Armin Kurtović am Rednerpult

Bei der Gedenkfeier zum ersten Jahrestag des Terroranschlags in Hanau haben die Angehörigen der Opfer ihren tiefen Schmerz gezeigt - aber auch Bitterkeit. Der Vater eines Getöteten kritisierte die hessischen Behörden.

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"Es dauerte fünf Minuten und sechs Sekunden. Fünf Minuten und sechs Sekunden, in denen neun Menschen starben, nach denen für neun Familien nichts mehr ist wie zuvor." Mit diesen Worten begann am Freitag die Trauerfeier für die Angehörigen des Terroranschlags in Hanau. Es war eine leise, nachdenkliche Feier, die ganz im Zeichen der neun Opfer stand: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov.

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Die Familien der Angehörigen saßen im abgedunkelten Saal des Hanau Congress Park - wegen Corona mit FFP2-Masken und Abstand zueinander. Nur 50 Menschen durften wegen der Hygieneregeln teilnehmen, vorher mussten alle einen Corona-Test machen. Die Emotionen der Angehörigen waren unter den Corona-Masken schwer zu erkennen. Ab und zu nahm jemand eine Maske ab, um sich eine Träne aus den Augen zu wischen.

"Tagtäglich gezwungen, mit dem Tod unserer Kinder zu leben"

Auf der Bühne leuchtete eine einsame Kerze, angezündet vom ehemaligen Fußballstürmer und Ehrenbürger der Stadt Hanau, Rudi Völler. Dahinter prangten die Fotos der neun Opfer auf großen, beleuchteten Aufstellern. "Wir werden Dich nie vergessen", stand darunter. Nacheinander lasen Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) ihre Namen vor. Um den Angehörigen Raum für ihre Trauer zu geben, verzichteten sie auf eine Rede.

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Eindrücklich war dafür die Rede von Armin Kurtović, dem Vater des getöteten Hamza Kurtović. "Seit dem Anschlag steht die Welt für uns still", sagte er. Nichts sei mehr so, wie es einmal war. "Tagtäglich sind wir gezwungen, mit dem Verlust unserer eigenen Kinder zu leben." Ob "Fatih, der viel lachte, der dabei war, sich eine eigene Firma aufzubauen", oder "Mercedes, die ihren Kindern die beste Freundin war" - den neun Opfern blieben ihre Träume und Ziele für immer verwehrt.

Deutliche Kritik an Behörden

Kurtović dankte dem Bundespräsidenten und Hanaus Oberbürgermeister für ihre Anteilnahme - gleichzeitig prangerte er aber auch Missstände an: "Tagtäglich fragen wir uns, ob die Tat nicht hätte verhindert werden können. Warum wurde uns ein würdevoller Abschied verwehrt?"

Immer wieder hätten die hessischen Behörden die Anfragen der Opferfamilien abgewehrt, kritisierte er. Es sei "sehr bitter" und tue weh, dass die Behörden erst durch die Strafanzeige der Familie gezwungen werden mussten, sich mit den ihnen bekannten Missständen zu beschäftigen, so Kurtović. Die Familien hatten Strafanzeige gegen den Vater des Attentäters Tobias R. gestellt, wegen Beihilfe zum Mord.

Es sei zutiefst enttäuschend, dass die Bitte nach Gesprächen immer wieder verweigert werde. Dabei müsse alles getan werden, die Umstände in der Tatnacht aufzuklären. Kürzlich war bekannt geworden, dass der Polizeinotruf zur Zeit der Tat unterbesetzt war.

"Würde alles dafür geben, noch einmal mit ihm zu sprechen"

"Wir wissen, dass wir die Tat nicht ungeschehen machen und unsere Kinder nicht zurückholen können. Jedoch darf sich so eine Tat nicht wiederholen. Wir werden nicht zulassen, dass unsere Kinder umsonst gestorben sind", sagte Kurtović am Rednerpult.

Auch andere Angehörige forderten eine lückenlose Aufklärung der Tat. In Videobotschaften mahnten sie mit emotionalen Worten mehr Anstrengungen im Kampf gegen Rassismus an. Die Verantwortlichen, die Fehler vor und nach der Tat begangen hätten, müssten zur Rechenschaft gezogen werden.

Die Angehörigen berichteten von schlaflosen Nächten und ihrer Trauer. "Ich würde alles dafür geben, noch einmal mit ihm zu sprechen", sagte Serpil Unvar, die Mutter von Ferhat Unvar. Sie wolle keine Vorwürfe machen, sondern Verständnis schaffen. Dazu habe sie ihre Bildungsinitiative Ferhat Unvar gegründet.

Innenminister Beuth verspricht Antworten

Zum Zusammenhalt rief auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede auf. Er wisse, dass es Kritik und Fragen gebe, sagte Steinmeier. Wo es Fehler oder Fehleinschätzungen gegeben habe, müsse aufgeklärt werden. "Nur in dem Maße, in dem Antworten auf offene Fragen gegeben werden, kann verlorenes Vertrauen wieder wachsen. Deshalb müssen wir uns so sehr darum bemühen. Der Staat ist gefordert."

Innenminister Peter Beuth (CDU) versicherte in der hessenschau am Freitagabend, dass das Land Antworten auf alle offenen Fragen der Angehörigen der Opfer des Hanauer Anschlags geben werde, sobald die Bundesanwaltschaft ihre Ermittlungen in dem Fall abgeschlossen habe. Derzeit sei die Behörde in Karlsruhe noch Herr des Verfahrens.

Um 19.02 Uhr - in Anlehnung an das Datum des Anschlags, dem 19. Februar 2020, endete die Feier mit Glockengeläut. Es dauerte genau fünf Minuten und sechs Sekunden - so lange, wie der Schrecken in der Tatnacht.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 19.02.2020, 19.30 Uhr