Anschlagsopfer Vili Viorel Păun

Als Vili Viorel Păun am 19. Februar in Hanau-Kesselstadt starb, war er gerade einmal 22 Jahre alt. Bislang galt er als Zufallsopfer von Tobias R. Doch möglicherweise starb Păun auch beim Versuch, den rechtsextremen Attentäter zu stoppen.

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Seit mehr als drei Monaten sucht Niculescu Păun nach einem Begriff, der beschreiben könnte, was er nun ist. Kinder, die ihre Eltern verloren haben, bezeichnet man als Waisen; Eheleute, deren Partner gestorben sind, als Witwer oder Witwen. Niculescu Păun und seine Frau Iulia aber haben ihr Kind beerdigen müssen. "Dafür gibt es kein Wort", sagt Păun.

Bis zum Abend des 19. Februar waren die Păuns Eltern. Vili Viorel lautete der Name ihres einzigen Kindes. Zusammen mit acht weiteren Namen steht er synonym für den rassistischen Terroranschlag von Hanau. In den Medien firmiert Vili Viorel seitdem als Mord- oder Anschlagsopfer. Dabei wäre ein anderer Begriff aus Sicht seiner Eltern deutlich angemessener: Held.

Was verschlug Vili Viorel nach Kesselstadt?

Vili Viorel Păun starb um kurz nach 22 Uhr vor einem Hochhaus im Hanauer Stadtteil Kesselstadt – dem zweiten Tatort dieser Nacht. Im Erdgeschoss des Wohnblocks befinden sich ein Kiosk und die Arena-Bar, in denen der Attentäter Tobias R. insgesamt fünf Menschen erschoss. Zuvor hatte er bereits in einer Bar und in einer Shisha-Lounge am Hanauer Heumarkt drei Menschen getötet. Vili Viorel Păun wird auf einem Parkplatz vor dem Wohnblock erschossen - in seinem Auto sitzend.

Ein mit Thermofolie abgedecktes Auto am Tatort im Hanauer Stadtteil Kesselstadt

Bei allen Getöteten dieses Abends lässt sich nachvollziehen, warum sie sich am jeweiligen Tatort aufhielten. Die Wirte der Shisha-Lounge und der Bar in der Innenstadt sind darunter, Angestellte und regelmäßige Kunden der Arena-Bar.

Bei Vili Viorel ist das anders. Die damalige Wohnung seiner Eltern, bei denen er noch lebte, befand sich nicht in Kesselstadt, sondern nur gut 100 Meter vom ersten Tatort in der Innenstadt entfernt. In Kesselstadt habe sein Sohn keine Freunde gehabt oder sonstige Kontakte gepflegt, betont sein Vater.

Kurz nach dem Attentat erscheint Vili Viorel in einigen Medienberichten als absolutes Zufallsopfer. Mehrfach heißt es, dass er sich im Kiosk in Kesselstadt nur etwas zu trinken kaufen wollte. Seine Eltern aber glauben nicht an einen Zufall. Sie sind sich sicher: Vili Viorel Păun hat den Attentäter auf eigene Faust verfolgt, um ihn aufzuhalten – und bezahlte seinen Mut mit dem Leben. Einige starke Indizien stützen diese These.

Überwachungsvideo zeigt Zusammentreffen

Als am 19. Februar um kurz vor 22 Uhr am Heumarkt die ersten Schüsse fallen, kann Niculescu Păun sie in seiner Wohnung am Heumarkt sogar hören. Zumindest glaubt er heute, sie damals gehört zu haben. Er denkt sich nichts dabei. Auch dass sein Sohn noch nicht zu Hause ist, beunruhigt ihn nicht.

Vili arbeitet als Kurierfahrer für ein großes Versandunternehmen. Seine Tage beginnen früh und enden oft später, als ihm lieb ist. Am Nachmittag dieses Mittwochs war Vili zu allem Überfluss in einen Auffahrunfall verwickelt. Alles mögliche kann ihn aufgehalten haben. Niculescu und Iulia Păun gehen schlafen. Sie müssen früh zur Arbeit.

Das Überwachunsgvideo zeigt den Attentäter Tobias R. wie er vom Heumarkt flüchtet.

Tatsächlich dürfte es ungefähr zu dieser Zeit zum ersten Zusammentreffen zwischen Tobias R. und Vili Viorel Păun gekommen sein. Ein achtsekündiges Überwachungsvideo aus jener Nacht zeigt aller Wahrscheinlichkeit nach Tobias R., wie er vom ersten Tatort flieht. Zu sehen ist ein Mann in einer dicken, grünen Daunenjacke, der von der Mitte des rechten Bildrandes diagonal zur linken unteren Ecke rennt.

Als er ins Bild tritt, nähert sich ihm ein silberner Pkw. Für den Bruchteil einer Sekunde ist ein Aufblitzen zu erkennen – vermutlich ein Schuss in Richtung des Autos. Der Wagen setzt zurück, verschwindet aus dem Bildausschnitt. Das Scheinwerferlicht aber legt nahe, dass der Fahrer wendet und in die Richtung fährt, in die Tobias R. gerade geflohen ist. Der Zeitstempel des Videos zeigt 21.53 Uhr an.

Verfolgte Vili Viorel Păun den Attentäter?

Weder Nummernschild noch Fabrikat des silbernen Wagens sind zu erkennen. Niculescu Păun aber ist sich sicher, dass es sich um den silbernen Mercedes seines Sohnes handelt. Vermutlich habe Vili Viorel gerade nach einem Parkplatz gesucht, als er zufällig ins Visier von Tobias R. geriet.

"Dann ist Vili ihm nachgefahren", ist Niculescu Păun überzeugt. Warum sein Sohn das getan hat, kann er sich selbst nicht erklären. Eigentlich sei er ein ruhiger Typ gewesen, sehr erwachsen für sein Alter. Niemand, der zu Übersprungshandlungen geneigt hätte.

Doch an diesem Abend, daran hat Niculescu Păun keine Zweifel, verfolgt sein Sohn den bewaffneten Attentäter, um Schlimmeres zu verhindern. Dafür spricht aus seiner Sicht noch ein weiteres Indiz: Die Liste der getätigten Anrufe auf Vilis Handy.

Notrufe kamen nicht durch

Erst vor wenigen Wochen wurden den Hinterbliebenen der Opfer von Hanau ein Großteil der persönlichen Gegenstände ausgehändigt, die diese am Tatabend bei sich hatten. Niculescu Păun erhielt unter anderem das Mobiltelefon seines Sohnes zurück. Das Anrufverzeichnis verzeichnet am Tatabend zwischen 21.57 Uhr und 21.59 fünf Versuche, den Polizeinotruf 110 zu wählen. Zwei Mal vertippt sich Vili Viorel, drei Mal wird der Anruf nicht angenommen.

In der Hanauer Notrufzentrale glühen just in diesen Minuten die Leitungen. Zahlreiche Hinweise auf den Anschlag am Heumarkt treffen ein. Später wird es in den offiziellen Mitteilungen heißen, dass die Polizei um 21.58 Uhr erstmals durch Notrufe über das Geschehen informiert worden sei. Vili Viorel aber kommt nicht durch.

Was danach geschieht, lässt sich aus den bislang öffentlich zugänglichen Informationen nicht klar rekonstruieren. Fest steht, dass Tobias R. mit seinem Wagen vom Heumarkt nach Kesselstadt fährt. Vili Viorel scheint ungefähr zur selben Zeit angekommen zu sein. Ob er ermordet wird, bevor Tobias R. im Kiosk und der Arena-Bar um sich schießt oder danach, ist ungewiss.

Sicher ist nur, dass sieben Projektile auf Vili Viorel abgefeuert werden. Vier bleiben in der Karosserie seines Wagens stecken. Drei durchschlagen die Windschutzscheibe und treffen Vili Viorel in Oberkörper und Kopf.

Keine Auskunft vom Generalbundesanwalt

Die Nachricht, dass in Hanau in der Nacht zuvor elf Menschen getötet wurden, erreicht Niculescu und Iulia Păun am Morgen des 20. Februar. Dass ihr Sohn unter den Opfern sein könnte, ziehen beide zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Betracht – auch wenn sein Bett leer und offensichtlich unbenutzt ist. Gegen 9 Uhr schreibt Niculescu Păun eine SMS an seinen Sohn. Er solle nur kurz durchklingeln, damit man wisse, dass es ihm gut geht. Eine Antwort bleibt aus. Zweieinhalb Stunden später schickt Niculescu Păun eine weitere Kurznachricht an Vili: "Ich gehe jetzt zur Polizei."

Niculescu Păun zeigt das Handy seines erschossenen Sohnes

Knapp drei Monate später liest Niculescu Păun den Text seiner Nachricht auf dem Handy seines Sohnes nach. Viele Fragen sind nach wie vor unbeantwortet. Warum wurden er und seine Frau erst informiert, als sie selbst bei der Polizei vorstellig wurden? Wie lange hat es gedauert, bis die Leiche seines Sohnes vom Tatort abtransportiert wurde? Vor allem aber: War sein Sohn ein Held? Und wenn ja, warum redet niemand darüber?

Zumindest einige der Fragen könnte die ermittelnde Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe beantworten. Dort jedoch teilt man auf hr-Anfrage mit, dass aus Rücksicht auf das laufende Verfahren derzeit keine detaillierten Informationen preisgegeben werden könnten.

Ganz nachvollziehen kann Christina Ricker, Anwältin der Familie Păun, die Zurückhaltung nicht: "Ich sehe nicht, wie hier der Ermittlungserfolg gefährdet werden könnte." Für die Familie hingegen sei es wichtig, mehr über die letzten Minuten im Leben ihres Sohnes zu erfahren. Zumal bereits feststeht, dass die Ermittlungen zum Anschlag von Hanau nicht in einen Prozess münden werden. Dafür bedürfte es eines lebenden Angeklagten.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 29.05.2020, 19.30 Uhr