Tony und Tara aus Darmstadt haben zusammen ein Kind. Doch in der Geburtsurkunde darf nur die Mutter stehen. Der Grund: Tony ist divers. Das Ehepaar hält das für eine Diskriminierung und will rechtlich dagegen vorgehen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Diverse Person wird nicht als Elternteil anerkannt

Tara und Tony wollen anonym bleiben, um sich vor Androhungen aus der Öffentlichkeit zu schützen
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Tony ist 31 Jahre alt, trägt eine kakifarbene Hose, ein schwarzes T-Shirt und hat die blonden Haare bis auf wenige Millimeter abrasiert. Seit vergangenem April steht in Tonys Geburtsurkunde bei der Angabe des Geschlechts “divers“. Tony - der eigentliche Name ist ein anderer - fühlte sich schon seit der Kindheit weder männlich noch weiblich, deswegen hat Tony den Geschlechtseintrag auf dem Standesamt ändern lassen.

Mit welchem biologischen Geschlecht Tony auf die Welt gekommen ist, will Tony nicht verraten, auch mit den Pronomen "sie" oder "er" will Tony nicht verbunden werden. Tonys Weg zum Geschlechtseintrag "divers" war ein langer Identitätskampf. Von den Eltern habe Tony stets Rückendeckung erhalten.

Schräge Blick in der Toilette

Heute geht Tony selbstbewusst mit der neuen Geschlechtseintragung um und fühlt sich wohl mit der neuen Identität. Nach wie vor seien damit aber auch Probleme verbunden. "Bis heute bekomme ich schräge Blicke, wenn ich auf die Toilette gehe, oder werde der Toilette verwiesen." Ein Mal sei eine Person sogar handgreiflich geworden.

Die Toilettenproblematik ist im Vergleich zu Tonys eigentlichem Problem allerdings ein Klacks: Denn aufgrund des Geschlechtseintrags als diverse Person wird Tony derzeit nicht als Elternteil anerkannt. Als Ehefrau Tara - auch ihr Name ist geändert - im Februar die gemeinsame Tochter zur Welt bringt, werden in der Zweigstelle des Standesamtes im Krankenhaus zwar beide als Eltern eingetragen.

Kurze Zeit später listet das Standesamt in der Geburtsurkunde der Tochter allerdings nur Mutter Tara als Elternteil auf. Der Platz des zweiten Elternteiles bleibt leer.

"Mir hat es den Boden unter den Füßen weggezogen"

Tony und Tara sind seit drei Jahren glücklich verheiratet. Sie selbst bezeichnen sich nicht als homo-heterosexuelles oder lesbisches Paar. Ihre Beziehung sei völlig losgelöst von Geschlechterrollen, sagen beide. Für das junge Ehepaar ist die Nachricht des Standesamtes ein großer Schock. "Mir hat es den Boden unter den Füßen weggezogen und ich habe mich wie ein Mensch zweiter Klasse gefühlt", erklärt Tony. Tony solle doch die Tochter adoptieren, heißt es beim Standesamt.

Auf hr-Nachfrage antworten das betreffende Standesamt und das Regierungspräsidium Darmstadt, dass es sich bei der Geburt eines Kindes und der damit verbundenen Klärung der Abstammungsverhältnisses an die gesetzlichen Grundlagen halten müsse. Demnach sei nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch §§ 1591, 1592 BGB, Vater eines Kindes, der Mann, der mit der Mutter verheiratet ist, oder die Vaterschaft anerkannt habe. Um zu einem anderen Ergebnis zu kommen, müsse das Abstammungsrecht grundlegend reformiert werden.

Paar würde auch vor das Bundesverfassungsgericht ziehen

Die gesetzliche Lage sei ein klarer Fall von Diskriminierung, erklärt Lea Beckmann, Rechtsanwältin der Gesellschaft für Freiheitsrechte e. V. (GFF). Sie unterstützt das junge Ehepaar bei seiner Klage vor dem Amtsgericht Darmstadt. Sollte Tony und Taras Klage vor dem Amtsgericht Darmstadt scheitern, will das Ehepaar mit Unterstützung der GFF bis vor das Bundesverfassungsgericht ziehen. Mit der Klage solle erreicht werden, dass grundsätzlich alle Eltern als Elternteile in die Geburtsurkunde eingetragen werden, auch lesbische Ehepaare oder Personen, die den Geschlechtseintrag "divers" haben, so Rechtsanwältin Beckmann.

Eine Adoption fühlt sich für die beiden falsch und diskriminierend an. Eine Adoption ist mit Kosten und Hürden verbunden, außerdem müssten sich beide nach drei Jahren einer Überprüfung des Jugendamtes unterziehen. Tony und Tara finden das skurril. Beide lieben ihre Tochter und erziehen sie seit der Geburt.

Bis eine Adoption vollständig abgeschlossen sei, dauere es bis zu drei Jahren, so Rechtsanwältin Beckmann. Sollte Mutter Tara währenddessen etwas zustoßen, wäre das gemeinsame Kind Vollwaise, denn rein rechtlich, hat die gemeinsame Tochter des Ehepaars aktuell nur ein Elternteil.

Weitere Informationen

männlich, weiblich und divers

Seit Ende 2018 gibt es in Deutschland drei Geschlechter: männlich, weiblich und divers. Im selben Jahr urteilte das Bundesverfassungsgericht, dass intergeschlechtliche Menschen, Personen die biologische Merkmale von männlichen und weiblichen Merkmalen aufweisen und Personen, die sich weder männlich noch weiblich fühlen, beim Standesamt eine Änderung ihrer Geschlechtsangabe vornehmen lassen können.

Zur Zahl der intersexuellen Menschen in Hessen gibt es keine gesicherten Angaben. Das Sozialministerium beruft sich auf die Schätzungen verschiedener Intersexuellen-Organisationen.

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Sendung: hr1, 26.05.2020, 9.45 Uhr