Mitarbeiterinnen eines Gesundheitsamts am Telefon, um Infektionsketten in der Corona-Pandemie nachzuspüren, geschützt durch Trennwände und Gesichtsvisier

Um Infektionsketten in der Pandemie nachzuspüren, müssen Mitarbeiter der Gesundheitsämter hunderte Telefonate führen - jeden Tag. Zwar schufen viele Kreise dafür neue Stellen. Dennoch blicken sie mit Sorge auf den Winter.

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hs
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Die Gesundheitsämter im Land haben angesichts der Corona-Pandemie ihr Personal zum Teil massiv aufgestockt. Der hr fragte bei allen 26 hessischen Kreisen und kreisfreien Städten nach, von denen 17 antworteten. Ergebnis: Größere Städte wie Frankfurt (plus 29), Darmstadt (plus 20) und Offenbach (plus 16) sowie bevölkerungsreiche Kreise wie Gießen (plus 23), Offenbach (plus 21) und Main-Kinzig (plus 12) erweiterten vor allem die Zahl der Mitarbeiter, die Infektionsketten nachspüren. Jede und jeder von ihnen muss jeden Tag bis zu 100 mögliche Kontaktpersonen von nachweislich mit Sars-CoV-2 Infizierten aufspüren und anrufen.

Der Main-Kinzig-Kreis hat nach eigener Auskunft das Personal in der Abteilung seit März vervierfacht. Im Kreis Groß-Gerau kamen sogar 37 neue Leute hinzu, was aber damit zu tun hat, dass die Gesundheitsverwaltung sie von der Kreisklinik übernehmen musste, wo Personal abgebaut wurde - so fanden sie gleich ein akutes neues Beschäftigungsfeld.

Pools von möglichen Aushilfen

Da die Zahl der Corona-Infektionen mal anschwillt und dann wieder abebbt, haben die meisten Kreise, die Rückmeldung gaben, manche neuen Mitarbeiter in den Gesundheitsämtern unbefristet, andere vorübergehend eingestellt. Etliche Verwaltungen haben Pools von Angestellten in anderen Bereichen aufgebaut, von denen sie im Bedarfsfall - etwa wenn sich ein Hotspot bildet - welche zur Pandemiebekämpfung abziehen können.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Deutlich mehr Mitarbeiter in Gesundheitsämtern

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Der Wetteraukreis verfügt nach eigenen Angaben über 50 mögliche Aushilfen in einem solchen Pool, der Odenwaldkreis über 29, der Kreis Hersfeld-Rotenburg über rund 30, der Kreis Gießen über 26. Andere Kreise wie Marburg-Biedenkopf und Vogelsberg gaben an, dass sie zu Hochzeiten der Pandemie alle verfügbaren Kräfte auch aus anderen Bereichen der Verwaltung zum Dienst in der Gesundheitswesen heranzogen, nannten aber keine Zahl. Die Kreise Waldeck-Frankenberg und Limburg-Weilburg sowie die Stadt Offenbach nutzten das Angebot sogenannter Containment Scouts des Robert-Koch-Instituts.

Fall eines Infizierten mit 1.600 Kontaktpersonen

In der Diversität der Angaben spiegelt sich die Dynamik der Corona-Pandemie wider. Im Bedarfsfall nehmen die Gesundheitsämter alle, die helfen können. Um die Verbreitung des Virus einzudämmmen, müssen die Ämter die Infektionsketten so schnell wie möglich nachvollziehen und Kontaktpersonen von Infizierten zur vorsorglichen Selbstisolierung anhalten.

Das Kreisgesundheitsamt Main-Kinzig ist in diesen Tagen mit einem besonders krassen Fall beschäftigt, wie der dortige Amtsleiter Siegfried Giernat berichtet. Es geht um einen positiv auf Covid-19 getesteten Kellner, der trotz verordneter Quarantäne weiter in einem Lokal in Frankfurt arbeitete. Die Mitarbeiter des Amts müssen nun eine Liste mit 1.600 möglichen Kontaktpersonen abarbeiten. Zwar hatten nicht alle von ihnen einen Risiko-Kontakt zum Kellner. Aber wie bei Infektionen an einer Schule können in so einem Fall rasch hunderte Tests nötig werden. Und jeden dieser Tests müssen die Menschen vom Amt begleiten mit Aufklärungsgesprächen über Quarantäne und mögliche Konsequenzen.

Andere Aufgaben bleiben liegen

Angesichts des erheblichen Arbeitsaufwands, den allein ein Infektionsfall nach sich ziehen kann, schauen einige Gesundheitsämter mit Sorge auf den kommenden Herbst und Winter. Trotz der personellen Aufstockungen wäre eine mögliche zweite Corona-Welle und ein erneuter Anstieg der Fälle fatal, melden einige der befragten Kreise. Ein Sprecher des Rheingau-Taunus-Kreises sagt, kämen nur zwei größere Corona-Ausbrüche zusammen, könnten leicht wieder Mitarbeiter fehlen - trotz Aufstockung.

Amtsleiter Giernat aus dem Main-Kinzig-Kreis sagt: "Wir werden nicht mehr so viele Fälle haben, aber wir werden wachsam bleiben müssen, das wird sich in den nächsten ein, zwei Jahren nicht ändern. Wir werden Coronaviren haben, so wie Noroviren, Hantaviren und andere Krankheiten." Alle Kreise räumen allerdings auch ein, dass ihre Gesundheitsämter wegen der Auslastung in Sachen Corona andere Aufgaben schleifen lassen müssen - etwa die Eindämmung weiterer ansteckender Krankheiten.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 08.09.2020, 19.30 Uhr