Drei Kinder sitzen mit einer Lehrerin von einer Tafel
Kleingruppenarbeit an einer Schule - intensive Betreuung hilft bei der Integration. Bild © picture-alliance/dpa

30 Jahre lang hat Ingrid König an einer Grundschule in einem sozialen Brennpunkt gearbeitet. Ihr Buch "Schule vor dem Kollaps" ist ein Hilferuf an die Politik, die Schulen mit dem Thema Integration nicht alleine zu lassen.

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Berthold-Otto Schule in Griesheim

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Geschichten aus dem Schulalltag einer Brennpunktschule

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Die Berthold-Otto-Schule in Frankfurt-Griesheim ist ein trister Betonklotz aus den 1960er Jahren. An einigen Stellen blättert der Putz von der blassrosafarbenen Fassade. 90 bis 100 Prozent der Kinder dieser Grundschule haben einen Migrationshintergrund. 30 Jahre lang hat Ingrid König hier gearbeitet, zunächst als Lehrerin von Aussiedlerkindern, später als Schulleiterin. Eine Lehrerin mit Leidenschaft und Kampfgeist, die für Probleme nach Lösungen sucht.

Cover Ingrid König Schule vor dem Kollaps
Bild © Penguin Verlag

In den vergangenen Jahren hat sich nach Aussage von Ingrid König die Situation an den Schulen und damit die Arbeit der Pädagogen massiv verändert. Ihre Erfahrungen und Erlebnisse schildert sie in ihrem Buch "Schule vor dem Kollaps". Es ist ein Hilferuf an die Politik und zugleich ein Plädoyer, nicht vor der Mammutaufgabe Integration zu kapitulieren.

Viele der Kinder, die König unterrichtet hat, sprechen kaum deutsch. Manche sprechen nicht einmal ihre Herkunftssprache, kommen aus schwierigen sozialen Verhältnissen. "Wir haben Eltern, die ihre Kinder teilweise nur schlecht versorgen können." Die Kinder bekämen zu wenig Schlaf, andere nicht genug zu essen. "Kinder kommen ohne Frühstück und ungewaschen in die Schule." Auch an Zuneigung und Geborgenheit fehle es in vielen Familien.

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Die ehemalige Grundschulrektorin Ingrid König wurde bekannt durch eine ZDF-Sendung mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Nach der Sendung hat Merkel insgesamt 50 Schulleiter und Schulleiterinnen aus Berlin und Hessen ins Kanzleramt eingeladen, um über das Thema Integration an Schulen zu sprechen. Darunter auch Ingrid König. Im Gespräch mit hr-iNFO berichtet König aus ihrem Schulalltag und den aktuellen Problemen.

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Schon vor neun Jahren hat Ingrid König das Kinderschutzprojekt "Arche" an die Schule geholt. Dort bekommen die Kinder ein Frühstück, Mittagessen, Hausaufgabenbetreuung. Und ein Stück der so wichtigen Zuneigung. "Ein Tropfen auf den heißen Stein", sagt die 65-Jährige.

Wer es sich leisten kann, zieht weg

Ein Grundproblem sei die schlechte soziale Durchmischung an ihrer Schule. "Die Familien, die es sich irgendwie leisten können, ziehen weg." Eine Beobachtung, die Harriet Kühnemann bestätigen kann. Sie ist Rektorin an einer Grundschule in einem sozialen Brennpunkt in Gießen. Die Probleme hätten sich in den vergangenen Jahren verschärft. Von offizieller Seite werde so getan, als finde das alles nicht statt, kritisiert Kühnemann. Auch die Städteplanung habe versagt. "Es wird zugelassen, dass sich bestimmte Stadtteile so entwickeln."

Sorge bereitet den beiden Schulleiterinnen eine weitere Tendenz. Bei Eltern und Kindern gebe es ein neues, zweifelhaftes Selbstbewusstsein. So hielten strenge, islamische Inhalte Einzug in die Schule. Ingrid König schildert dies am Beispiel Silvester. "Die Kinder erzählen, wie sie gefeiert haben, dass sie einen Böller loslassen durften. Schon schreit einer: 'Das ist Haram! Also nicht in Ordnung.'" Schnell fielen dann Sätze wie: "Du kommst in die Hölle". Grundschulkindern mache das richtig Angst, schildert König die Folgen.

Auch Kinder, die sich beim Schulausflug nicht in den Dom trauten, seien keine Seltenheit. Situationen, die Harriet Kühnemann ebenfalls gut kennt. Sie spricht von Parallelgesellschaften, in denen die Werte der säkularen Gesellschaft kaum noch eine Rolle spielten.

König fühlt sich von Politik im Stich gelassen

Ingrid König fühlt sich von der Politik alleine gelassen. Schulen wie ihre seien nicht nur schlecht ausgestattet und marode, man bräuchte auch viel mehr und gut ausgebildetes Fachpersonal, um die Kinder aufzufangen. Nicht nur Lehrerinnen und Lehrer, sondern auch Sozialpädagogen, Psychologen und Förderschullehrer.

Das sieht auch die Lehrergewerkschaft GEW Hessen so. "Schulen - vor allem in sozialen Brennpunkten - brauchen die bestmögliche Unterstützung", betont die Vorsitzende Maike Wiedwald. Das hessische Kultusministerium, das für die Lehrerversorgung zuständig ist, hält dagegen. Das Land habe bereits zahlreiche Unterstützungsleistungen für Schulen auf den Weg gebracht. Im vergangenen Jahr wurden 700 zusätzliche Stellen für Sozialpädagogen an hessischen Schulen bewilligt. Der sogenannte Sozialindex sorge zudem dafür, dass Schulen wie die von Ingrid König zusätzlich Personal bekämen.

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Kinder sitzen mit ihren Schulranzen in einer Reihe

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found So gut läuft es an der Grundschule Süd-West in Eschborn

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"Allein für Frankfurt stellt das Land hier 160 Stellen zur Verfügung", sagt Ministeriums-Sprecher Stefan Löwer. Für die Berthold-Otto-Schule bedeutet das konkret 40 Stunden mehr. Der neue Koalitionsvertrag plant zudem, dass es an Grundschulen künftig eine Stunde mehr Deutschunterricht geben soll. Förderschullehrer werden in Zukunft den Schulen fest zugewiesen. Die GEW Hessen begrüßt das. "Ob und wann diese Pläne aber an den Schulen auch wirklich ankommen, muss man abwarten", erklärt GEW-Vorsitzende Wieswald.

Forderung einer Wertediskussion

Aus Sicht von Ingrid König setzt die Politik aktuell jedoch falsche Prioritäten. Milliarden in die Digitalisierung der Schule zu stecken, in WLAN und Tablets, sei das völlig falsche Signal. "Wir haben viel drängendere Probleme." Außerdem mahnt sie eine Diskussion über gemeinsame Werte an. "Was verbindet uns und worauf möchten wir uns einigen?" Religion gehöre dabei ins Privatleben, fordert König.

Dass Integration gelingen kann, weiß die Pädagogin aus ihrer langen Schulerfahrung. 30 Jahre hat sie Kinder aus fast allen Nationen unterrichtet. "Die Kinder haben es verdient, da sind wirklich viele bezaubernde Kinder dabei. Es lohnt sich mit ihnen zu arbeiten!"