Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Gedenken an Bombenangriff vor 75 Jahren - Foto: zerstörter Marktplatz

Menschen gehen über den zerstörten Gießener Marktplatz 1944

Es war die schlimmste Nacht, die Gießen je erlebt hat. Vom 6. auf den 7. Dezember 1944 legten britische Bomber die Stadt in Schutt und Asche. Hunderte Menschen starben. 75 Jahre danach wird in Gießen der Opfer gedacht. Überlebende erinnern sich.

Codename "Hake" ("Hecht")  - unter diesem Namen verwüstete eine britische Luftwaffenoperation die Stadt Gießen in der Nacht vom 6. auf den 7. Dezember. Das Ziel des Angriffs waren Bahnverbindungen und die Innenstadt.

Am frühen Nikolausabend gegen 19.30 Uhr wurden Zielmarkierungen abgeworfen, die aussahen wie "Christbäume am Himmel". Eine halbe Stunde später begann das Inferno: 1.000 Tonnen Spreng- und Brandbomben fielen auf Gießen.

Sie entfachten einen Feuersturm, bei dem knapp 400 Menschen getötet und der Stadtkern fast vollständig zerstört wurde. Viele Gießener konnten sich in Luftschutzkeller retten. Eine von ihnen ist Maria Köhler, damals 21 Jahre alt. hessenschau.de sprach mit der heute 96-Jährigen über die Nacht der Bombardierung.

hessenschau.de: Wie haben Sie den Nikolaustag 1944 und die Bombennacht in Gießen erlebt?

Maria Köhler: Wir sind morgens wie gewohnt zur Arbeit gegangen, ich arbeitete bei einer Bank. Die Haupt-Einkaufsstraße war belebt und die Kinder haben schon auf den Nikolaus gewartet. Ich kam aus dem Büro nach Hause, und kurz darauf gab es Voralarm. Wir sind alle sofort in den Keller, die ganze Hausgemeinschaft mit etwa 11 Personen. Nach kurzer Zeit gab es Entwarnung und wir dachten schon "Gott sei Dank, heute kommen sie nicht mehr".

Dann aber gab es Vollalarm. Im Himmel waren überall diese "Christbäume" zu sehen, da wussten wir, was los war. Wir hörten, wie die Bomber mit großem Lärm ankamen, dann fielen auch schon die ersten. Es kam eine Bombenwelle nach der anderen. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir im Keller waren. Ich dachte nur immer: Lieber Gott, lass es doch aufhören, lass es  doch aufhören! Manchmal hat der ganze Keller gezittert und der Boden gebebt. Nach einer Zeit wurde es dann ruhig und wir haben den Keller verlassen.

Der zerstörte Kirchenplatz in Gießen 1944

hessenschau.de: Was haben Sie danach auf den Straßen sehen können?

Köhler: Alles stand in Flammen! Alles war mit Brandbomben übersät! Und die Leute wollten nur noch raus aus der Stadt und schrien: "Rettet Euch, da sind noch Zeitzünder". Und dann explodierten immer wieder noch Bomben.

Meine Eltern und ich wollten auf die andere Lahnseite, dort hatte offenbar nichts gebrannt. Als ich auf der Lahnbrücke stand, sah ich, wie der Turm unserer Kirche brennend in sich zusammenbrach. Wir sind dann nach Heuchelheim gelaufen. Von dort aus konnten wir Gießen sehen: Die ganze Stadt war ein Flammenmeer und der Himmel war rot, es war furchtbar! Wer da noch drin war, der ist nicht mehr lebend raus gekommen. Viele sind verbrannt.

hessenschau.de: Wie war es am Tag danach? Was haben Sie gemacht?

Köhler: Wir haben nachgesehen, was mit unserem Haus und unserem Geschäft war, wir hatten einen Laden für Schumacher-Bedarf. Die Mauern standen noch, aber es war alles ausgebrannt, alles war fort. Meine Eltern und ich, wir suchten dann das Nötigste zusammen, Bettwäsche und die Federbetten. Mein Vater holte sein Moped und mein Fahrrad. Kleidung hatte ich nicht mehr, die habe ich dann von anderen geschenkt bekommen.  

hessenschau de: Was hat das alles mit Ihnen gemacht?

Zeitzeugin Maria Köhler aus Gieeßen

Köhler: Wir machten uns über das alles wenig Gedanken. Wir waren so beschäftigt damit, wieder Ordnung zu schaffen. Ich konnte bei meiner Bank weiter zur Arbeit gehen, und nach dem Dienst putzte ich draußen auf der Straße Steine. Alle, die das erlebt haben, waren zusammengeschweißt. Und die davongekommen waren, die waren sofort bereit zu helfen.

hessenschau.de: Wenn Sie sich Gießen heute ansehen, was empfinden Sie?

Köhler: Das tut sehr weh! Es war ja meine Heimatstadt. Und Gießen hatte viele schöne Ecken mit vielen schönen Fachwerkhäusern. Seit dem Wiederaufbau ist alles so nüchtern. Aber es musste ja schnell gehen, damit die Leute wieder Wohnraum hatten. Gießen war früher anders als heute, das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht.

hessenschau.de: Schüler der Gießener Ostschule haben sich mit der Bombardierung und der Zerstörung Gießens 1944 beschäftigt und dazu eine Ausstellung erstellt, die am Freitag eröffnet wurde. Wie finden Sie, dass sich Schüler heute mit diesem Thema beschäftigen?

Köhler: Das finde ich sehr gut! So etwas darf man einfach nicht vergessen. Jeder sollte versuchen, mit allen in Frieden zu leben, das ist doch das Allerwichtigste! Wenn man die Zerstörung seiner Heimatstadt einmal erlebt hat, dann möchte man sagen: Es darf nie wieder passieren!

Die Fragen stellte Marcus Narloch-Bode

Sendung: hr4, 06.12.2019, 15.30 Uhr