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Die Debatte um das Gendern von Sprache wird mit viel Tamtam geführt. Ein Fall von der Universität Kassel sorgt derzeit für Schlagzeilen und spielt den Gegnern in die Hände. Der Vorwurf: Wer nicht gendert, bekommt schlechtere Noten. Aber ist das wirklich so?

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Herrscht an der Uni Kassel in Sachen Gendern Konformität und Intoleranz, Herr Honemann?

Lukas Honemann in der Welt am Sonntag
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Ein Gespenst geht um in Deutschland - das Gespenst des Gendersternchens. Alle Mächte der alten Debattenräume und neuen Internet-Kommentarspalten haben sich zu einer heiligen Hetzjagd verbündet, darunter Sprachwissenschaftler, Studentenverbände und natürlich nicht unerhebliche Teile von Twitter.

Aufmerksame Leser und Leserinnen, oder kurz Leser*innen, werden die Persiflage in den ersten Sätzen herausgelesen haben. Und weil es in diesem Text um Universitäten geht, soll auch die saubere Quellenangabe des Originals nicht fehlen: Marx, Karl; Engels, Friedrich: Manifest der Kommunistischen Partei, London 1848.

Selbstredend waren Marx und Engels weniger an politisch aufgeheizten Satzzeichen interessiert als an der Umwälzung der Gesellschaft hin zu einer sozialistischen. Hier aber soll es um Gespenster in Texten gehen, die oftmals nicht mehr als fünf Leser und Leserinnen finden: Die schriftlichen Ergüsse deutscher Studierender an Universitäten.

Falsch gegendert = schlechtere Note?

Als Opfer des Gendersterns wurde zuletzt in den Medien der Lehramtsstudent Lukas Honemann präsentiert. Er ist Vorsitzender des Rings Christlich-Demokratischer Studierender (RCDS) Kassel, Geschäftsführer der CDU-Kreistagsfraktion im Landkreis Kassel und sieht sich in Sachen Gendern benachteiligt: Im ersten Semester habe er eine schlechtere Bewertung bekommen, weil er die gendersensible Sprache nicht anwendete. Mittlerweile ist Honemann im 6. Semester. Seitdem beuge er sich dem Gendern, wenn nötig, um keine schlechten Noten zu riskieren, sagt er dem hr.

Sein Fall wird aktuell als Beispiel für angeblichen Gender-Druck an Universitäten herangezogen: Ein Foto des 20-Jährigen in der letzten Ausgabe der "Welt am Sonntag" zeigt ihn in kritischer Denkerpose, ein Buch mit vielen Lesezeichen in der Hand, darüber platziert der Vorspann zum Text: "An deutschen Universitäten ist eine Atmosphäre der Konformität und Intoleranz entstanden...". Aber ist das in Kassel wirklich so? Nein, sagt Honemann selbst, es gebe einen gewissen Konformitätsdruck durch das Benoten geschlechtersensibler Sprache - das kritisiere er als eine unzulässige Bewertung eines politischen Akts und einer Meinung.

Junge Union provoziert mit "Zwang zum Stern"

Eine "Aura der Intoleranz" gebe es nur in kleinen extremeren Lagern - er finde nicht, dass die Universität Kassel insgesamt ein Hort der Intoleranz sei. Er will das mit dem Gendern trotzdem ausdiskutieren: "Wir befinden uns in einem akademischen wie gesellschaftlichen Streit, da herrscht noch kein Konsens und deswegen sollte man nicht vorschreiben, welche Art des Genderns die richtige ist und ob", sagt Honemann.

Der Student formuliert längst nicht so zugespitzt wie mancher Artikel gegen das Gendern. Und längst nicht so provokant wie die Junge Union, die kürzlich mit dem Slogan "Die Freiheit des Denkens stirbt mit dem Zwang zum Stern" auf Twitter mit Holocaust-Assoziationen kokettierte. Später löschte die JU den Tweet.

Im Fall von Honemann gibt es keinen schriftlichen Nachweis mehr, dass er tatsächlich wegen fehlenden Genderns schlechter bewertet wurde. Seine damalige Professorin Dorit Bosse erklärt die Situation in ihrer jährlichen Einführungsvorlesung für das Lehramtsstudium auch ganz anders: Dort gehe es um die Vermittlung von Techniken wissenschaftlichen Arbeitens und auch die Auseinandersetzung mit Diversität unter Schülern und Schülerinnen.

Praxisübungen zu Sprachsensibilität

Die Studierenden sollen dafür lernen, dass es Sprachsensibilität gibt und zwar nicht nur bei Geschlechtern, sondern etwa auch bei umstrittenen Begriffen wie "Reichskristallnacht". Sie sollen das in Praxisübungen anwenden, gendergerechte Sprache ist dabei nur eines von insgesamt 15 Kriterien neben etwa Zitierweisen. Das werde vorher so angekündigt, Noten gibt es nicht, nur "bestanden" oder "nicht bestanden". Ab dem zweiten Semester benote sie in ihren Veranstaltungen die gendergerechte Sprache nicht mehr.

Honemann kann sich nicht erinnern, vorher informiert worden zu sein, dass er gendern soll - er verlor einen Teilpunkt in der ersten von drei Aufgaben und bestand sonst ohne Probleme. Die Gleichstellungsbeauftragte der Universität, Silke Ernst, sagt, sie gebe die Empfehlung zum Gendern, eine Pflicht oder Regel gebe es nicht. "Die Mehrheit der Universität steht hinter geschlechtergerechter Sprache, das ist uns wichtig", sagt sie, "Gesellschaft wandelt sich, und so wandelt sich auch Sprache."

Wie halten es Universitäten mit dem Gendern?

Aber wie halten es hessische Universitäten tatsächlich mit dem Gendern? Auf hr-Anfrage ergibt sich ein deutliches Bild: Keine der Universitäten hat ein festes Regelwerk zum Gendern, stattdessen werde geschlechtergerechte Sprache unterstützt etwa in Form von Handreichungen - ohne Zwang. Es handele sich lediglich um Empfehlungen und sei nicht notenrelevant, heißt es von den Unis. In Frankfurt zweifelt man sogar, ob schlechtere Bewertungen prüfungsrechtlich überhaupt möglich sind.

Die TU Darmstadt teilt mit, eine Praxis von schlechterer Benotung sei nicht bekannt - für den Fall der Fälle müssten Lehrende das vorher ankündigen. Die Universität Kassel betont, es sei in Einzelfällen vorstellbar, Gendern wie andere Formalia zu bewerten - ebenfalls nur, wenn das frühzeitig kommuniziert werde. Keiner der Universitäten sind Beschwerden bekannt und auch keine rechtlichen Schritte.

Verein will Klagen finanzieren

Genau das will der Verein Deutsche Sprache ändern, der sich als einer der erbittertsten Gegner des Genderns inszeniert, in Furcht, in der deutschen Sprache gehe tatsächlich ein böses Gespenst um. Mit der Kampagne "Rettet Deutsch vor Gendersprech" sollen Studierende finanziell unterstützt werden, die Nachteile beim Nicht-Gendern erlitten haben und mit dem Verein "bis zur letzten Instanz" klagen.

Es solle "mit allen legalen Mitteln gegen obrigkeitsstaatliche Eingriffe in die gewachsene deutsche Sprache" vorgegangen werden. Der Kasseler Fall kam dem Verein gelegen, um bei seiner öffentlichen Kampagne weiter auf die Pauke zu hauen. Noch klagt allerdings kein Student, auch Honemann will bei der Kampagne nicht mitmachen.

Scharf geführte Debatte, knackige Schlagzeilen

Der 20-Jährige wollte in die Öffentlichkeit, räumt aber selbst ein, dass die mediale Diskussion sehr aufgeladen und scharf geführt wird: Schlagzeilen müssten knackig sein, oft werde zugespitzt, da leide auch die Diskussionskultur, sagt er. Als Vorzeige-Fall der Genderkritik bekomme er ständig weitere Anfragen von Medien und werde ins Frühstücksfernsehen eingeladen, berichtet Honemann. Fast alle dieser Angebote sage er mittlerweile ab.

Jenseits der Kommentarspalten werde das Thema womöglich etwas ruhiger diskutiert, zum Beispiel in der CDU, meint der Student: Es gebe in seinem Kreis CDU-Verbände, die gendern und andere eben nicht.

Angeheizt von der Debatte und wohl auch dem Fall Honemann gibt es aktuell einen Offenen Brief an die Gleichstellungsbeauftragte Ernst in Kassel: Studierende schreiben, die geschlechtergerechte Sprache sei "unwissenschaftlich, grammatikalisch falsch, ideologische Indoktrination". Honemann hat nicht unterschrieben, ihm gefalle der Tonfall nicht, sagt er. Fast schon gespenstig, könnte man - beziehungsweise Frau oder Trans*-Person - meinen.