Illustration eines Mannes in Uniform mit Sprechblase: Ich erklärte, dass ich Feuerwehrmann sei und damit nichts zu tun haben wollte

Historiker der Uni Gießen stellen fest: Es gibt immer noch viele offene Fragen über die NS-Zeit, besonders in Dörfern, Vereinen und Familien. Sie wollen Menschen dazu bringen, selbst mehr nachzuforschen - auch wenn das für Konflikte sorgen könnte.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Das Dritte Reich und wir

Schwarz-Weiß-Aufnahme eines historischen Gebäudes
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Der 9. November 1938. In ganz Deutschland entlädt sich der Judenhass. Wütende Mobs ziehen durch die Straßen, greifen Jüdinnen und Juden an, plündern Geschäfte. Auch in Marburg geht in den frühen Morgenstunden die Synagoge in der Universitätsstraße in Flammen auf.

Die Feuerwehr ist in dieser Nacht ebenfalls im Einsatz - "in eifriger Pflichterfüllung", wie es in Zeitungsberichten von damals heißt. Doch die genauen Umstände lagen lange Zeit im Dunkeln.

Erfüllten die Feuerwehrleute tatsächlich ihre Pflicht? Oder löschten sie nur halbherzig oder möglicherweise überhaupt nicht? Denn: Die Synagoge brannte in der Reichspogromnacht komplett ab.

Gibt es noch offene Fragen zur NS-Zeit im persönlichen Umfeld?

Angesichts unzähliger Bücher, Dokus und Ausstellungen sollte man meinen, dass über die NS-Zeit inzwischen das meiste bekannt ist. Dennoch wollen die Justus-Liebig-Universität (JLU) Gießen und der Deutsche Feuerwehrverband nun Bürgerinnen und Bürger noch einmal ganz neu ermutigen, offenen Fragen zur NS-Geschichte in ihrem persönlichen Umfeld nachzugehen.

Die Idee: Es sollen überall in Deutschland kleine Forschungsgruppen entstehen, die sowohl aus interessierten Einzelpersonen oder Mitgliedern aus Vereinen, Kirchen oder Feuerwehren bestehen können. Mitarbeiter des Historischen Instituts der JLU begleiten sie fachlich und helfen, die Ergebnisse zu bündeln und zu präsentieren.

"Es könnte schmerzhaft werden"

Der Historiker Clemens Tangerding von der Gießener Uni leitet das Projekt "Das Dritte Reich und wir" und erklärt: Auf institutioneller Ebene sei die NS-Zeit zwar tatsächlich schon gut aufgearbeitet, aber in Orten, Vereinen oder den eigenen Familien oft nicht. "Weil es wahrscheinlich schmerzhaft werden könnte", vermutet er.

Tangerding stellt fest: Oft gebe es zwar Gerüchte, gleichzeitig aber auch immer noch eine Mauer des Schweigens. Einerseits würden viele Groß- oder Urgroßeltern nicht erzählen wollen, andererseits würden es auch viele Nachfahren lieber nicht so genau wissen wollen. "Wir wollen ja unsere lieben Großeltern behalten."

"Wir müssen mehr über die NS-Zeit streiten"

Ein weiteres Hindernis für die Aufarbeitung sei die Angst vor Streit. Hatte der Bürgermeister keine andere Wahl, als in die NSDAP einzutreten? Oder war er sogar aktiver Mittäter? Tangerding ist überzeugt: Kontroverse Diskussionen und Konflikte gehören zur Aufarbeitung dazu. "Wir glauben sogar, dass man mehr über die NS-Zeit streiten muss."

Hinzu komme bei vielen Menschen eine Art Überdruss bei diesem Thema. Den kennt Clemens Tangerding sogar selbst. Er glaubt: Überdruss entsteht durch mangelnde Partizipation und durch abstrakte, moralisierende Sätze. "Man bekommt immer wieder das Gleiche gesagt: Wie schlimm die NS-Zeit war, dass das nie wieder passieren darf, dass wir tolerant sein müssen gegenüber Minderheiten", stellt er fest.

Was tun gegen den Überdruss?

Der Historiker hat erlebt, dass der Überdruss verschwindet, sobald man persönlich involviert ist und selbst mal Akten im nordhessischen Bad Arolsen (Waldeck-Frankenberg) in der Hand gehalten hat. Dort befindet sich das weltweit größte Archiv über die Opfer und die Überlebenden des NS-Regimes.

Hand mit Handschuhen, die historische Dokumente über KZ-Häftling in der Hand hält

Wenn Menschen dann auch noch unbequeme Wahrheiten über ihre eigene Familiengeschichte erfahren, beobachte Tangerding ganz andere Reaktionen, etwa Scham, Leugnen oder Schönreden. "Aber Überdruss gibt es dann nicht mehr."

Marburger Feuerwehr nimmt an Pilotprojekt teil

Die Freiwillige Feuerwehr in Marburg hat bereits in Form eines Pilotprojekts teilgenommen. Auch bei einigen Feuerwehrleuten habe es durchaus Überdruss gegeben, eine Art "Jetzt ist doch mal gut"-Gedanken, berichtet Leiterin Carmen Werner.

Andere seien aber auch sehr interessiert gewesen, und schließlich habe sich ein Kernteam von fünf Personen herausgebildet, dem auch noch andere Feuerwehrleute zugearbeitet hätten. Auch ihr bereits pensionierter Vorgänger habe sich engagiert.

Mithilfe der Gießener Wissenschaftler konnte die Feuerwehr alte Gerichtsakten zur Reichspogromnacht sichten. "Ich fand es interessant, wie viele Informationen man doch noch bekommen kann und dass das überhaupt noch nicht alles ausgewertet ist", berichtet Werner.

Feuerwehr reagierte zu spät

Nach mehreren Monaten Forschung steht für die Marburger Feuerwehrleute fest: Ihre Vorgänger wussten in dieser Nacht zwar von dem Brand in der Synagoge, lösten aber erst nach Stunden den Alarm aus und reagierten viel zu spät. "Es bestand überhaupt keine Chance mehr, das Haus in einem vernünftigen Zustand zu bewahren", sagt Werner.

Interessant sei auch gewesen, anhand der Gerichtsakten zu erfahren, in welche inneren Konflikte das die Beteiligten gebracht habe: Einerseits hätten sie durchaus helfen wollen, andererseits seien sie beeinflusst gewesen von NS-Ideologien und Politik.

Die Marburger Feuerwehr will ihre Ergebnisse im Herbst veröffentlichen: in Form von illustrierten Plakaten, die überall in der Stadt zu sehen sein sollen.

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