Die 28-jährige Hannah Tinnefeld lacht in die Kamera

Hannah Tinnefeld ist an diesem Sonntag zur Pfarrerin ernannt worden. Dabei hatte die 28-Jährige früher nur wenig mit Kirche am Hut. Ihre Aufgabe möchte sie aktiv gestalten - und dabei auch in Bars das Wort Gottes verbreiten.

Dass sie mal Pfarrerin werden würde, war für Hannah Tinnefeld lange unvorstellbar. Als Jugendliche sei sie der Kirche mit Vorurteilen und Klischees gegenübergestanden. "Ich bin eigentlich nur jedes Jahr an Weihnachten in die Kirche, so wie viele", erzählt die 28-Jährige im Gespräch mit hessenschau.de: "Ich hatte ein sehr starres Bild davon, und dem entsprach ich halt nicht, so Tinnefeld. Später habe sie mal einen Informationsabend in der Kirche besucht, das Interesse sei aber schnell wieder verflogen. Da war Tinnefeld 19.

Keine zehn Jahre später wird das, was damals nur ein abwegiger Gedanke gewesen wäre, Wirklichkeit: Tinnefeld und weitere Vikarinnen und Vikare wurden an diesem Sonntag in Kaufungen (Kassel) im Rahmen eines Gottesdienstes der Evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck feierlich ins Pfarramt eingeführt. Ab November wird sie in ihrer Gemeinde in Grebenstein als Pfarrerin das Wort Gottes predigen.

Dabei wollte die 28-Jährige ursprünglich Lehrerin werden. Sie studierte Lehramt für die Fächer Ethik und Französisch in Marburg. Dort lernte sie bei Theologie-Vorlesungen, die sie besuchen musste, Mitstudierende kennen, die Pfarrerinnen und Pfarrer werden wollten. Sie sei fasziniert gewesen. Da habe sie gemerkt, dass ihre Vorstellung davon nicht stimmte, "sondern dass das ganz viele unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Ambitionen machen".  

Von der Taufe bis zum Tod alles abgedeckt

Tinnefeld fing mit dem Theologie-Studium an, studierte zwar weiter parallel für das Lehramt, beendete diesen Studiengang aber nicht. Nach zwölf Semestern Theologie legte sie ihr erstes Staatsexamen ab und absolvierte anschließend eine zweijährige Pfarrerausbildung (Vikariat) in Ahnatal-Weimar bei Kassel. Von der Taufe bis zum Tod decke der Beruf das ganze Leben ab, so Tinnefeld, die ursprünglich aus Westfalen stammt. Sie hätte sich auch sehr gut vorstellen können, als Schulseelsorgerin zu arbeiten. "Aber ich hatte das Gefühl, dass das Pfarramt mit viel mehr Menschen zu tun hat und nicht nur mit einer Gruppe wie Schülerinnen und Schüler", sagt die 28-Jährige.

Die junge Pfarrerin hat großen Respekt vor ihrer neuen Aufgabe. "Es ist ein Sprung ins kalte Wasser." Sie wolle zunächst die Menschen in ihrer Gemeinde kennenlernen, hinhören und ein Gefühl für sie bekommen. Ihr Amt sieht sie als Chance, ein Hilfsangebot sowie eine Kontaktfläche für unterschiedliche Bedürfnisse zu bieten. Dadurch sei es ein sehr kreativer und vielfältiger Beruf, den man selbstständig planen und verwalten könne. "Aber nicht alleine, sondern als Ansprechperson, die vermittelt, berät und Menschen zusammenbringen kann."

"Die Kirche muss raus zu den Leuten"

Die anhaltende Kritik an der Institution Kirche nimmt Tinnefeld natürlich wahr. Die meisten ihrer Freunde seien nicht christlich, bereits ausgetreten oder gegenüber der Kirche sehr kritisch eingestellt. In eine Rechtfertigungshaltung möchte sie aber nicht fallen, sagt sie: "Ich will ins Gespräch kommen, sonst ist man in dieser Blase." Daher sei Kritik gut und schärfe die Sinne. Für sie sei es wichtig, einen Dienst zu tun, so Tinnefeld, "in dem ich Räume schaffen kann, in denen sich Menschen wohl fühlen, weil ich das selbst so erfahren habe".

Wie das funktionieren soll? Die Kirche müsse auch raus zu den Leuten, beispielsweise in Cafés oder Bars, so die 28-Jährige. Man könne nicht damit rechnen, dass bestimme Generationen noch von alleine kämen. Man dürfe sich daher nicht in den Kirchenräumen verstecken, betont Tinnefeld, die nun in ihrer neuen Gemeinde Impulse in diese Richtung setzen möchte. Dabei wird sie möglicherweise auch die eine oder andere Bar aufsuchen, um dabei mit Menschen in lockerer Atmosphäre über Gott und die Welt zu plaudern.

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