Gerhard Wetzig, Mitbegründer der Ärztegenossenschaft im Odenwald
Gerhard Wetzig, Mitbegründer der Ärztegenossenschaft im Odenwald, in seinem Behandlungszimmer. Bild © picture-alliance/dpa

Anreize wie eine mietfreie Wohnung locken bislang kaum junge Ärzte aufs Land. Im Odenwald geht eine Ärztegenossenschaft den Medizinermangel an, indem sie die Belastung auf viele Schultern verteilt und finanzielle Risiken nahezu ausschließt.

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Carl-Reinhard Albilt fährt an einem grauen Januartag zu einem Hausbesuch nach Lindenfels-Seidenbuch (Bergstraße). Der 71 Jahre alte Arzt arbeitet immer noch Vollzeit, denn einen Nachfolger für seine Praxis in dem beschaulichen Odenwald-Städtchen findet er nicht. Wie in vielen ländlichen Regionen herrscht dort Ärztemangel. "Das muss einem schon Sorgen machen", sagt Albilt: "Gerade wegen unserer alten Patienten, auch in den Alten- und Pflegeheimen."

Der Ärztemangel auf dem Land hat sich zugespitzt. Mehr als 170 Hausärzte fehlen derzeit nach Darstellung der Kassenärztlichen Vereinigung in Hessen - Tendenz steigend. "Wir haben eine völlige Überalterung der Hausärzte, die noch die Fahne hoch halten. Ein guter Teil ist schon im Ruhestandsalter, mehrere sind schon über 70 Jahre alt", sagt Frank Bletgen über den Odenwald. Bletgen arbeitet für die auf die Beratung von Arztpraxen spezialisierte Agentur BL Healthconsult.

Junge Ärzte wollen oft keine eigene Praxis

Vor allem junge Ärztinnen und Ärzte wollen keine eigene Praxis. Zu lang die Arbeitszeiten, zu hoch das wirtschaftliche Risiko gerade hinsichtlich von Regressforderungen seitens der Krankenkassen und der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), wenn Mediziner ihre Honorar- und Verordnungsbudgets überschreiten.

Die Folge: Allein im Vorderen Odenwald fehlen zur Zeit zehn Hausärzte. Carl-Reinhard Albilt stellt fest: "Der klassische freiberufliche auf dem Land niedergelassene Arzt ist tot, den gibt es nicht mehr. Man muss jetzt auf andere Konzepte zurückgreifen, die auch für junge Ärzte attraktiv sind."

Bundesweit die erste Ärztegenossenschaft

Ein solches Konzept haben Albilt und sein Kollege Gerhard Wetzig vor wenigen Monaten ins Leben gerufen. Sie waren bundesweit die ersten, die mit 18 Ärzten aus der Region eine eigene Genossenschaft gegründet haben. Ihr Name: Ägivo, kurz für Ärztegenossenschaft im Vorderen Odenwald. Ihr Konzept: ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) und Ärzte, die als Angestellte arbeiten. Sogar Teilzeit ist möglich. Ein vergleichbares Modell gibt es bislang nur noch im rheinland-pfälzischen Bitburg.

Frank Bletgen, Manager der Ärztegenossenschaft, die angestellte Allgemeinmedizinerin Ilaria Herrmann, und Ägivo-Mitgründer Gerhard Wetzig (von links nach rechts)
Frank Bletgen, Manager der Ärztegenossenschaft, die angestellte Allgemeinmedizinerin Ilaria Herrmann, und Ägivo-Mitgründer Gerhard Wetzig (von links nach rechts). Bild © picture-alliance/dpa

Eine Ärztin, die seit September bei der Ägivo angestellt ist, ist Ilaria Herrmann. Die 35-Jährige sagt: "Man möchte nicht mehr diese 70 bis 80 Stunden die Woche arbeiten und nichts weiteres im Leben machen, sondern man möchte das verbinden: mit Familie, mit der work-life-balance, mit anderen Interessen."

Für Regressansprüche kommt eine Versicherung auf

Ilaria Herrmann arbeitet in einer Praxis in Rimbach (Bergstraße), die davor eineinhalb Jahre geschlossen war - übernommen hat die Praxis die Ärztegenossenschaft, so dass die Ärztin selbst kein finanzielles Risiko wie bei einer herkömmlichen Praxisübernahme trägt. Herrmann arbeitet dort 24 Stunden in der Woche und muss keine Bereitschafts- oder Wochenenddienste übernehmen.

Die Genossenschaft trägt die finanziellen Risiken. Für Regressansprüche kommt eine Versicherung auf. Um Mitglied bei der Genossenschaft zu werden, reicht schon eine Einlage von 1.000 Euro. Für sie und auch für die Patienten ist diese Lösung attraktiv, wie die Ärztin sagt: "Man gibt die Hand, die Hand wird genommen. Die Augen der Patienten leuchten, und sie sagen: Es ist schön, dass Sie da sind." Auch dafür sei sie Ärztin geworden.

"Ansonsten bliebe nur Aufgeben"

Ilaria Herrmann hat mit der Praxis in Rimbach die erste Ägivo-Zweigstelle übernommen. Weitere sollen folgen. Auch Carl-Reinhard Albilt sucht einen Nachfolger. Die einzige Chance, dass das klappt, sieht der Arzt im Rentenalter in der Genossenschaft: "Ansonsten bliebe mir gar nichts anderes übrig als zu schließen."