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zum Video Geburtsstationen schließen - Hebammen protestieren

hs

In Hessen macht eine Entbindungsstation nach der anderen zu. Das ist schlecht für alle - Eltern, Ärzte und Hebammen.

Immer mehr Geburtsstationen in Hessen schließen, im Juli auch die Entbindungsstation im Diakonie-Krankenhaus Marburg Wehrda. Aktuell kommt noch der Kreißsaal im Kaiserin-Auguste-Victoria-Krankenhaus in Ehringshausen dazu.

Celina Henkel ist eine der betroffenen Hebammen. Die junge Frau mit den blonden Haaren sitzt auf einer Matte auf dem Boden in ihrer Praxis in Stadtallendorf, neben ihr die frischgebackenen Eltern Marie und Stefan Bauerbach mit ihrem Baby Theo. Den Säugling hat die Hebamme gewickelt und in ein Tuch gelegt. Das baumelt jetzt an einer Hängewaage. An der liest Celina Henkel das Gewicht ab: "Sehr gut, es sind 5.460 Gramm, Theo hat gut zugenommen."

Ohne Personal sind keine Geburten möglich

Vor drei Monaten kam Theo zur Welt, allerdings nicht dort, wo es sich seine Eltern gewünscht haben: zusammen mit ihrer Hebamme Celina Henkel im kleinen, familiären Kreißsaal des Diakonie-Krankenhauses Marburg Wehrda. "Eigentlich hieß es, dass es bis Dezember noch möglich ist dort zu entbinden und da wir ja im Juni, Juli den Termin hatten, waren wir optimistisch", sagt Theos Mutter. "Aber leider mussten wir dann doch in die Uniklinik."

Und so wurde Theo in der Uniklinik Marburg geboren, weil die gewünschte Geburtsstation wegen Personalmangels bereits im Juli frühzeitig geschlossen wurde. "Da mussten wir Hebammen dann einfach in den sauren Apfel beißen und den Frauen sagen, dass es nicht möglich ist, in Wehrda weiter zu entbinden“, erinnert Mitarbeiterin und Hebamme Henkel.

Fünf Schließungen in vier Jahren - und es werden noch mehr

Seit 2015 haben fünf der rund 70 geburtshilfliche Stationen in Hessen geschlossen: 2016 die Geburtshilfe des Kreiskrankenhauses des Vogelsbergkreises in Alsfeld. 2018 hat das Agaplesion Markus Krankenhaus in Frankfurt die geburtshilfliche Station zugemacht. Die geburtshilfliche Belegabteilung am St. Elisabeth-Krankenhaus in Volkmarsen hat zum 30. Juni 2019 ihren Betrieb eingestellt, im Juli folgte dann das Diakonie-Krankenhauses Wehrda und die Geburtshilfe am Marienhospital in Darmstadt.

Die Karte zeigt die Krankenhäuser in Hessen, an denen Geburtshilfe-Stationen geschlosssen werden.

Zwei weitere Stationen werden folgen: Ende September beendet das Kaiserin-Auguste-Victoria-Krankenhaus in Ehringshausen die Geburtshilfe. Auch das Heilig-Geist-Hospital in Bensheim hat die Schließung der geburtshilflichen Abteilungen angekündigt.

Trotzdem gebe es immer noch genügend Kreißsäle, versichert das Sozialministerium. Allerdings hätten es die Frauen auf dem Land schwerer. "Wir haben eine Planung aufgelegt, die es ermöglicht, dass mehr als die Hälfte aller Frauen in Hessen innerhalb von 30 Minuten die nächstgelegene Geburtsstation erreichen kann", sagt Sozialstaatssekretärin Anne Janz. Einem weiteren Viertel gelänge dies in 40 Minuten. Und ein "kleines Segment" müsse noch länger zur Geburt fahren. "Das sind aber in der Regel auch Frauen, die sich darauf einrichten."

Natürliche Geburten rechnen sich für die Krankenhäuser kaum

Der Grund für die Schließungen hessenweit sind immer fehlendes Personal und die Wirtschaftlichkeit, sagt Nina Rinkleff, Sprecherin des Hessischen Hebammenverbandes für den Kreis Marburg-Biedenkopf. Natürliche Geburten, also solche ohne Kaiserschnitt, rechneten sich für die Krankenhäuser kaum. "Die Häuser wollen keinen Profit machen, aber sie müssen ihre Personalkosten damit tragen." Die Haftpflichtversicherungen der freiberuflichen Hebammen seien da schon zu hoch, auch viele Ärzte in Krankenhäusern hätten dieses Problem.

Auch das Kaiserin-Auguste-Victoria-Krankenhaus in Ehringshausen im Lahn-Dill-Kreis schließt seinen Kreißsaal zum 30. September. Den Hebammen dort bricht es das Herz. "Es ist schlimm. Ich bin traurig, enttäuscht und auch sauer", sagt Christine Keller. 18 Jahre hat sie im Kreißsaal in Ehringshausen als freiberufliche Beleghebamme gearbeitet.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Wenn die Geburtsstation schließt, kurz bevor das Baby kommt...

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Staatliche Geburtshaftpflicht könnte Abhilfe schaffen

Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen fordert nach eigenen Angaben, Geburtsabteilungen wie die in Ehringshausen kostendeckend zu finanzieren und etwa ähnlich der gesetzlichen Haftpflichtversicherung eine staatliche Geburtshaftpflicht einzuführen.

Dass die Entbindungsstation in Ehringshausen nun bald schließt, schmerzt auch Bürgermeister Jürgen Mock. Er sieht aber noch ein wenig Hoffnung, denn der Kreißsaal wird nicht nicht gleich abgebaut. "Und wenn sich die Rahmenbedingungen ändern, die Versicherungen anders finanziert würden, und die Ärzte auch wieder Lust hätten in Ehringshausen Kinder zur Welt zu bringen, sehe ich noch eine Chance."

Die Eltern des kleinen Theo konnten sich in ihrer Region kein kleines Krankenhaus mehr für die Geburt ihres Kindes aussuchen. Ihre Hebamme will, dass das wieder anders wird. "Der Protest ist wichtig, wir setzen ein Zeichen für die Zukunft."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 25.09.2019, 16.45 Uhr