Boxtraining im Hanauer Jugendzentrum k.town, wo mehrere Opfer des Anschlags von Hanau ein- und ausgingen

Einige Opfer des Anschlags von Hanau besuchten regelmäßig ein Jugendzentrum im Stadtteil Kesselstadt. Dort kehrt nur langsam Normalität ein. Der Polizei misstrauen viele Jugendliche.

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Der Keller des Jugendzentrums k.town im Hanauer Stadtteil Kesselstadt. Von der Decke baumeln Boxsäcke. Daneben acht junge Menschen: Jungs, Mädchen, teilweise mit Kopftuch, die meisten mit Migrationshintergrund, die einen sind 13, andere Mitte 20. Das erste Boxtraining nach der Corona-Pause.

Wegen der pandemiebedingten Hygieneregeln sind es deutlich weniger junge Menschen als früher, sagt Sozialarbeiter und Trainer Davut Demir, aber das sei besser als nichts: "Sie können hier ihren Alltagsstress abbauen, Gespräche finden wieder statt. Das ist sehr wichtig."

Spätere Mordopfer waren fast täglich hier

Das Boxgym im Kesselstädter Jugendzentrum gilt als der Ort der Jugendsozialarbeit in Hanau. Beim Training geht es vor allem um Disziplin. Vor Corona gab es im Anschluss immer gemeinsame Essen und offene Treffs. Dabei wurde auch über Schule, Ausbildung oder Beruf gesprochen. "Das bieten wir ihnen hier an, und das brauchen sie auch", sagt Demir.

Für viele junge Menschen, vor allem die aus der Nachbarschaft, ist das Jugendzentrum wie ein zweites Zuhause. Zum Beispiel für Hamza Kurtovic, Ferhat Unvar und Said Nesar Hashemi. Sie waren seit der Kindheit fast täglich hier, erzählt Sozialarbeiterin Antje Heigl. Beim rassistischen Anschlag am 19. Februar waren sie unter den neun Opfern mit Migrationshintergrund. "Das war ein ganz schrecklicher Abend", erinnert sich Heigl mit Tränen in den Augen.

Juz war nach dem Anschlag rund um die Uhr auf

Ferhat habe am Abend des 19. Februars das Jugendzentrum verlassen, sie und ein Kollege hätten gegen 22 Uhr abgeschlossen, berichtet die Sozialarbeiterin: "Ein paar Minuten später wurde er ermordet." Nur wenige Meter entfernt vom k.town am Kurt-Schumacher-Platz, dem zweiten der beiden Tatorte des Anschlags.

"Wen es alles getroffen hat, wer involviert war, wer verletzt war - das haben wir zum Teil in der Nacht, zum Teil erst am nächsten Tag erfahren", erinnert sich Antje Heigl.

In den darauffolgenden Tagen war das Jugendzentrum fast rund um die Uhr geöffnet, fast immer waren junge Menschen hier. "Viele waren und sind traumatisiert von dieser Nacht", sagt die Sozialarbeiterin.

Mann mit Sturmgewehr am Jugendzentrum

Seit dem Anschlag sagen viele Menschen aus Kesselstadt, vor allem junge: Sie fühlen sich unwohl. Auch, weil es eine Art Täter-Opfer-Umkehr gegeben habe: Die jungen Menschen würden regelmäßig von der Polizei kontrolliert, sie sprechen von Racial Profiling.

Und manche im k.town erzählen von einem Vorfall aus dem Jahr 2017: Damals habe ein Mann sie am Jugendzentrum mit einem Sturmgewehr bedroht. "Als er gemerkt hat, dass wir die Polizei rufen, ist er diesen Gang entlang gelaufen", erinnert sich Jawei Gholam und zeigt auf einen schmalen Pfad entlang des Gebäudes. "Niemand kennt den Weg hier. So selbstbewusst, wie er da entlang ist, hat gezeigt, dass er sich hier auskennt." Der Unbekannte war möglicherweise der spätere Attentäter.

Tobias R. wohnte ganz in der Nähe

Tobias R. wohnte nur wenige Schritte vom Jugendzentrum entfernt und sprühte ganz in der Nähe die Adresse seiner Website auf den Boden. Beweise, dass Tobias R. dieser Unbekannte war, gibt es keine. Die herbeigerufene Polizei fand den Mann nicht. Stattdessen hätten die Beamten den Jugendlichen den Einsatz in Rechnung stellen wollen, sagt Gholam: "Wir hatten nicht das Gefühl, dass die Polizei uns ernst nimmt."

Einige Jugendliche berichten: 2018 habe es einen ähnlichen Vorfall gegeben. Ein Sprecher der Polizei sagt, dafür gebe es keine Belege.

Alles ist anders seit dem 19. Februar

Die Vorfälle tragen dazu bei, dass Besucher im Jugendzentrum kein Vertrauen in die Polizei haben. Schließlich habe sie auch den rassistischen Anschlag nicht verhindert. Freunde, Bekannte, Brüder, Nachbarn, Trainingspartner sind dabei gestorben.

Wie also weitermachen? Klar ist: Nichts wird jemals wieder so sein, wie es mal war. Immerhin hat das Jugendzentrum wieder geöffnet und, wenn auch eingeschränkt, das Boxtraining wieder begonnen.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 19.08.2020, 19.30 Uhr