Erinnerungsraum der "Initiative 19. Februar" für die Opfer des rassistischen Anschlags von Hanau

Der rassistische Anschlag in Hanau erschütterte die Republik. Freiwillige und Angehörige erinnern an die neun Opfer in der "Initiative 19. Februar" - aktuell bereiten sie die Großdemo am Samstag vor.

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Auf dem Tisch liegen ausgedruckte Schwarzweiß-Bilder: die Gesichter der Opfer des Anschlags. Newroz Duman nimmt eines der Bilder, steckt es zwischen zwei Klarsichtfolien und schiebt das Ganze durch ein Laminiergerät. "Um einfach so viele Bilder wie möglich zu haben von den Ermordeten", sagt sie. "Weil es um sie geht. Es muss überall sichtbar sein."

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Förderprogramm für Hinterbliebene

Nach Angaben von Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) vom Mittwoch werden bis zum Jahr 2022 mindestens 600.000 Euro für die Trauerarbeit mit den Opferfamilien bereit gestellt. Finanziert werden sollen unter anderem Anlaufstellen, Gedenkveranstaltungen oder psychologische Beratungsangebote. Mit dem sogenannten Sonderförderprogramm Hanau 2020 wolle das Land "die wichtige Unterstützung für die Überlebenden und Hinterbliebenen dauerhaft verstetigen", sagte Beuth.

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Die 30-Jährige hat die "Initiative 19. Februar" mitgegründet. An dem Tag erschoss der Rechtsextreme Tobias R. in Hanau neun Menschen mit Migrationshintergund, seine Mutter und sich selbst. In den Tagen nach dem 19. Februar waren Reporter aus aller Welt in der Stadt, zehntausende Menschen kamen zu Trauerfeiern und Demonstrationen. Aber, sagt Newroz Duman, "nach zwei Wochen waren sie alle weg und es war klar: Wir stehen jetzt alleine da und müssen was tun."

Erinnerungsraum gegenüber einem der Tatorte

Menschen aus verschiedenen Vereinen und Initiativen taten sich in jenen Tagen zusammen, um die Angehörigen der Opfer zu unterstützen. Einige von ihnen engagieren sich seit mehr als 20 Jahren für Flüchtlinge. Andere, wie Duman, sind selbst welche.

Die Mitglieder der Initiative erneuern regelmäßig Blumen, Kerzen und Bilder an den beiden Tatorten des Anschlags. Außerdem haben sie ein leerstehendes Ladengeschäft in der Hanauer Krämerstraße gemietet. Schräg gegenüber liegt der erste Tatort am Heumarkt.

Der Laden ist längst zu einer Art Wohnzimmer, zu einer Begegnungsstätte geworden: Sessel, Couches, an den Wänden hängen Bilder, auf den Tischen steht Tee. Viele Angehörige der Opfer kommen jeden Tag hierher. "Es ist halt ein großer Bedarf da an Gesprächen", sagt Hagen Kopp, ebenfalls Gründungsmitglied der Initiative.

Hätte der Anschlag verhindert werden können, fragen sie sich

Gemeinsam wollen sie Antworten finden auf Fragen, die aus ihrer Sicht noch offen sind: Hätte der Anschlag verhindert werden können? Wenn ja, wer ist schuld, dass er nicht verhindert wurde? Dafür haben sie gemeinsam vor dem Landtag in Wiesbaden demonstriert oder Kundgebungen organisiert.

"Es ist anstrengend. Es zehrt an den Kräften", sagt Armin Kurtovic. Er verlor bei dem Anschlag seinen Sohn Hamza. Jeden Tag kommt Kurtovic in den Raum der Initiative. "Ich muss es tun - für meinen Sohn und die anderen drei Kinder, die ich noch habe", betont er: "Es soll sich nie wieder wiederholen. Nie wieder!"

Erinnerungsraum der "Initiative 19. Februar" für die Opfer des rassistischen Anschlags von Hanau

Kurtovic sagt, er sei dankbar für die Unterstützung der anderen Mitglieder der Initiative. "Es ist gut und schön, wenn man weiß, dass man nicht alleine ist."

Bis zu 10.000 Menschen bei Demo am Samstag

Häufig allein sitzt dieser Tage dagegen Seda Ardal. Die gebürtige Hanauerin ist fast ununterbrochen am Telefon. Mal tippt die 30-Jährige währenddessen schnell auf der Tastatur ihres Laptops, mal schreibt sie etwas auf eine große Tafel: Dinge, die noch erledigt werden müssen für die große Demonstration am kommenden Samstag. 5.000 bis 10.000 Menschen aus ganz Deutschland werden zum Gedenken an die Opfer vom 19. Februar in Hanau erwartet, darunter Peter Fischer, Präsident von Eintracht Frankfurt.

Für diese Demo laminiert Armin Kurtovic gemeinsam mit Newroz Duman Seiten mit Fotos der Opfer. Die folierten Bilder legt er zur Seite. Später kleben Helfer sie auf Holzbretter. Plakate für die Demo. Eines der Gesichter ist das seines Sohnes Hamza.

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Trauergebinde nach dem Anschlag in Hanau
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Sendung: hr2, 19.08.2020, 7.14 Uhr