Pressekonferenz der AWO Wiesbaden

Aufklärung und Konsequenzen ja, schlechtes Gewissen nein: Die wegen Gehaltszahlungen unter Druck geratene AWO Wiesbaden rechtfertigt sich mit Hilfe eines Ex-VW-Vorstands. Entgegen der Marschroute spricht am Ende doch einer über sein Einkommen.

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Übersatte Gehälter, dazu Boni und Beraterhonorare: Der Vorsitzende war gerade zurückgetreten, weil die in der Öffentlichkeit erhobenen Vorwürfe gegen den AWO-Kreisverband Wiesbaden im Großen und Ganzen zuträfen. Also ging seine Stellvertreterin am Mittwoch vor die Presse.

Mit dem PR-Berater und früheren VW-Vorstand Klaus Kocks an ihrer Seite teilte Elke Wansner am Mittwoch mit, wie die Arbeiterwohlfahrt "alles tun wird", um eben jene Vorwürfe zu entkräften.

Im Kern lautete die Botschaft der früheren SPD-Fraktionsvorsitzenden im Stadtparlament: Auch sie hätte zwar genauer hinsehen müssen. An der Kritik, die zuerst im Wiesbadener Kurier erhoben wurde, sei in zentralen Punkten aber nicht viel dran. Auf die Frage, warum der Ex-Vorsitzende Wolfgang Stasche das Gegenteil bekundet habe, antwortete AWO-Medienberater Kocks: "Das ist eine sehr gute Frage, die wir jetzt nicht beantworten werden."

Was die AWO sagte:

1. Über die Gehälter der Geschäftsführung

Hier seien die Wirtschaftsprüfer auf einer falschen Fährte. Das von ihnen hinterfragte jährliche Arbeitgeber-Bruttogehalt (Bruttogehalt plus Arbeitgeberanteil an Abgaben) für die frühere Geschäftsführerin Hannelore Richter zum Beispiel stimmt laut Wansner nicht. "Es ist niedriger", hieß es über die von den Prüfern genannten 344.000 Euro. Wie viel niedriger, sagte sie nicht.

Mit auf dem Podium saß der aktuelle Geschäftsführer Murat Burcu. Er äußerte sich zunächst ebenfalls nicht über die Summe von 256.000 Euro, die sein Arbeitgeber-Brutto 2018 als damaliger stellvertretender Geschäftsführer laut den Prüfern betragen haben soll. Gegen den Wunsch der mehrfach intervenierenden Vize-Vorsitzenden präzisierte er am Ende doch noch sein Einkommen von der AWO: 12.500 Euro an Arbeitnehmer-Brutto seien es im Monat. Dazu kamen zwei Jahre lang 6.000 Euro im Monat extra als Beraterhonorar. Machte jährlich deutlich über 200.000 Euro.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found AWO-Geschäftsführer verteidigt Gehalt und Boni

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"Es sind viele Sachen mit hineingerechnet worden, die nicht Lohnbestandteil sind“, sagte Geschäftsführer Burcu zu den Summen der Prüfer. Dazu zählten etwa Kostenerstattungen für Fortbildungen oder Gesundheit. Ein von der Arbeiterwohlfahrt selbst mit einer Prüfung beauftragter Fachanwalt kam demnach auch schon zu dem Schluss: Aufgrund der Tätigkeit und der Belastung sei das Gehalt vertretbar.

2. Über die Zusatzeinnahmen der Geschäftsführung

Der Wiesbadener AWO-Geschäftsführer Murat Burcu

Sie seien hart erarbeitet. Die 6.000 Euro monatlich plus Umsatzsteuer als Beraterhonorar erhielt Burcu trotz sechsstelligem jährlichen Geschäftsführergehalt demnach zurecht. Die dafür erbrachten Leistungen gingen nach Wansners Urteil "weit hinaus" über das, was von Mitgliedern der Geschäftsführung ohne Extra-Entlohnung erwartet werden darf.

Burcu hat nach eigenen Angaben seine Wochenenden geopfert, um der AWO als Berater nach einer "50 bis 60- Stunden-Woche" auch freiberuflich zu dienen. Er räumte allerdings ein, der Zusatzverdienst sei bei einem Sozialverband problematisch. Noch einmal würde er das nicht machen.

3. Über die Dienstwagen

Haben die Geschäftsführer der AWO Wiesbaden keine. Stattdessen werde ihnen die Nutzung des eigenen Pkw vergütet. Diese Überlassungspauschale sei in der Höhe nicht unüblich, nach einer aktuellen Überprüfung dennoch gekürzt worden. Zahlen wurden unter Hinweis auf Datenschutz auch hier nicht genannt.

4. Über das Verhältnis zur AWO Frankfurt

Schafft laut Wansner Synergien, und das seit den Anfängen der AWO. Ein gemeinsamer Mitarbeiterpool zum Beispiel sei "gar nichts Anrüchiges", sondern habe Schwankungen ausgeglichen und Wissentransfer ermöglicht. Dennoch werde der Pool nun aufgrund der Kritik abgeschafft.

Über den Pool waren zeitweise auch AWO-Beschäftigte bezahlt worden, die nun in Frankfurt in der Kritik stehen. Der spätere Pressesprecher des dortigen Kreisverbands etwa, der in der SPD aktiv ist und ohne viel Berufserfahrung 100.000 Euro Jahresgehalt erhielt. Und die Frau von OB Peter Feldmann (SPD), die später als Kita-Leiterin mehr verdiente als Kolleginnen und einen Dienstwagen bekam.

Die AWO Wiesbaden hatte der in Frankfurt nach Informationen der FNP auch pauschal Beraterhonorar für den Anwalt Ansgar Dittmar in Rechnung gestellt, 25.704 Euro im Jahr 2015. Dittmar ist SPD-Politiker, ehrenamtlicher AWO-Vorsitzender in Frankfurt und seit dem Sommer hauptamtlicher Geschäftsführer der AWO Hessen-Süd.

5. Über einen Familienbetrieb

Soll in der bisherigen Form in Wiesbaden in Auflösung begriffen sein. Hintergrund: Jürgen Richter ist Geschäftsführer der AWO in Frankfurt, die selbst wegen Affären unter Druck steht. Er ist auch ehrenamtlicher Vorstand in Wiesbaden, wo seine Frau bis Herbst Geschäftsführerin war und ihr Sohn Gereon Mitglied der Geschäftsführung ist. Letzterer ließ das hauptberufliche Amt in Wiesbaden zuletzt ebenso ruhen wie der Vater das ehrenamtliche. Nun sagte Wansner: Gereon Richter bleibe AWO-Mitarbeiter, scheide aber dauerhaft aus der Geschäftsführung aus.

Hannelore Richter war als "Sonderbeauftragte" auch für die AWO-Frankfurt tätig. Dafür erhielt ihr Wiesbadener Kreisverband laut Vorstand einen finanziellen Ausgleich, aber Richter keine weitere Extra-Vergütung.

6. Über die Aufklärung

Mit Prüfungen sind laut AWO zurzeit einige Stellen beschäftigt: der AWO-Bundesverband, die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, das Finanzamt (Lohnsteuer- und Betriebsprüfung) und Fachanwälte (Gehaltsstruktur). Eine weitere Anwältin sei zudem Compliance Officer geworden: Sie soll die Einhaltung von Regeln und Werten bei der AWO Wiesbaden für die Unternehmenskultur überwachen.

Prüfungen laufen, Weihnachtsfeier fällt aus

Bei Bedarf will die AWO Wiesbaden weitere Maßnahmen ergreifen. Obwohl sie die erhobenen Vorwürfe anschließend weitgehend zurückwies, hatte Wansner ihre Ausführungen mit einer Entschuldigung begonnen: Andere Kreisverbände und Mitarbeiter litten unter dem Reputationsverlust durch die Negativschlagzeilen. "Das haben sie nicht verdient."

Zuvor hatte die Arbeiterwohlfahrt bereits angekündigt, bei einer Kreiskonferenz solle ein neue Vorstand gewählt werde. Die Weihnachtsfeier des alten Vorstands, auch das teilte Wansner mit, habe sie abgesagt.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 11.12.2020, 19.30 Uhr