In einem Marburger Neubaugebiet häufen sich seit Jahren seltene Krebsfälle. Das Gesundheitsamt sucht mögliche Ursachen, Anwohner hoffen auf Bodenproben. Nun steht fest: Die wird es nicht geben.

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Bodenproben in Michelbach: Behörden sehen keinen Anlass

Luftaufnahme einer Ortschaft mit vielen Einfamilienhäusern
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Woran könnte es liegen? Steckt etwas im Boden, im Wasser, in den Häusern? Anwohner, Betroffene und das Gesundheitsamt Marburg-Biedenkopf suchen momentan Ursachen dafür, dass im Marburger Neubaugebiet Michelbach-Nord auffällig viele Menschen an seltenen Formen von Blut- und Immunzellenkrebs erkrankt sind.

Nachdem dies zunächst einem Arzt im Stadtteil aufgefallen war, bestätigte auch das Krebsregister eine statistische Häufung: In den vergangenen zwölf Jahren erkrankten acht Menschen. Dem hr ist außerdem bekannt: Mehrere von ihnen sind unterdurchschnittlich jung erkrankt.

Keine Bodenproben geplant

Nachdem laut Kreisgesundheitsamt zunächst das Wasser im Ort als mögliche Ursache ausgeschlossen wurde, hatten viele im Ort auf Antworten durch Bodenproben gehofft. Zunächst hatte das Gesundheitsamt mitgeteilt, man sei mit dem Regierungspräsidium (RP) Gießen darüber im Austausch.

Inzwischen steht aber fest: Bodenuntersuchungen wird es in dem Neubaugebiet vorerst nicht geben. Auch in der Vergangenheit gab es offenbar nie welche.

Stadt: Kein Verdacht auf Altlasten

Das Baugebiet wurde ab 1997 von der Marburger Stadtentwicklungsgesellschaft entwickelt. Auf Anfrage teilte die Stadt mit: Weil es auf der landwirtschaftlichen Fläche damals keinen Altlastenverdacht gab, habe man bei der Baugebietsentwicklung keinen Anlass für spezielle Bodengutachten über die Standarduntersuchungen hinaus gesehen.

Diesen Anlass sehen die Behörden offenbar auch aktuell nicht. Auf hr-Anfrage antwortete das RP Gießen: Wegen ihrer Kostenintensität führe man solche Untersuchungen "nur in begründeten Fällen und bezogen auf die unmittelbar kontaminierte Fläche" durch, etwa nach Unfällen.

RP: Fläche vorher für Getreideanbau genutzt

Weil auf der Fläche keine "Altlastenvergangenheit" dokumentiert sei, sehe man keine Anhaltspunkte für gezielte Bodenproben. Das gesamte Neubaugebiet sei auf einer sogenannten grünen Wiese errichtet worden. Vorher habe dort ein ortsansässiger Landwirt unter anderem Getreide angebaut, hieß es aus dem RP.

"Von solchen Flächen geht in der Regel keine Gefährdung aus, da aktiv genutzte landwirtschaftlichen Flächen nicht für illegale Ablagerungen oder gar Entsorgungen gefährlicher Abfälle missbraucht werden können, anders als bei ungenutzten bzw. verwahrlosten Brachflächen oder ehemaligen Gewerbeflächen."

Mögliche Altlasten in der Umgebung?

In Michelbach kommt immer wieder die Rede auf die unmittelbare Nähe zu Marburgs größtem Pharma-Standort, allgemein bekannt als Behringwerke.

Etwa zwei Kilometer Luftlinie vom Neubaugebiet entfernt liegt der frühere Gutshof Görzhausen, der seit den 1960er-Jahren zu einem Industriestandort entwickelt worden ist. Heute produzieren dort mehrere große Pharma-Konzerne.

Dass es von dort zu industriellen Verunreinigungen in Wasser oder Boden von Michelbach-Nord gekommen ist, hat der derzeitige Standortbetreiber bereits gegenüber dem hr ausgeschlossen. Doch was ist mit möglichen Altlasten aus der langen Geschichte der Behringwerke?

Ehemalige Mülldeponie: altlastenverdächtig, aber zu weit weg

Aufgrund vieler Nachfragen von Nutzerinnen und Nutzern hat der hr hierzu das RP Gießen ausführlich befragt. Die einzige aktuell als altlastenverdächtig geführte Fläche in Michelbach ist ein ehemaliger Gemeindemüllplatz.

Laut RP wurde die Fläche bisher noch nicht abschließend untersucht und saniert. Auf der ehemaligen Hausmülldeponie sollen auch Bauschutt, Bodenaushub und Gartenabfälle gelagert worden sein - und Gewerbeabfällen der ehemaligen Behringwerke. 

Das RP sieht darin jedoch keinen Zusammenhang mit den Krebsfällen. Denn: Die ehemalige Deponie liege mindestens zwei Kilometer Luftlinie entfernt vom Neubaugebiet und näher am alten Ortskern von Michelbach, in dem keine statistische Krebshäufung beobachtet worden sei.

Die Karte verortet das Neubaugebiet und den alten Ortskern Michelbach, das Pharmaunternehmen und die ehemalige Mülldeponie.

RP: "Altlasten ein Thema von vielen"

Mögliche Altflächen in größerer Entfernung kämen nur als Ursache infrage, wenn eine Transmission, also Durchlässigkeit, von krebserzeugenden Stoffen über die Bodenluft oder das Grundwasser zu den betroffenen Grundstücken in relevantem Ausmaß erfolge.

"Hierbei müsste es sich um sehr große Mengen und dazu noch leicht flüchtiger, sehr mobiler Schadstoffe handeln", teilte das RP mit. Es seien in und um Michelbach-Nord keine belasteten Altflächen bekannt, auf die das zutreffen könnte.

Das Thema Altlasten ist laut RP Gießen zudem nur eines von vielen. "Wir weisen darauf hin, dass das Gesundheitsamt derzeit in viele Richtungen ermittelt, wie berufsbedingte Exposition, Bausubstanz der Wohnhäuser, Einsatz von Holzschutzmitteln oder Schädlingsbekämpfung, um mögliche Ursachen und Zusammenhänge zu identifizieren." Eine entsprechende Befragung der Betroffenen läuft laut Gesundheitsamt derzeit noch an.

Betroffene: Wir konnten keine Gemeinsamkeiten finden

Die Michelbacherin Birgit Götz ist eine von ihnen. Auch sie erkrankte mit erst 39 Jahren an einer seltenen Form von Knochenmarkkrebs, der durchschnittlich erst im hohen Alter auftritt. Götz sieht es nun äußerst kritisch, dass keine Bodenproben stattfinden sollen.

Sie habe sich mit mehreren Erkrankten bereits über mögliche Gemeinsamkeiten ausgetauscht. "Wir konnten nichts finden." Die Erkrankten in ihrem Bekanntenkreis hätten weder die gleiche Arbeit, noch seien ihre Häuser vom gleichen Bauträger gebaut worden. Auch ihr Lebensstil sei sehr unterschiedlich.

Thema im Ortsbeirat

Der Michelbacher Ortsbeirat hat das Thema am Mittwochabend auf der Tagesordnung. Wie der stellvertretende Ortsvorsteher Philip Loch mitteilte, sollte die Leiterin des Kreisgesundheitsamts die Menschen im Ort erstmals direkt über das weitere Vorgehen informieren.

Derzeit werde im Ort viel darüber gesprochen und natürlich könne am Ende alles Zufall sein. "Aber das Ganze ist schon merkwürdig und wir finden es gut, dass überhaupt mal darüber informiert wird, was überhaupt los ist." Der Ortsbeirat habe von den Untersuchungen nur über die Presse erfahren.

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