Eine Person macht Übungen für den Rücken auf einem Gerät. Eine andere Person unterstützt sie.

Mancherorts sind die Fitnessstudios schon wieder geschlossen. Physiotherapeuten und Orthopäden sehen das mit Sorge. Sie beobachten verstärkt Rückenschmerzen und Haltungsbeschwerden bei Menschen im Homeoffice.

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Audioseite Sorge vor Gesundheitsproblemen wegen geschlossener Fitnessstudios

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Beim Wort Fitnessstudio hat man schnell ein Bild im Kopf von jungen Männern, die sich ihre Muskeln mit schweren Gewichten aufpumpen. Das ist aber nur ein Teil der Leute, die regelmäßig Sportübungen mit professionellen Geräten und Trainern machen.

Der andere Teil sind Menschen wie der 73-jährige Karl-Heinrich Becker aus Sinn (Lahn-Dill). Für ihn geht es beim Sporttraining um seine Gesundheit. Wegen Fehlstellungen im Oberkörper habe sein Orthopäde ihm regelmäßiges Fitnesstraining empfohlen. "Er hat mir geraten, dass ich ins Studio gehen und die Übungen nicht zu Hause machen soll, weil das dann wieder andere Fehlstelllungen hervorruft, die man selbst nicht korrigieren kann", sagt Becker.

Doch vor rund zwei Wochen musste sein Studio im nahegelegenen Herborn wieder schließen. Wegen der steigenden Corona-Neuinfektionen wollte der Lahn-Dill-Kreis auf Nummer sicher gehen und nahm einige hessenweite Lockerungen wie die Öffnung der Fitnessstudios wieder zurück.

Kunden berichten von Schmerzen

Frauke Sowa hat dafür kein Verständnis. Ihr gehört das Fitness- und Gesundheitsstudio, in dem Karl-Heinrich Becker regelmäßig trainieren war. Bei ihr würden sich viele Kunden melden, denen es ohne Training immer schlechter gehe.

"Ich bekomme ständig solche Anrufe. Gerade meine älteren Kunden, aber mittlerweile sind es auch die Middle-Ager, die sagen: 'Ich kann nachts nicht mehr schlafen, meine Rückenschmerzen sind so massiv geworden", berichtet Studioinhaberin Sowa.

Immer mehr Patienten wollen Physiotheraphie

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Auch Axel Klein, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP), beobachtet solche Probleme: "In meiner orthopädischen Praxis stellen sich zunehmend Patienten vor und beklagen eine Beschwerdezunahme am Nacken und Rücken, da ihnen der freie Zugang zu den Fitnessstudios verwehrt bleibt", so Klein. Alternativ stehe dann sofort die Frage im Raum, ob ein Physio-Rezept ausgestellt werden könne.

Bei den Physiotherapeuten wird dadurch die Warteliste von Patienten immer länger. Christian Lellek, stellvertretender Vorsitzender vom hessischen Landesverband für Physiotherapie, der eine Praxis in Kriftel (Main-Taunus) betreibt, beobachtet seit letztem Herbst 20 bis 30 Prozent mehr Menschen, die wegen Schulter-Nacken-Beschwerden oder Haltungsbeschwerden zu ihm wollten. "Wir haben da so eine Art Homeoffice-Erkrankung gefunden", sagt Lellek.

Fitnessstudiobetreiberin: Werden wie Bordelle behandelt

Den ganzen Tag im Homeoffice zusammengekauert am Couch- oder Küchentisch sitzen und dann keinen Ausgleich durch professionelles Fitnesstraining haben: Eine gefährliche Kombination, findet Studiobetreiberin Frauke Sowa. Sie würde gerne wenigstens wieder Einzeltraining mit Termin anbieten. Aber das geht nicht, weil die Fitness- und Gesundheitsstudios als Freizeitaktivitäten behandelt werden.

"Das heißt, direkt nach den Schaustellern und Prostitutionsbetrieben werden Fitnessstudios gelistet. Obwohl wir schon seit vielen Jahren Krankenkassenpartner sind", beklagt Sowa. Sie hofft, dass die Politik bald doch noch zwischen Muckibuden und Gesundheitssport unterscheidet.

Es könnte allerdings auch passieren, dass es allen Fitnessstudios bald so geht wie denen im Lahn-Dill-Kreis. Werden die Studios im geplanten deutschlandweiten Infektionsschutzgesetz nicht als systemrelevant eingestuft, müssen sie bei einer höheren Inzidenz wohl flächendeckend schließen.

Sendung: hr4 für Mittelhessen, 15.04.2021, 15.30 Uhr