Vor 13 Jahren hat sich Christoph Rickels Leben komplett gewandelt.

Mit 20 wird Christoph Rickels vor einer Disco niedergeschlagen. Lange liegt er im Koma, schwere Behinderungen bleiben. Im Interview erzählt der Mann aus Kassel, wie er mit seinen leidvollen Erfahrungen in Schulen und Gefängnissen für ein "cooles Miteinander" wirbt.

Es ist der 28. September 2007, als Christoph Rickels eine Disco in Norddeutschland besucht. Er möchte einen schönen, ausgelassenen Abend haben, flirtet mit einem Mädchen. Doch irgendwann gerät er in einen Streit. Ein anderer junger Mann läuft auf den damals 20-Jährigen zu und verpasst ihm einen harten Schlag.

Christoph Rickels knallt auf den Boden. Von da an ist nichts mehr, wie es war. Er liegt vier Monate im Koma. Als er schließlich aufwacht, ist er schwerbehindert. In den vergangenen 13 Jahren hat er sich ins Leben zurückgekämpft.

hessenschau.de: Herr Rickels, wenn wir einen Blick auf den 20-jährigen Christoph werfen - was war das für ein Typ?

Ich weiß, dass ich Schulsprecher und Mannschaftskapitän war. Ich war diese Rampensau, der Mann in der Mitte, der das Sagen haben wollte. Ich war ein Typ, der anderen auch aufs Maul gehauen hat. Ich weiß das. Aber ich fühle das nicht mehr.

hessenschau.de: Sie können sich an den Abend in der Disco und Ihr Leben davor kaum noch erinnern. Wie ist das für Sie, diese Erinnerungen nicht mehr zu haben?

Mit meinem heutigen Bewusstsein würde ich es als positiv beschreiben. Es bringt mir nichts, in die Vergangenheit zu schauen. Wenn ich diese Gefühle hätte, dann wäre ich garantiert viel trauriger und deprimierter. Und ich wüsste nicht, ob ich das geschafft hätte, was ich jetzt geschafft habe.

hessenschau.de: Sie mussten alles neu lernen: laufen, essen, sprechen. Wie sehr hat das Ihr Leben verändert?

Mein Leben hat neu angefangen nach dem Koma. Das war, wie ein Säugling neugeboren zu werden. Mit dieser Behinderung haben sich ziemlich viele Defizite in mein Leben geschlichen, die das Leben für mich einschränken. Was nicht heißt, dass das Leben vorbei ist. Ich musste mich anders strukturieren. Wenn ich sage, was sich verändert hat, dann ist das objektiv sehr schlimm. Aber ich kann diesen Kontrast nicht fühlen, der sich wortwörtlich in mein Leben geschlagen hat.

hessenschau.de: Inzwischen können Sie wieder gehen und sprechen. Aber es gibt Folgen, die bleiben. Sie haben eine halbseitige spastische Lähmung, Ihr Sprachnerv ist gestört. Haben Sie das Gefühl, dass die Leute im Alltag Sie wegen Ihres Handicaps anders behandeln?

Die soziale Ausgrenzung ist schlimm. In dem Moment, wo jemand "anders" ist, da geht man auf Abstand. Der andere spürt das vielleicht gar nicht, aber ich spüre diese Distanz ja, als derjenige, der "anders" ist. Dann fällt mir das Reden super schwer. Die Konsequenz ist, dass ich zuhause sitzen bleibe und mich in meinem Zimmer verbarrikadiere.

hessenschau.de: Wie sehr nimmt Sie das mit?

Es gibt Momente, in denen ich sehr gerne geweint hätte. Es gibt so viel in meinem Leben was mich fertig macht. Ich fühle mich, als wenn ich gar nicht mehr aufhören könnte zu weinen. Aber es kommt nicht raus, ich kann es nicht.

hessenschau.de: Der Täter hat damals eine zweijährige Bewährungsstrafe bekommen. Haben Sie jemals mit ihm gesprochen?

Wir haben uns nie ausgetauscht. Es wäre bestimmt gut, wenn man sich mal unterhalten würde. Wenn ich ihn sehen würde, würde ich ihm nichts sagen wollen. Ich würde ihn fragen wollen, wie es ihm geht. Ich sage heute, das hätte mir auch passieren können. Er hat doll zugeschlagen, das stimmt. Aber er hat das alles gar nicht wahrgenommen. Und dass er mit diesem einen Schlag so viel kaputt macht, damit hat er nie gerechnet.

hessenschau.de: Sie gehen sehr souverän mit dem Thema um. War das schon immer so?

Nee, das wäre gelogen. Am Anfang, als ich das alles realisieren musste, da hätte ich ihn gefühlt am liebsten umgebracht. Da wollte ich mich rächen, er sollte bluten. Dieses Bewusstsein, das ich heute habe, das war eine lange Entwicklung.

hessenschau.de: Sie haben deshalb Ihr eigenes Projekt "First Togetherness" ins Leben gerufen. Dafür gehen Sie an Schulen und erzählen den Schülern Ihre Geschichte. Bewirkt das etwas?

Vom ersten Auftritt bis heute ist es eigentlich immer gleich: Die Lehrer sagen mir, dass sie ihre Schüler noch nie so aufmerksam erlebt hätten. Die Kids sind emotional bewegt. Die wollen mir zuhören. Wir sind aber auch auf Augenhöhe. Ich rede in deren Sprache und bin nicht der mit dem pädagogisch erhobenen Zeigefinger, der schlaue Sprüche erzählt.

hessenschau.de Sie besuchen auch Gefängnisse. Wie reagieren die Leute dort, die womöglich anderen Menschen genau so etwas oder noch Schlimmeres angetan haben?

Eine Sache habe ich nie vergessen. Als mir einer der härtesten Typen da gesagt hat: "Christoph, ich habe noch nie einen so starken Menschen wie dich gesehen." Das sagt mir einer, der selber gern der Stärkste wäre. Gefühlt ist es dasselbe wie in Schulen. Es geht emotional ab. Ich möchte die nicht anklagen, sondern im Bewusstsein was verändern.

hessenschau.de: Macht es Sie stolz, dass Sie etwas bewegen können?

Die Tatsache, dass ich einsam, alleine, behindert und eingeschränkt bin, das ist schlimm. Aber das Bewusstsein, dass ich trotz allem sowas bewirke, das gibt mir die Kraft immer weiter zu laufen. Ich bin fast am Ziel.

hessenschau.de: Wie sieht dieses Ziel aus?

Ich möchte eine Familie haben. Ich möchte eine Frau haben, die mich liebt. Ich möchte ein Kind und ein Haus haben. Ich möchte dieses normale Leben haben. Und ich möchte, dass das Miteinander cool wird. Ich möchte, dass die Jugend es cool findet, wenn man sich gegenseitig hilft.

Das Gespräch führte Michelle Goddemeier.