Ein Schild der AWO vor einem Haufen Geld

Die Tochter eines Wiesbadener CDU-Politikers soll jahrelang Gehalt von der AWO bekommen haben - wofür, ist völlig unklar. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Seit Monaten laufen gegen ehemalige AWO-Verantwortliche in Frankfurt und Wiesbaden Ermittlungen. Sie sollen sich gegenseitig überhöhte Gehälter, teure Dienstwagen und üppige Honorare gebilligt haben. Nun wurde ein neuer Verdachtsfall bekannt. Wie der Wiesbadener Kurier (Samstag) berichtet, soll die Tochter des stellvertretenden Wiesbadener CDU-Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Gores über drei Jahre rund 3.400 Euro monatlich von der Arbeiterwohlfahrt (AWO) bekommen haben - ohne dass klar sei, wofür.

Konkrete Arbeitsleistung unbekannt

Mindestens von Anfang 2017 bis Ende 2019 stand die Frau laut Wiesbadener Kurier auf der Gehaltsliste der AWO. Insgesamt geht es demnach um Zahlungen von rund 120.000 Euro. "Fakt ist: Hier im Haus kennt niemand eine konkrete Arbeitsleistung", sagte der neue stellvertretende AWO-Vorsitzende, Franz Betz, der Zeitung.

Die ehemalige AWO-Geschäftsführerin Hannelore Richter, die zusammen mit ihrem Mann Jürgen im Zentrum der AWO-Affäre steht, erklärte die Tätigkeit der Frau auf Anfrage der Zeitung dagegen so: Gores Tochter habe in dem von ihr geleiteten Flüchtlingsprojekt der AWO Frankfurt mitgearbeitet. Dort habe sie "ihre ethnologischen Kenntnisse" einbringen können. Dies sei auch digital von ihren Wohn- und Studienorten Freiburg und Berlin aus möglich gewesen.

Vorwurf der Untreue und der Unterschlagung

Mit dem Fall beschäftigt sich inzwischen die Staatsanwaltschaft. Die Staatsanwaltschaft Wiesbaden bestätigte dem hr, dass im Februar eine anonyme Strafanzeige gegen "einen Stadtverordneten und dessen Tochter eingegangen ist, welche sich auf ein angebliches Beschäftigungsverhältnis der Tochter bei der AWO bezieht". Inzwischen hätten die Kollegen in Frankfurt die Ermittlungen übernommen, die für den Gesamtkomplex AWO zuständig sind.

Der anonyme Verfasser erhebt in der Anzeige, die dem hr vorliegt, den Vorwurf der Untreue und der gemeinschaftlichen Unterschlagung gegen Vater und Tochter. Es sei von Anfang an klar gewesen, dass die Tochter für ihr Gehalt keine Arbeitsleistung erbringen müsse. Der Anonymus geht von einem noch längeren Beschäftigungsverhältnis der Frau aus und kommt auf einen Gesamtschaden von rund 200.000 Euro.

Gores: "Unzutreffende Vorwürfe"

Fraktionsvize Wolfgang Gores äußerte sich auf hr-Anfrage bislang nicht konkret zu den Vorwürfen. Über seinen Anwalt, den früheren Wiesbadener CDU-Fraktionschef Bernhard Lorenz, ließ er lediglich erklären: "Ein Wolfgang Gores im Februar anonym zugesandtes Schreiben beinhaltet falsche Angaben und unzutreffende Vorwürfe, die gegen ihn und seine Familie gerichtet sind."

Gores ist von Beruf Erster Polizeihauptkommissar und Leiter des 3. Reviers in Wiesbaden. Außerdem ist er sozialpolitischer Sprecher der CDU-Rathausfraktion. Ende 2019 war er für wenige Woche Beisitzer im Vorstand des AWO-Kreisverbandes Wiesbaden.

Sendung: hr-iNFO, 25.04.2020, 12:00 Uhr