Der Fuldaer Bischof Gerber gestikuliert.

Missbrauchsfälle konsequent aufklären, die Entwicklung neuer digitaler Formate, stärkere Beteiligung von Frauen - zu seinem zweijährigen Amtsjubiläum beschreibt Fuldas Bischof Michael Gerber, vor welchen Herausforderungen er das Bistum sieht.

Die katholische Kirche in Deutschland steckt in der Dauerkrise. Nicht enden wollende Schlagzeilen um Gewalt und sexuellen Missbrauch, der Bedeutungsverlust als gesellschaftliche Instanz und erbitterte Diskussionen um die Sexualmoral und um die Rolle von Frauen setzen der alten Institution zu.

Es sind bewegte Zeiten, in denen Michael Gerber das Bistum Fulda in eine bessere Zukunft steuern muss. Der mit 51 Jahren jüngste Bischof der katholischen Kirche in Deutschland ist am 31. März seit zwei Jahren im Amt. Er sagt: "Ich stehe dafür, dass es einen Kulturwandel braucht in unserer Kirche."

Weitere Informationen

Michael Gerber

Geboren am 15. Januar 1970 im badischen Oberkirch.
Nach dem Studium in Freiburg und Rom 1997 Priesterweihe.
Von 2001 bis 2011 stellvertretender Leiter im Priesterseminar Collegium Borromaeum in Freiburg.
2007 Promotion.
2011 bis 2014 Regens des Erzbischöflichen Priesterseminars in Freiburg.
2013 Ernennung zum Weihbischof.
Nach der Wahl durch das Fuldaer Domkapitel am 13. Dezember 2018 Nachfolger des emeritierten Fuldaer Bischofs Heinz Josef Algermissen.

Ende der weiteren Informationen

Bischof Gerber sieht nicht allein die katholische Kirche von einem Bedeutungsverlust betroffen: "Schauen Sie sich die Entwicklung der SPD an. Wir haben bei den großen gesellschaftlichen Akteuren, egal ob Kirchen, Gewerkschaften oder Parteien, massive Prozesse einer zurückgehenden Bindung. Da verändert sich Gesellschaft insgesamt." Die Bindekraft lasse nach "bei großen Playern, die über Jahrzehnte für eine Wertevermittlung standen", das mache ihn nachdenklich.

Kein Bock auf Kirche: großer Mitgliederschwund

Ihre Schäflein kommen den Oberhirten in Scharen abhanden. Immer mehr Menschen kehren der Kirche seit Jahren den Rücken zu. Das lässt sich an den Mitgliederzahlen ablesen. "Diese Austrittswellen schmerzen sehr", gesteht Gerber. Für die Zukunft ist er auch eher pessimistisch: "Ich glaube nicht, dass die Tendenz des Rückgangs noch umzukehren ist."

Weniger Mitglieder bedeuten auch weniger Kirchensteuer-Einnahmen. Der Kirchensteuerrat habe deswegen Sparmaßnahmen angeregt, sagt Bischof Gerber: "Wir werden einiges auf den Prüfstand stellen." Man prüfe, welche Immobilien die Kirche noch braucht oder gemeinsam mit der evangelischen Kirche oder Kommunen nutzen kann. Man wolle zuerst bei Gebäuden sparen statt beim Personal.

Der neue Bischof von Fulda Michael Gerber

Gerber sagt: "Es ist eine Herausforderung, wie wir neu mit Menschen in Kontakt treten können. Dabei helfen uns auch digitale Wege." Das Bistum biete neue, interaktive Formate an, etwa bei Gottesdiensten.

Corona als Innovationstreiber

"In Krisen bietet sich oft die Chance, dass sich an Stellen Kreativität entwickelt, wo man es vorher nicht erwartet", beobachtet Gerber. "Es gibt Initiativen, die durch Corona stark geworden sind." In Kalbach (Fulda) hätten Jugendliche begonnen, ein neues Gottesdienstformat zu entwickeln. "Es ist eine Chance, dass Menschen auf digitale Formate aufmerksam werden. Und die Hemmschwelle sinkt, sich dem kirchlichen Angebot zuzuwenden."

Neu aufgestellt worden sei auch die Hochschulgemeinde für Studierende. Zudem werden in einem Wohnprojekt angehende Akademiker mit Handwerkern in Kontakt gebracht. "Das ist eine soziale Chance, dass sich verschiedene Menschen begegnen", findet Gerber.

Missbrauch und Aufarbeitung

Jüngst sorgten der Umgang und die Aufklärung von Missbrauchsvorwürfen im Erzbistum Köln bundesweit für Kritik. "Das ist bedrückend und natürlich ein Tiefschlag", sagt Gerber: "Darunter leide ich selbst auch. Da leisten Menschen bei uns tolle Arbeit, und dann kommen die großen Schlagzeilen."

Der neue Bischof Michael Gerber beim Antrittsbesuch im Bistum Fulda

Im Bistum Fulda arbeite man konsequent Missbrauchsfälle auf. "Die Art, wie wir damit umgehen, ist prägend für Betroffene, ihre Geschichte zu verarbeiten", sagt Gerber. Die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) bestätigt, dass bei einem konkreten Fall "sehr konsequent und transparent gehandelt" worden sei: "Das muss sich auch in der Aufarbeitung vergangener Fälle zeigen."

Dialogbereit mit Reformern

Die Reform-Bewegung "Wir sind Kirche" lobt: Gerber gelte als dialogbereit - sowohl mit Jugendverbänden wie auch mit Reformgruppen wie "Maria 2.0". Die Bewegung wünscht sich, dass sich Gerber klar und deutlich zum Reformkurs bekennt. Gerber verortet sich selbst zwischen Bewahrern der Tradition und Erneuerern.

Bischof Gerber kündigte an, mehr für die Beteiligung von Frauen in der Kirche zu tun: "Mir ist wichtig, wie Frauen bei uns in Verantwortung kommen. Wo es um strategische Initiativen und um Wachstumsbereiche geht, sind Frauen maßgeblich dabei. Und auch, wo es ums Geld geht, sind Frauen dabei." Etwa im Verwaltungsrat, der sich ums Vermögen der Diözese kümmert.

Bischof Gerber bei einer öffentlichen Pilgerwanderung.

Der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands geht das aber nicht weit genug. "Bei der Geschlechtergerechtigkeit im Bistum sehen wir noch ganz viel Luft nach oben", sagt die kfd-Diözesanvorsitzende Bettina Faber-Ruffing. Die Anzahl der Frauen in der Leitungsebene sei im Vergleich zu anderen Bistümern äußerst gering.

Doch Faber-Ruffing lobt auch: "Bischof Gerber hat frischen Wind hereingebracht. Konkret merken wir das auch an seiner Arbeitsweise: Das eigentliche Bischofshaus ist jetzt ein Arbeitshaus. Bischof Gerber wohnt wesentlich bescheidener als sein Vorgänger nebenan." Er sei zugewandt und gebe der Frauengemeinschaft das Gefühl, ernst genommen zu werden.

Sportlich, sportlich - der Bischof privat

Gerber, der gebürtige Schwarzwälder, sagt über seine neue Heimat Osthessen: "Ich fühle mich sehr wohl und habe die Region sehr schätzen gelernt. Ich kenne die meisten Langlaufloipen und Fahrradwege und fühle mich in der Natur sehr wohl." Auch die Städte und Dörfer haben es ihm angetan: "Das viele Fachwerk, das man hier noch sieht, wird liebevoll gepflegt."

Weitere Informationen

Das Bistum

Fulda ist das kleinste Bistum in Westdeutschland, betrachtet man die Bevölkerungs- und Katholikenzahlen (rund 376.000). Es erstreckt sich von Bad Karlshafen (Kassel) bis zum Frankfurter Stadtteil Bergen-Enkheim und von Marburg bis nach Geisa im Thüringer Land.

Ende der weiteren Informationen