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Audioseite Lateral Violence: Frauen übernehmen abwertende Einstellungen

Eine Frau mit dunklen Locken weint und hat sich die Hand vor den Mund geschlagen. Eine andere schaut sie verächtlich an.

Frauen machen sich oft gegenseitig runter. Aus eigener Unsicherheit, erklärt die Marburger Psychologin Helga Krüger-Kirn im Interview. Frauen übernähmen unbewusst die Vorurteile der männerdominierten Gesellschaft.

Wenn Frauen auf Frauen losgehen, wird das gerne mal als Stutenbissigkeit abgetan. Dabei liege solchem Verhalten ein gesamtgesellschaftliches, sexistisches Bild von Weiblichkeit zugrunde, findet Helga Krüger-Kirn, Psychoanalytikerin und Professorin am Institut für Gender Studies der Uni Marburg. Trotz der Frauenbewegung in den zurückliegenden Jahrzehnten verschärft sich das Problem ihrer Meinung nach noch.

hessenschau.de: "Ich hänge lieber mit Männern ab, die sind irgendwie entspannter" - so ein Satz wäre mir vor einigen Jahren auch noch rausgerutscht. Warum ist es ein Problem, wenn ich als Frau so etwas sage?

Helga Krüger-Kirn: Durch diese Unterscheidung werten Sie Frauen ab, um sich selbst aufzuwerten. Sie tun das, weil Sie sich selbst als Frau nicht so wohl fühlen, vielleicht sogar unterdrückt. Diesen psychischen Mechanismus begreifen wir in der Fachwelt als Identifizierung mit dem Aggressor. Sie wiederholen dabei die Vorurteile und Angriffe, unter denen Sie selbst leiden, weil Sie glauben, dass Sie so leichter akzeptiert werden. Tatsächlich ist so eine Aussage frauenfeindlich und sexistisch. Und Sie werten damit nicht nur andere Frauen ab, sondern auch sich selbst.

hessenschau.de: Können Sie mir ein ganz konkretes Beispiel nennen, wie diese Abwertung im Alltag aussehen kann?

Helga Krüger-Kirn: Das Aussehen spielt für Frauen ja eine ganz zentrale Rolle. Wir haben dabei ein gesellschaftlich produziertes Idealbild davon, was eine schöne Frau ist. Wenn ich jetzt beispielsweise eine Frau treffe, von der die Gesellschaft behauptet, sie sei dick, dann rattert in meinem Kopf, ohne dass es mir bewusst ist: Aha, die kann sich nicht kontrollieren und isst maßlos. Oder: Wie kann sie nur so einen kurzen Rock anziehen, wenn sie so dick ist?

hessenschau.de: Solange das nur in meinem Kopf passiert, ist es ja erst mal keine frauenfeindliche Attacke, oder?

Helga Krüger-Kirn: Das ist ein Trugschluss. Wenn ich so etwas denke, dann drücke ich das auch über meine Blicke und meine Körpersprache aus.

Eine ältere Frau mit kurzen blonden Haaren und rotem Lippenstift lächelt in die Kamera. Sie trägt einen schwarzen Blazer.

hessenschau.de: Mutterschaft und Karriere sind auch typische Themen, bei denen sich Frauen untereinander nicht unbedingt solidarisch zeigen.

Helga Krüger-Kirn: Ja. Eine Frau, die sich für ihre Karriere entscheidet, muss sich immer rechtfertigen, wenn sie keine Kinder will. Andere Frauen, die Karriere und Familie vereinbaren, tun sich dann oft als Gruppe zusammen und grenzen diese Frau aus. Das passiert auch, weil arbeitende Mütter nach Gleichgesinnten suchen, die ihre Ängste, Nöte und Selbstwertprobleme nachvollziehen können. Die kinderlose Kollegin - so die Einbildung - kann das nicht. Auch dabei geht es wieder um Anerkennung. In diesem Fall für den gewählten Lebensentwurf.

hessenschau.de: Sind alle Frauen manchmal frauenfeindlich oder nur eine bestimmte Gruppe?

Helga Krüger-Kirn: Frauenfeindlich ist vielleicht ein bisschen zu drastisch formuliert an der Stelle. Aber kritisch gegenüber Frauen sind fast alle Frauen mal. Dass man sich mit anderen vergleicht, was die eigene Schönheit, den eigenen Lebensentwurf, den eigenen beruflichen Werdegang angeht, ist bei Frauen sehr ausgeprägt. Das fängt schon bei Kindern an. Selbst bei den progressivsten Eltern sind immer wieder Sätze zu hören wie "Du siehst aber schön aus heute", wenn es um Mädchen geht. Sich zu vergleichen, ist etwas ganz Menschliches, aber die Inhalte unterscheiden sich - und zwar nicht, weil das genetisch festgelegt ist, sondern weil die Gesellschaft das macht.

hessenschau.de: Welchen Effekt kann das denn haben?

Helga Krüger-Kirn: Ausgrenzung und Isolation bei den Frauen, gegen die sich die Ablehnung richtet. Und dann ist da oft Neid bei denen, die frauenfeindlich sind. Dieser Neid folgt dem Denken nach der Devise: Du bist selbst schuld, wenn du es nicht schaffst. Dieses Vergleichen mit anderen, gekoppelt mit Ausgrenzung, ist ganz zentral. Dabei ist Neid nichts, wofür wir uns schämen müssten. Dass wir ein schlechtes Selbstwertgefühl haben, liegt ja nicht an uns, sondern an den gesellschaftlichen Bildern von Weiblichkeit.

hessenschau.de: Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Lateral Violence. Das wird bei vielen marginalisierten Gruppen beobachtet. Können Sie diesen Begriff kurz erläutern?

Helga Krüger-Kirn: Das bedeutet, dass Minderheiten innerhalb ihrer eigenen Gruppe die Ausgrenzung, die sie erfahren, weitergeben. Aus meiner eigenen mangelnden Anerkennung, meiner eigenen gesellschaftlichen Ausgrenzung heraus versuche ich mich zu etablieren, indem ich andere abwerte. Die Wurzeln dieses Verhaltens liegen in der Kolonialgeschichte.

hessenschau.de: Wie kann man dem entgegenwirken?

Helga Krüger-Kirn: Man sollte versuchen, das produktive Potenzial herauszuarbeiten, indem man fragt: Warum verhalte ich mich gerade so? Bin ich neidisch? Wenn ja, warum? Was sind meine eigenen Sehnsüchte und Wünsche, und wie kann ich sie erreichen? Der eine wichtige Punkt ist also Arbeit an sich selbst. Der zweite Punkt ist, dass wir uns viel mehr mit den Etiketten und Idealen, mit denen Weiblichkeit und Frau-Sein von außen bewertet werden, auseinandersetzen müssen.

hessenschau.de: Wenn ich jetzt das Gefühl habe, dass eine andere Frau sich mir gegenüber sexistisch oder frauenfeindlich verhält: Wie sollte ich mich verhalten?

Helga Krüger-Kirn: Offensives Ansprechen ist total hilfreich. Wenn es zum Beispiel vermeintlich um mein Aussehen geht, kann ich sagen: Ich habe das Gefühl, du hörst nicht, was ich inhaltlich sage, sondern bist gerade mit anderen Dingen beschäftigt. Man sollte also kommunizieren, dass man in einer bestimmten Situation Unbehagen empfindet. Übrigens auch, wenn man positiv auf das Aussehen reduziert wird, also zum Beispiel im Kontext von Arbeit für ein Outfit gelobt wird.

hessenschau.de: Warum dürfen wir so ein Verhalten nicht einfach als Stutenbissigkeit abtun?

Helga Krüger-Kirn: Weil wir darüber etwas auf der Frauenseite festschreiben, was nichts mit Frau-Sein zu tun hat. Es ist vielmehr eine Reaktion auf Zuschreibungen und Bewertungen von Weiblichkeit. Frauen sind nicht freiwillig neidisch. Sie sind neidisch auf andere Frauen, weil sie sich selbst minderwertig fühlen und weil sie irgendwie versuchen müssen, ihren eigenen Selbstwert zu erhalten. Das spricht ja schon Bände. Das hat nichts mit persönlichem Versagen, sondern mit den gesellschaftlichen Weiblichkeitsbildern zu tun.

hessenschau.de: Kann man sagen, dass sich dieses Phänomen unter Frauen in den vergangenen Jahrzehnten verbessert hat?

Helga Krüger-Kirn: Das Gegenteil ist der Fall. Vor 60 Jahren wurden nur Frauen, die dem normativen Bild nicht entsprachen, kritisch betrachtet. Heute glauben wir, wir könnten alles erreichen, wenn wir nur hart genug an uns arbeiten. Der Perfektionismus ist dadurch ausgeprägter, und es gibt viel mehr Felder, auf denen wir uns vergleichen können.

hessenschau.de: Was müsste denn passieren, damit sich die Situation verbessert?

Helga Krüger-Kirn: Eltern, Lehrerinnen und Lehrer und andere Menschen in pädagogischen Einrichtungen können bei ihrer Sprache ansetzen und Mädchen und junge Frauen nicht mehr so oft auf ihr Aussehen ansprechen. Es ist ganz wichtig, dass im Alltag wirklich ein Bewusstsein dafür entsteht.

Sendung: YOU FM Worktime, 05.05.2021, 11.20 Uhr