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Audioseite 750 Kinder von Präsenzpflicht an Hessens Schulen befreit

Eine Hand hält ein Coronatest-Röhrchen mit einer Klammer. Die andere Hand führt ein Coronatest-Stäbchen in das Röhrchen ein. Im Hintergrund der Oberkörper eines Schülers mit OP-Maske.

Rund 750 Kinder in Hessen gehen nicht zur Schule, weil sie sich nicht auf Corona testen lassen. Das Land lässt das zu. Die Bildungsgewerkschaft GEW bemängelt, dass die Kinder abgehängt werden.

Stäbchen in die Nase, Lolli- oder Spucktest: Für Schülerinnen und Schüler in Hessen stehen sie zweimal pro Woche an und sind praktisch die Eintrittskarte ins Schulgebäude. Denn seit Ende der Osterferien gilt: Nur wer getestet ist, darf am Präsenzunterricht teilnehmen.

Heißt aber umgekehrt: Wer sich nicht testen lässt, muss zu Hause bleiben. Das ist bei rund 750 Kindern der Fall (Stand: Anfang Oktober 2021), wie das hessische Kultusministerium auf Anfrage mitteilte. Das sei eine Durchschnittszahl für das laufende Schuljahr. Zusammen mit den Kindern, die schon im vorigen Schuljahr nicht in den Präsenzunterricht kamen, könne die Zahl noch etwas höher ausfallen. Die Summe werde gerade berechnet.

"Gelten nicht als Schulschwänzer"

Während andere Bundesländer darin eine Verletzung der Schulpflicht sehen und das Fernbleiben mit Bußgeld ahnden können, lässt das Land Hessen Eltern und Kindern die Möglichkeit, mit dem Test auch auf den Präsenzunterricht zu verzichten, bewusst offen.

Dazu teilte das Kultusministerium mit: "Schülerinnen und Schüler, die sich von der Teilnahme am Präsenzunterricht haben befreien lassen, gelten in Hessen nicht als Schulschwänzer." Eltern könnten ihre Kinder von der Präsenzpflicht befreien lassen.

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Befreiung von der Präsenzpflicht

Um ein Kind von der Präsenzpflicht in der Schule zu befreien, braucht es in Hessen kein Attest: Die Befreiung ist formlos möglich. Voraussetzung ist laut Kultusministeriun lediglich, dass das Kind für einen "längeren Zeitraum" befreit wird - etwa zwei bis vier Wochen, aber nicht für einzelne Tage. Eine Maximaldauer gebe es nicht.

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"Die Möglichkeit wurde explizit dafür geschaffen, wenn Eltern nicht möchten, dass ihre Kinder getestet werden", sagte Ministeriumssprecher Philipp Bender: "Es muss ein Ausweg ermöglicht werden." Einige blieben wegen Vorerkrankungen zu Hause, andere, weil ihre Eltern Tests ablehnten "oder glauben, Corona sei Quatsch", so Bender.

Unterricht für Ungetestete "nicht definiert"

Gemessen an der Gesamtzahl von 637.503 Schüllerinnen und Schülern an Hessens allgemeinbildenden Schulen sind diese 750 Kinder eine kleine Minderheit. Trotzdem sieht die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Hessen ein "großes Problem". Denn im Gegensatz zur Lockdown-Zeit böten Schulen keinen Online-Unterricht mehr an.

"Das heißt dann, dass die Lehrer sagen: Das und das kommt dran - bereitet euch darauf vor", berichtet Hessens GEW-Vorsitzender Thilo Hartmann. Ob und wie die Kinder tatsächlich lernen, sei nicht zu kontrollieren. Als Kritik an Lehrerinnen und Lehrern will er das nicht verstanden wissen: Am Freitag stellte Hartmann daher klar, dass Lehrerinnen und Lehrer für Kinder, die zu Hause bleiben, in der Regel Wochenpläne erstellen und Hinweise zu Lerninhalten geben. Diese müssten die Kinder dann zu Hause in ihren Lehrbüchern bearbeiten.

Das Kultusministerium räumt ein: Ob per Telefon, online oder auf anderem Weg - wie genau abwesende Kinder beschult würden, sei "nicht definiert."

"Lehrer können doppelten Unterricht nicht leisten"

Für Schülerinnen und Schüler, die vom Präsenzunterricht befreit sind, könnte es so immer schwieriger werden, dem Stoff zu folgen und irgendwann zurück in den Unterricht zu kommen, fürchtet die GEW. Für Lehrerinnen und Lehrer sei es allerdings nicht zu schaffen, doppelten Unterricht mit den Kindern zu Hause und der Präsenzklasse zu machen.

Ein Grundschulkind sitzt mit einem Buch vor dem Laptop

Die GEW fordert daher von der Landesregierung klarere Regeln im Umgang mit Testverweigerern. Gerade für Klausuren brauche es Lösungen. "Die Kinder entscheiden ja nicht selbst, sondern Eltern entscheiden für sie und umgehen damit die Schulpflicht", sagt Hartmann. "Es gibt gute Gründe, das als Schulschwänzen zu betrachten."

Das Kultusministerium sieht das anders. Mit Blick auf Bundesländer wie Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern, die Testverweigerer als Schulschwänzer betrachten, sagt Sprecher Bender: "Uns ist nicht ersichtlich, warum andere Länder sich diesen Schuh anziehen." Der hessische Weg sei pragmatisch. "Kinder mit einem Bußgeld in die Schule zu zwingen, halte ich für aussichtslos."

Ausnahmen für Klausur-Phasen?

An Lösungen für Prüfungssituationen werde bereits gearbeitet. So könne sich das Ministerium vorstellen, das Betretungsverbot für Ungetestete in bestimmten Situationen wie etwa Prüfungen aufzuweichen. Oder es könnte ein separater Klassenraum oder ein Termin am Nachmittag angeboten werden.

Hoffnung setzt das Ministerium vor allem in den Fortschritt beim Impfen und darauf, dass sich demnächst auch Kinder unter zwölf Jahren impfen lassen könnten, sagt Bender: "Denn wer geimpft ist, braucht keine Tests."

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