Ein verfallenes Gebäude inmitten einer gerodeten Waldfläche.
In Gebäuden wie diesem wurden während des Kriegs Granaten gelagert. Nun soll hier die A49 entlangführen. Bild © Bodo Weissenborn (hr)

Seit Januar wird im Wald bei Stadtallendorf ein Bundeswehr-Gelände komplett umgegraben – nicht nur die Armee braucht den Platz, auch ein Teilstück der A49 soll dort durchführen. Doch es gibt ein Problem: Das Gelände ist total verseucht.

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Mitten im Wald bei Stadtallendorf (Marburg-Biedenkopf): Es sieht aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Verfallene Gebäude, unzählige Baumstümpfe und zwei Arbeiter, die mit Metalldetektoren durch die Erdhügel stapfen. Nichts deutet daraufhin, dass genau hier in zwei Jahren Bundeswehrsoldaten durch den Morast robben und Einsätze trainieren. Und dass spätestens 2024 hier Lastwagen und Autos über die A49 rollen.

"So ein Projekt ist nicht normal", sagt Bernhard Blümel, Projektleiter bei DEGES, bei einem Besichtigungstermin in dieser Woche. DEGES steht für Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH. Sie baut die A49 von der A5 bei Homberg/Ohm (Vogelsberg), über Stadtallendorf bis nach Fritzlar (Schwalm-Eder).

Konkret geht es um rund 30 Kilometer: Viele Menschen in Mittelhessen sehnen die Strecke seit Jahrzehnten herbei. Aber der Bau sei eben nicht so einfach, betont Blümel. "Es entsteht ein enormes Kostenrisiko, wenn eine Autobahn durch kontaminiertes Gebiet führt".

Lageplan zur geplanten A49.
Die A49 soll eines Tages über die sogenannte "Füllgruppe II" führen, wo einst Munition abgefüllt wurde. Bild © Bundeswehr

Kontaminiert ist der Wald bei Stadtallendorf vor allem mit Sprengstoff und Munition: Im Dritten Reich stand hier das einst größte Sprengstoffwerk Europas, außerdem ein Füllbetrieb für Marinemunition. Ruinen inmitten der gerodeten Fläche auf dem Bundeswehrgelände zeugen noch von den früheren Fabriken. Und beim Auffüllen ist auch mal was danebengegangen. TNT und andere chemische Verbindungen sind in den Boden gelangt und haben ihn vergiftet.

"Erhebliche Mengen von Blindgängern"

Aber nicht nur das: Auch Granaten könnten sich noch im Boden befinden. Während des Zweiten Weltkrieges haben die Alliierten das Gelände bombardiert. Nach dem Krieg hat die US Army hier Munition vernichtet. Das sei ein großes Problem, sagt Martin Kötter, der im Auftrag des Landesbetriebs Bau und Immobilien Hessen (LBIH) die Sanierung steuert: "Ein Großteil der Munition wurde einfach in den Boden gedrückt oder in die Gegend versprengt. Wir rechnen mit erheblichen Mengen von Blindgängern."

Schadstoffe im Boden, im Wasser, Kampfmittelverdacht, Sanierungsmaßnahmen, Autobahnbau – das alles sei sehr komplex und von gewaltiger Dimension. "So etwas findet sich in der Bundesrepublik so schnell nicht wieder", sagt Kötter.

Die Soldaten können nicht ins Gelände

Nun wird die Fläche gereinigt. Das ist nicht nur für die Autobahn wichtig, sondern auch für den Bundeswehrstandort Stadtallendorf. Seit 1959 betreiben die Streitkräfte das Gelände. Heute ist dort die Leitung der Division Schnelle Kräfte zuhause, verantwortlich für 13.000 Soldaten in Deutschland und den Niederlanden. Von hier leitet sie zum Beispiel auch Einsätze der Elitetruppe Kommando Spezialkräfte (KSK). Und der Standort soll wachsen. Doch Schießanlage und Truppen-Übungsplatz stehen nur eingeschränkt zur Verfügung – wegen der verseuchten Böden. "Bei der Ausbildung der Soldaten können wir nicht in das Gelände rein", sagt Jan Fiolka, Oberst im Generalstab.

Deswegen sei man auch bei der Bundeswehr froh, dass im Januar endlich die Sanierung begonnen habe. Und weil Armee und Autobahn von dem Projekt profitieren, werden die Kosten aufgeteilt: Die Bundeswehr übernimmt mehr als 80 Prozent der insgesamt rund 39 Millionen Euro, den Rest zahlt die DEGES.

Es geht um eine Fläche von 560 Fußballfeldern

Mit dem Geld wird das gesamte Gelände rund um die ehemalige Munitionsfabrik dekontaminiert. Das bedeutet: Der Kampfmittelräumdienst untersucht über 400 Hektar, rund 560 Fußballfelder, tausende Bäume müssen gerodet und neu gepflanzt werden, etwa 56.000 Tonnen Boden und Bauschutt werden ausgetauscht. Dazu kommt der Abriss von Gebäuden. Es ist das größte Projekt dieser Art bei den Streitkräften. Spätestens 2021 will die Bundeswehr damit fertig sein, für den gesamten Standort.

Die Fläche, auf der die Autobahn verläuft, soll schon nächstes Jahr geräumt sein. Dann beginnen die Bauarbeiten, sagt DEGES-Projektleiter Blümel. "Das würde bedeuten, dass wohl spätestens Anfang 2024 der Verkehr über die A49 rollt."

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Gerodetes Gelände.

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