Olga (links) und Olena im Portrait freigestellt auf einer farbigen Fläche.

Anfang März machten sich die Cousinen Olga und Olena in Charkiw auf den Weg. Ihre Flucht endete in Eltville. Sie verzehren sich vor Sorge um ihre Heimat - glauben aber, dass dem Krieg auch etwas Gutes für die Ukraine folgt.

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"Wollen kein Russisch mehr sprechen"

Die Cousinen Olena und Olga aus Charkiw
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Olga ist 27 Jahre alt, hat Psychologie studiert und in der Millionenstadt Charkiw in einer Karl-Lagerfeld-Boutique als Verkaufsleiterin gearbeitet. Eckdaten ihres Lebens in der Ukraine, das sich vor ein paar Wochen aufgelöst hat.

"Wir wollen zurück! Dort ist unser Leben, dort haben wir schon angefangen, unser Leben aufzubauen. Allein der Gedanke, wir müssten von vorne anfangen ...", sagt sie, als sie im Hotel Schloss Reinhartshausen in Eltville sitzt und nach ihrer Hoffnung für die nächste Zukunft gefragt wird. Dieses Schloss im Rheingau: Hier spielt sich plötzlich Olgas Gegenwart ab. Unverhofft, auch wenn sie hier in Sicherheit leben kann.

"Ohne meine Cousine wäre ich verloren"

Olga telefoniert oft mit ihren Eltern in Charkiw, wie sie sagt. Die Stadt liegt im Osten der Ukraine, gut 40 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Seit Kriegsbeginn ist Charkiw unter Dauerbeschuss. In den Nachrichten steht der Name der zweitgrößten Stadt im Land für eine Heimat, die es in der gewohnten Form nicht mehr gibt.

Am 5. März ist sie von dort geflohen. Olga brachte 40 Stunden Zugfahrt hinter sich, gedrängt, im Stehen. Im südpolnischen Krakau wartete ihre Cousine Olena, 21 Jahre alt, auf sie. "Ohne meine Cousine wäre ich verloren", sagt Olga knapp einen Monat später im Schloss Reinhartshausen.

Olga, die aus der Ukraine nach Deutschland geflüchtet ist

Die Mutter hatte Olena schon ein paar Tage vorher zur Flucht überredet. Die beiden jungen Frauen reisten zusammen weiter nach Hamburg, kamen dann in die Erstaufnahme nach Gießen, in eine Notunterkunft nach Neu-Anspach (Hochtaunus), schließlich brachte der Rheingau-Taunus-Kreis sie in Eltville unter.

"Ich war dreimal kurz davor zurückzukehren. Mama sagte Nein"

Olga und Olena wohnen jetzt in diesem zum Hotel umgewandelten Schloss, mit Blick auf den Rhein und alten Gemälden an den Wänden. Eine ungewöhnliche Flüchtlingsunterkunft des Kreises. Aber das Hotel wird gerade renoviert, es ist eine Baustelle. Die Zimmer waren schon ausgeräumt und ohne Tapete. Der Besitzer, ein Kurde, wollte den Raum für Flüchtlinge zur Verfügung stellen. Rund 100 Ukrainerinnen und Ukrainer haben hier Zuflucht gefunden.

"Wir haben Riesenglück gehabt. Die ersten zwei Tage haben wir uns nicht getraut, die Koffer auszupacken, weil wir gedacht haben, wir müssen weiter", erzählt Olena. Aber sie sagt auch, und damit ist sie einer Meinung mit Olga: "Ich möchte nach Hause, zurück zu meiner Mama, ich möchte mein Leben zurück. Ich war schon dreimal kurz davor zurückzukehren. Meine Mama hat mir das wieder ausgeredet."

Olena, die aus der Ukraine nach Deutschland geflüchtet ist, im Schloss Reinhartshausen

Olenas Mutter überlebt im Keller. Das Haus habe dicke Wände, beruhigt sie sich. Der Stiefvater, ein Apotheker, versorge die Truppen an der Front mit Medikamenten, so berichtet es Olena. Er habe in den letzten Tagen nichts mehr zu tun gehabt: Es gebe keine Medikamente mehr.

"Unmöglich, so zu sitzen und nichts zu tun"

Auch Olga ist inzwischen etwas ruhiger geworden, wie sie sagt: Die Eltern konnten zu Bekannten umziehen in einen anderen Stadtteil, in ein älteres, stabileres Gebäude. Bei modernen Häusern seien oft die Fenster kaputt, zersplittert. "Die platzen einfach vom Lärm der Flieger und Raketen, ohne beschossen zu werden", erzählt Olga. Ihr Vater sei Leiter bei der Feuerwehr und immer im Einsatz. Einer Cousine sei das Haus zerbombt worden, eine Tante habe gerade rechtzeitig aus Butscha fliehen können, jenem Städtchen vor Kiew, wo vermutlich hunderte Zivilisten von den russischen Soldaten misshandelt und ermordet wurden.

Was machen Olga und Olena nun im Schloss Reinhartshausen? Erlaubt es ihnen ihre Situation, überhaupt Pläne zu machen für eine Zukunft, die unsicherer ist denn je? Die beiden sagen, sie wollten Deutsch lernen und hier arbeiten. Sonst falle ihnen die Decke auf den Kopf. "Das ist nicht möglich, so zu sitzen und nichts zu tun", sagt Olena. Ukrainische Flüchtlinge dürfen ohne Aufschub in Deutschland arbeiten - aber natürlich müssen sie erst einmal gemeldet sein, Qualifikationen nachweisen, eine Erlaubnis von Amts wegen erhalten. Etwas sitzen werden die beiden also noch müssen.

Möglichst schnell arbeiten wollen die zwei Cousinen noch aus einem weiteren Grund. "Allein schon, um Dankbarkeit zu zeigen. Wir wollen ein gutes Beispiel sein", sagt Olena: "Ukrainer sind ein dankbares Volk. Wir sind keine Schmarotzer, wir wollen etwas zurückzahlen." Die 21-Jährige ist Köchin und will gerne sofort wieder an den Herd. "Das ist nicht nur mein Beruf - das ist mein Hobby, meine Leidenschaft!"

Cousinen Olga und Olena, die aus der Ukraine nach Deutschland geflüchtet sind, und Übersetzerin Irena Schmidtmann

Olena und Olga erzählen das alles auf Russisch. Dolmetscherin Irena Schmidtmann, die zu dem Treffen ins Hotel Schloss Reinhartshausen gekommen ist, übersetzt. Zu Hause in Charkiw sprachen Olga und Olena sowohl Russisch als auch Ukrainisch sowie einen Dialekt, eine Mischung aus beidem.

"Wir hoffen vielleicht, dass Putin stirbt"

Wenn sie in die Ukraine zurückkommen werde, sagt Olga, wolle sie aber kein Russisch mehr sprechen. "Es ist makaber, aber Russland hat uns ein Geschenk gemacht", sagt die 27-Jährige. "Früher waren Russischsprachige und Ukrainischsprachige jeweils eine Gruppe für sich. Russland wollte uns befreien, aber sie haben das Gegenteil erreicht. Das Volk steht vereint gegen Russland."

Beide machen den Eindruck, als sei ihnen klar, dass eine schnelle Rückkehr in ihre Heimat wahrscheinlich nicht möglich sein wird - auch wenn sie sich das von Herzen wünschen. "Man kann jetzt sagen, wir hoffen vielleicht, dass Putin stirbt. Es ist eine kleine Hoffnung", sagt Olena: "Aber der Verstand sagt, auch dann wird das nicht aufhören."

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