


Seit ich in Deutschland bin, hat sich mein Leben geändert. Es war und ist noch immer nicht einfach, ich musste viel aushalten und kämpfen. Ich habe über 70 Bewerbungen geschrieben, bis ich meinen Ausbildungsplatz als Groß- und Außenhandelskaufmann erhalten habe. Inzwischen bin ich im dritten Lehrjahr und fühle mich sehr wohl. Angst vor einer Abschiebung habe ich trotzdem, weil ich noch kein anerkannter Flüchtling bin. Im Moment gilt meine Ausbildungsduldung nur bis Ende 2021. Wenn meine Ausbildung nächsten Sommer endet, muss ich wieder zur Ausländerbehörde und um eine Arbeitserlaubnis bitten, falls mich mein Arbeitgeber, die ThyssenKrupp, übernimmt.

Ich habe viele deutsche Freunde und wohne mit zwei Studierenden in einer WG. In dem Frankfurter Verein "Über den Tellerrand" bin ich sehr aktiv. Dort kommen Menschen aus den unterschiedlichsten Nationen zusammen. Ich bin dankbar für alle, die mir Zeit gegeben haben, mich zu integrieren und mir nicht das Gefühl geben, dass ich fremd bin. Angst vor Rassismus habe ich trotzdem, von dem Anschlag in Hanau habe ich natürlich auch mitbekommen. Wenn es mir nicht gut geht, ermutige ich mich selbst und sage: "Bashir, du hast das hier geschafft, zumindest kannst du dir sagen, dass du alles gemacht und dein Bestes gegeben hast. Wenn das niemand gesehen und bemerkt hat, dann ist es nicht dein Problem, sondern es ist das Problem von anderen."

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Asylsuchende in Hessen

Die Zahl der Asylsuchenden ist in Hessen seit 2015 stetig gesunken. Laut Sozialministerium wurden 2015 rund 80.000 Personen als Asylsuchende registriert. Im Jahr 2016 waren es rund 24.600 Personen, 2020 bis Ende Juli 3.397 Personen.

Nach Angaben des Sozialministeriums kommen die meisten Asylsuchenden in diesem Jahr aus Afghanistan (18 Prozent), gefolgt von Syrien (16,9), Türkei (12,1), Iran und Irak (je 6,7), Somalia (6,5), Eritrea (3,5), Nigeria (3,3), Algerien (3,1) und Äthiopien (3,0). Hessen verfügt derzeit über fünf Erstaufnahmeeinrichtungen und die Außenstelle am Flughafen Frankfurt/Main.

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Kinda, 21 Jahre, als Kind aus Syrien geflüchtet

Mein komplettes Leben hat sich geändert, seit ich in Deutschland lebe. Manchmal komme ich wegen der Kulturen durcheinander. In Syrien war ich noch ein Kind. Als ich nach Deutschland kam, war alles fremd. Viele, die mit mir sprechen, denken, dass wir in Damaskus nichts hatten und nichts wissen, das macht mich manchmal sehr traurig. Dabei war meine Mutter Englischlehrerin und mein Vater selbstständig als Textilarbeiter.

Kinda aus Syrien, ist mit 13 in die Türkei und mit 15 nach Deutschland gefohen

Ich war 13 Jahre alt, als wir meine Heimatstadt Damaskus verließen. Zwei Jahre lang haben ich und meine Eltern in der Türkei gelebt, doch dort hatten wir einige Probleme. Mit dem Boot sind wir dann weiter nach Griechenland geflohen, das war furchtbar, anstrengend und schwer. Damals war ich erst 15 Jahre alt. Ich hatte Angst und wollte nicht nach Europa fahren. In Bayern habe ich dann mein Mittlere Reife an einer Wirtschaftsschule absolviert, dann habe ich mich für eine Ausbildung entschieden und bin nach Frankfurt gezogen. Seit einem Jahr mache ich eine Ausbildung zur pharmazeutischen Assistentin. Im Moment bin ich Praktikantin in einer Apotheke. Nach meiner Ausbildung will ich Pharmazie studieren.

In der Schule hatte ich keine Freunde, ich habe versucht Kontakt aufzubauen, aber viele wollten einfach nicht. Im Moment habe ich viele syrische Freunde und eine Freundin aus Deutschland. Mein Ziel ist es, irgendwann die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten, nach Syrien will ich höchstens nur noch zum Urlaub machen. Die Lage dort macht mich im Moment aber sehr traurig.

Jamil, 37 Jahre, Mathelehrer aus Syrien

Stelle dir vor, du hast einen Uniabschluss gemacht, Geld gespart, eine Wohnung gekauft, bist glücklich und irgendwann kommt eine Bombe und plötzlich ist alles weg. In Syrien habe ich als Erdkunde- und Mathelehrer gearbeitet und war auf dem Weg, einen Doktortitel zu machen. Meine Eltern waren beide Lehrer.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Jamil, 37 Jahre, war in Syrien Erdkunde- und Mathelehrer

Jamil lebt seit 2015 in Hessen
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Ich war sehr glücklich in Syrien, aber als der Krieg 2015 immer schlimmer wurde, habe ich entschieden, das Land zu verlassen. Ich kam nach Deutschland, das war nicht leicht: Die Sprache ist neu, die Kultur ist neu, du bist alleine, hast keinen Freundeskreis und du sollst einen Neuanfang machen. Das war mein größter Schmerz, aber gleichzeitig meine größte Motivation.

Zuerst war ich in Passau, dann in der Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen. Dort war ich sieben Monate und es war die schlimmste Zeit für mich, weil ich nichts machen konnte. Deutsch habe ich mir selbst beigebracht online und zusammen mit Ehrenamtlichen, die Deutschkurse gegeben haben. Über einen Zufall habe ich ein deutsch-syrisches Ehepaar kennengelernt, die mir eine Wohnung in Hanau vermittelt haben. Dort lebe ich mit meinem Bruder und Freunden, alles Akademiker, die aus Syrien fliehen mussten.

Ich wollte ziemlich schnell arbeiten und Deutsch lernen - und es hat geklappt. 2017 habe ich meine ersten Stelle als Teilhabeassistent an einer Schule in Frankfurt und einer Schule in Offenbach angetreten. Inzwischen mache ich in Offenbach eine Ausbildung als Erzieher. Deutsch beherrsche ich auf C1-Niveau, außerdem habe ich eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis.

Eines Tages möchte ich gerne Lehrer in Deutschland sein, das ist noch immer mein Traumberuf. Für das Referendariat muss mein Deutsch aber noch besser werden, dafür müsste ich "Faust" verstehen, das gelingt mir im Moment noch nicht. Nach fünf Jahren in Deutschland bin ich ziemlich stolz auf alles, was ich geschafft habe, außerdem will ich mich bei allen Leuten bedanken, die mir geholfen haben. Auch die Menschen in Frankfurt haben mir sehr geholfen, die Kultur kennenzulernen und auf Augenhöhe miteinander zu sprechen.

Deutschland ist noch nicht zu meiner Heimat geworden, aber ich fühle mich nicht fremd, ich mag das Land und die Leute hier und ich hatte immer viel Glück, vielleicht wird Deutschland in Zukunft meine Heimat. Für mich ist Heimat ein Land, in dem ich weiterleben kann. Fliehen möchte ich nicht noch einmal, das wäre ein Albtraum, denn wer flieht, muss immer wieder von vorne anfangen.

Edrees, 34 Jahre, Dozent aus Afghanistan

Zwei Jahre habe ich in einer Asylunterkunft gelebt und zweieinhalb Jahre in feuchten Kellerwohnungen. Dort war es eng und schimmelig und ich konnte nicht gut atmen. 2014 bin ich nach Deutschland gekommen, nach fast sechs Jahren habe ich endlich das Gefühl, angekommen zu sein.

Edrees, hat Politik-und Wirtschaftswissenschaften studiert

Am Anfang fühlte ich mich verloren "in the middle of nowhere". Alles, was ich konnte, war "dankeschön". Vor eineinhalb Jahren wurde ich endlich als Flüchtling anerkannt, das hat mir sehr viel Hoffnung gegeben, um Deutschland als meine zweite Heimat anzunehmen.

Ich habe in Indien studiert, einen Master in öffentlicher Verwaltung gemacht und einen Bachelor in Wirtschafts-und Politikwissenschaften. In Afghanistan war ich Lehrer und Dozent in Kabul und wollte eigentlich meinen Doktor machen, das möchte ich irgendwann in Deutschland nachholen. Seit drei Jahren arbeite ich nun in einem Jobcenter. Zu Beginn habe ich mich ausschließlich um Geflüchtete gekümmert und auch übersetzt. Jetzt, wo meine Deutschkenntnisse besser sind, unterstütze ich bei meiner Arbeit alle möglichen Leute. Meine Kolleginnen und Kollegen sind sehr nett und behandeln mich wie einen Mitbürger, ich habe keine Diskriminierung erlebt, ich habe ein Jahr Praktikum gemacht und wurde dann übernommen. Ich denke, sie haben gesehen, dass auch ich als Geflüchteter nützlich und hilfreich sein kann für die Arbeit beim Jobcenter. Ich habe ja auch anerkannte Zeugnisse und Abschlüsse. Ich bin sehr dankbar für diese Jobchance, da ich damals noch keinen gesicherten Aufenthalt hatte. 

Nach Afghanistan kann ich nicht zurück. Die Probleme, die dort herrschen, sind so komplex. Es dauert Jahrzehnte, bis die gelöst sind. In Deutschland fühle ich mich inzwischen sehr wohl. Im Moment mache ich gerade meinen Führerschein. Ich will weiterhin versuchen, mich hier in der Gesellschaft positiv einzubringen.

Maher, 35 Jahre, Journalist aus Syrien

In Syrien habe ich Journalismus studiert und zehn Jahre für ein großes Telekommunikationsunternehmen (MTN Syria) gearbeitet. Vor meiner Flucht habe ich in Damaskus gelebt.

Maher, hat in Syrien Journalismus studiert

Ich suche seit 2016 nach einem passenden Arbeitsplatz in Deutschland, habe aber immer eine Absage erhalten. Ich habe schon drei Praktika gemacht, bei Tegut, Rewe und der Telekom. 2016 habe ich mich bei der Telekom beworben, wurde aber leider nicht übernommen. Vor Corona hatte ich mich als Check Agent am Flughafen beworben, das ergibt jetzt aber keinen Sinn mehr, weil Stellen gekürzt werden.

Mein Plan ist jetzt, mich um einen Ausbildungsplatz als Pfleger zu bewerben. Vor allem wegen Corona macht ein Beruf im Gesundheitsbereich Sinn. Zuerst muss ich aber mein Deutsch verbessern, im Moment beherrsche ich es auf B2-Niveau. Im Moment mache ich zwei Mal pro Woche Online-Deutschkurse.

Seit 2017 miete ich eine Wohnung in Frankfurt-Niederrad, allerdings wurde mir mehrmals gekündigt, dann habe ich mir Rechtsberatung geholt, jetzt darf ich noch bis Januar 2021 hier wohnen, bis dahin muss ich was anderes gefunden haben.

Seit einem Jahr bin ich auch Mitglied bei den Grünen im Frankfurter Stadtteil Niederrad, mir gefällt ihre Politik. Alle Sitzungen finden im Moment online statt. Das meiste, was dort gesprochen wird, verstehe ich.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 29.08.2020, 19:30 Uhr