Hinter einem weißen Grabstein umarmen sich eine schwarzgekleidete blonde Frau mit Brille und Mund-Nasen-Schutz und eine Frau im braunen Mantel mit dunkleblauem Kopftuch, deren Gesicht nicht zu sehen ist. Beide sind Angehörige von Anschlagsopfern.

In Hanau gedenken Angehörige, Politiker und Zivilgesellschaft der Opfer des rassistischen Terroranschlags vom 19. Februar 2020. Bei der offiziellen Gedenkveranstaltung mischen sich unter die Worte der Trauer und der Mahnung auch solche der Wut.

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Gedenkfeier für Opfer des Anschlags von Hanau

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Als die letzte Koransure verklungen ist, herrscht auf dem muslimischen Gräberfeld des Hanauer Hauptfriedhofs eine eigentümliche Stille. Gut hundert Menschen sind vor den marmornen Gräbern der Opfer des Terroranschlags von Hanau zusammengekommen, um der neun Toten jener Nacht des 19. Februars 2020 zu gedenken. Kränze werden niedergelegt, Reden gehalten.

Doch in dem Moment, als Imam Mustafa Macit Bozkurt seine melodische Rezitation aus dem heiligen Buch der Muslime beendet hat, ist nur Schweigen zu vernehmen. Eine Ruhe, die andeutet, dass es an diesem Tag eigentlich kaum so etwas wie "richtige Worte" geben kann - und trotzdem alle versuchen, sie zu finden.

"Sucht Hilfe in der Geduld"

Imam Bozkurt vom Islamischen Verein Hanau zitiert aus dem Koran: "Oh ihr Gläubigen, sucht Hilfe in der Geduld." Geduld indes ist den Angehörigen der Ermordeten in den vergangenen zwei Jahren bereits reichlich abverlangt worden.

Zahlreiche Fragen sind aus ihrer Sicht noch immer nicht beantwortet: Warum der Täter trotz zahlreicher Hinweise auf sein gestörtes Weltbild an Waffen kommen konnte. Warum der Notruf in der Tatnacht unterbesetzt war und technisch zu alt für eine Umleitung. Warum einige Familien erst einen halben Tag nach der Tat vom Tod ihrer Angehörigen erfahren haben. So mischen sich an diesem Gedenktag unter die Worte der Trauer und der Mahnung auch solche der Wut.

Erinnerung als Verpflichtung

"Es heißt, die Zeit heilt alle Wunden. Aber das stimmt so nicht. Es gibt Wunden, die heilen nie", hatte Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) gleich zu Beginn der Gedenkfeierlichkeiten erklärt. Eine solche Wunde habe der Anschlag vom Februar 2020 gerissen. Diese würde nicht nur von den Angehörigen gespürt, sondern von der ganzen Stadt. "Wann immer man diese Wunde berührt, sich an das Geschehene erinnert, schmerzt sie erneut. Aber diese Berührung, dieses Erinnern ist wichtig", sagte Kaminsky. Aus dem Erinnern wiederum erwachse die Verpflichtung, sich gegen Hass, Diskriminierung und Rassismus einzusetzen.

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Zwei Jahre Hanau: Mahnung und Gedenken

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Die Verpflichtung zum Einsatz für eine offene, vielfältige Gesellschaft und gegen rassistische Ideologien zieht sich als Grundmotiv durch die Ansprachen an diesem Samstagvormittag. Imam Bozkurt hatte die Grabstätten der Opfer als "Mahnmal" für die schrecklichen Folgen von Rassismus bezeichnet. Oberbürgermeister Kaminsky erinnerte daran, dass in kürzester Zeit Gedenkstätten an den Tatorten und dem Hauptfriedhof entstanden seien. Es gibt in Hanau mehr als einen Ort, an dem die Wunde noch zu spüren ist.

Kaminsky hat in den vergangenen zwei Jahren bei sehr vielen Gelegenheiten die richtigen Worte gefunden. Diesmal will er in seiner Rede einen großen Bogen schlagen. Er gerät zu groß. Um daran zu erinnern, dass Rassismus und Hass letztlich immer zu Gewalt und Tod führen, wählt er einen historischen Vergleich, der ihm rasch und aufgeregt von einigen in den sozialen Netzwerken als Geschichtsrevisionismus ausgelegt wird: "Hier liegen auch die Toten der Bombennacht des 19. März 1945, die letztlich ebenfalls Opfer eines blinden Rassismus geworden sind, der von Deutschland ausgegangen ist."

Mehr als nur Namen

Auch die Aufgabe von Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) an diesem Samstag ist alles andere als einfach. Immerhin repräsentiert er als Chef der Landesregierung eine jener Institutionen, die nach Ansicht von Opferangehörigen und ihrer Unterstützerinnen und Unterstützer nicht genug zur Aufklärung der Geschehnisse beitragen. "Wir haben die Opfer, aber auch Sie nicht vergessen", versichert Bouffier den Angehörigen. Er sei sich dennoch nicht sicher, "ob es gelingen wird, die Fragen, die Sie, aber auch uns bewegen", in Gänze zu beantworten. Bouffier spricht in dem warmen, ruhigen Tonfall, den er sich in seinen Jahren als "Landesvater" zueigen gemacht hat. Ein Ton, der um Verständnis wirbt - vielleicht auch um Vergebung?

Bouffier betont, dass es ein besonderes Verdienst der Hinterbliebenen sei, dass nach diesem Anschlag nicht allein der Täter, sondern die Opfer ins Zentrum des öffentlichen Bewusstseins gerückt seien. "Say their names" - "Sagt ihre Namen", ist eine Aufforderung, der sich neben Bouffier auch alle anderen Rednerinnen und Redner anschließen.

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Ermordet am 19. Februar 2020 in Hanau

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Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) geht noch einen Schritt weiter. Zu jedem Namen liefert sie einen kurzen Auszug aus der Biografie. Über Gökhan Gültekin etwa weiß sie zu berichte, dass er Geld sparte für seine geplante Hochzeit. Über Sedat Gürbüz, dass dieser Fußball beim FC Dietzenbach gespielt hat, über Vili Viorel Păun, dass dieser seine Ausbildung unterbrach, um sich um seine erkrankte Mutter kümmern zu können. Faeser sagt mehr als nur die Namen. Sie findet die richtigen Worte, um aus den Namen wieder Menschen zu machen.

Angehörige beklagen "Vereinnahmung des Gedenkens"

Faeser greift auch die Kritik der Angehörigen direkt auf. Diese hätten einen Anspruch auf "eine transparente und lückenlose Aufarbeitung aller Hintergründe". Diese Bringschuld, so Faeser, sei noch nicht erfüllt.

Eine Aussage, der Çetin Gültekin wohl zustimmen würde. Der Bruder des ermordeten Gökhan Gültekin packt die Wut in eine Anekdote: "Vor einigen Tagen hatte ich einen Traum. Kein großer Traum, denn mein Bruder war immer noch tot", erklärt er. Doch in diesem Traum habe es einen Beauftragten gegeben, der die Hinterbliebenen der Anschlagsopfer nicht wie "willenlose Objekte" behandelt habe. In diesem Traum seien er und die übrigen Angehörigen vom Polizeichef und Innenminister zu einem Gespräch eingeladen worden. Und in diesem Traum hätten sie beim Kampf um Entschädigung nicht als "Bittsteller" einem "bürokratischen Monster" gegenübergestanden.

Gültekin ist nicht der Einzige, der bei dieser Gedenkfeier seine Frustration zum Ausdruck bringt. "Ich bin immer noch traurig, und ich bin wütend", sagt Emiş Gürbüz. Die Mutter des ermordeten Sedat Gürbüz kritisiert, dass das Land Hessen die Gedenkveranstaltung vereinnahmt habe. Das Ergebnis sei, dass zahlreiche Freunde und Angehörige an der Veranstaltung nicht hätten teilnehmen können. "Es macht mich immer noch fassungslos, dass unsere Wünsche an diesem besonderen Tag ignoriert werden." Tatsächlich werden, während Gürbüz ihre Ansprache hält, vor dem Hauptfriedhof mehrere Freunde der Verstorbenen von der Polizei abgewiesen.

Gedenken in Innenstadt

Auch nach den wütenden Worten von Emiş Gürbüz und Çetin Gültekin herrscht wieder eigentümliches Schweigen - diesmal ein beklommenes. Die Gedenkveranstaltung auf dem Hauptfriedhof geht in Stille zu Ende. Mit leise weinenden Verwandten, betroffenen Politikern und Gästen, die sich allenfalls leise unterhalten, bis sie die letzte Ruhestätte der Toten verlassen haben.

Am Nachmittag versammeln sich am ersten Tatort in der Innenstadt und auf dem zentralen Marktplatz hunderte Menschen zum Gedenken an die Opfer von Hanau. Auch sie werden die richtigen Worte suchen. Solche der Trauer, des Mitgefühls und der Wut. Es werden die richtigen sein.

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