In Wohngemeinschaften rücken die Bewohner während der Corona-Krise noch enger zusammen. Das bedeutet etwa auch gemeinsame Quarantäne. Die schwierige Situation kann aber auch bereichernd sein, wie zwei Beispiele aus Kassel zeigen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Eine WG in Quarantäne

Collage aus Fotos von zwei Wohngemeinschaften - zwei sitzen auf der Couch, zwei stehen in der Küche - und Farbflächen.
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Seit Februar wohnen Rahel Fricke, Nikolai Specht und Christoph Bitter zusammen in einer Studenten-WG in Kassel - auf 76 Quadratmetern. Einen Balkon gibt es nicht, die Küche ist der einzige Gemeinschaftsraum. Kaum waren sie zusammengezogen, gab es im März die ersten Corona-Kontaktbeschränkungen. Plötzlich zählte, wer mit wem einen Haushalt bildete. Seitdem haben die Mitbewohner sehr viel Zeit miteinander verbracht, sagt Bitter. Er ist sich sicher, ohne Corona seien sie nicht so nah zusammengerückt.

Mehr noch: Seine Mitbewohner seien durch Corona zu seinen wichtigsten Sozialkontakten geworden. Besuch kommt wegen Corona selten. Und wenn, werde er geteilt, erklärt Specht: "Wir haben immer zu dritt mit der Person zu tun. Einer schleppt den Freund hier her und wir machen dann alle zusammen was mit dem. Der wird dann eingemeindet."

Familie infiziert, zu dritt in Quarantäne

So lange alle gesund waren und keiner Kontakt zu Infizierten hatte, lief das gut. Bis Specht im August aus einem Urlaub kam und noch seine Eltern besuchte: Zurück in der WG bekam er 40 Grad Fieber, der Corona-Test war positiv. Specht hatte unwissentlich eine Kettenreaktion ausgelöst: Er hatte seinen Vater, seine Schwester und seine Großeltern angesteckt, sein Opa lag sogar vier Wochen auf der Intensivstation.

"Meine Eltern haben mir das Gott sei Dank erst nicht gesagt, während es so schlimm war. Mein Opa war kurz vor dem Sterben", erinnert sich Specht. Seine Eltern wollten nicht, dass er sich noch mehr Vorwürfe macht. Seine Schwester ist Lehrerin, ihre ganze Schule musste geschlossen werden. Und auch seine beiden Mitbewohner mussten in Quarantäne, zwei Wochen hockten sie aufeinander. Nachbarn und Freunde machten die WG-Einkäufe.

Das enge Zusammenleben sei nicht immer einfach gewesen, erinnert sich Rahel Fricke, manchmal musste sie einfach die Zimmertür schließen. Damit ihr die Decke nicht auf den Kopf fiel, räumte sie alle zwei Tage ihr Zimmer um. Viel Reden habe ihnen in der Quarantäne geholfen, meinen alle drei WG-Mitbewohner. "In der Zeit haben wir uns auch immer gut in der Balance gehalten und uns gegenseitig gestützt", findet Rahel Fricke.

Kennenlernen im Eiltempo

Auch in der WG von Vera Dirks, Clemens Grau und Daniel Wonn in Kassel hat sich das Zusammenleben verändert. Sie sind ebenfalls Studenten, die bald ins Berufsleben starten. Daniel Wonn ist erst vor drei Monaten in die 75 Quadratmeter große Wohnung gezogen. Das Kennenlernen verlief deutlich schneller und intensiver als sonst. Die drei haben eine abendliche Corona-Beschäftigung für sich entdeckt: Gesellschaftsspiele. Sie sitzen regelmäßig um den Küchentisch oder zocken gemeinsam an der Spielkonsole bei Wonn im Zimmer, weil da der größte Fernseher steht.

Um Kontakte zu reduzieren, darf Besuch nur ins eigene Zimmer. Bisher blieb die WG von Corona und Quarantäne verschont. "Wir können wirklich froh sein, dass unsere Jobs noch möglich sind, weil wir natürlich auf das Geld angewiesen sind", sagt Grau. Aber die bergen auch Risiken: Dirks arbeitet als Kassiererin in einem Baumarkt und am Empfang einer psychotherapeutischen Einrichtung, Wonn ist Rechtsreferendar und Grau arbeitet an einer Grundschule. Kontakte bleiben da nicht aus. Die drei achten in ihrer WG besonders auf Hygiene: Regelmäßiges Händewaschen ist Pflicht, alles ist sauber und aufgeräumt.

Corona schweißt zusammen

Auch in der WG von Nikolai Specht, Rahel Fricke und Christoph Bitter steht fest: Das Corona-Jahr hat die Bewohner zusammengeschweißt. Sie würden Probleme offen ansprechen und auch über ihre Ängste und Sorgen reden, sagen die drei. Ehrlich zu sprechen sei das Wichtigste beim engen Zusammenleben, meint Fricke. Sie seien froh, einander zu haben.