Silke Hoffmann-Bär, Opferbeauftragte der Stadt Hanau, steht am Marktplatz.

Zuhören, helfen, trösten: Nach dem rassistischen Anschlag von Hanau kümmern sich eigens eingesetzte Opferbeauftragte um die Familien und Angehörigen. Sie gehen dabei an die Grenzen ihrer Belastbarkeit.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Viel Arbeit für die Hanauer Opferbeauftragten

Menschen trauern in Hanau
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Die Trauer ist in Hanau noch immer allgegenwärtig. An den beiden Tatorten liegen auch eine Woche nach dem rassistischen Anschlag massenhaft Blumen. Menschen haben Kerzen und Grablichter aufgestellt. Auf dem Marktplatz kommen immer wieder Menschen zusammen, bleiben stehen und kommen miteinander ins Gespräch. Hier sind auch Fotos der Getöteten zu sehen. Die Opfer bekommen dort Gesichter.

Damit auch die Hinterbliebenen mit ihrer Wut, der Trauer und ihren Ängsten nicht alleine gelassen werden, wurden sogenannte Opferbeauftragte eingesetzt. Sie kümmern sich rund um die Uhr um die Familien der Opfer. Neben den Vertretern von Bund (Edgar Franke) und Land (Helmut Fünfsinn) hat die Stadt Hanau die Vorsitzende des Hanauer Ärztevereins, Maria Haas-Weber, die Leiterin der städtischen Stabstelle für Gesundheit, Silke Hoffmann-Bär, sowie Robert Erkan, der die Koordinierungsstelle für die Angehörigen leitet, ernannt.

"Wir helfen, wo wir können"

Aufgabe der Beauftragten ist es vor allem, die angestoßene Hilfe zu koordinieren. "Bei mir laufen alle Anfragen zusammen", sagte Hoffmann-Bär. Deswegen ist ihr Handy derzeit auch ihr wichtigstes Arbeitsmittel. Sie gibt zum Beispiel nach Gesprächen mit den Familien der Opfer Einschätzungen ab, ob jemand eine Therapie braucht. Und wer in Hanau dabei weiterhelfen könnte.

"Wichtig ist es, mit den Menschen empathische Gespräche zu führen. Sie bekommen das Signal von uns, dass sie mit wirklich allen Problemen, die sie beschäftigen, auf uns zukommen können", sagte Hoffmann-Bär. "Wir helfen, wo wir können." Gespräche seien essentieller Bestandteil der Arbeit, sagte auch Erkan. "Es beruhigt oft schon das Reden selbst, ohne damit das Problem gelöst zu haben." Maria Haas-Weber will vor allem die Botschaft überbringen: "Ihr seid nicht alleine."

Nebenbei helfen die Beauftragten auch bei Behördengängen , etwa für die Beantragung finanzieller Soforthilfen. Ehepartner, Kinder und Eltern von Getöteten können 30.000 Euro bekommen, Geschwister 15.000 Euro.

Die Gespräche hinterlassen Spuren

Finanzhilfen sind für die Hinterbliebenen wichtig, wie Hoffmann-Bär erklärte: "Die Menschen machen sich Sorgen, wie sie ihre Miete bezahlen sollen. Andere wollen unbedingt aus ihrer Wohnung ausziehen, weil sie sonst zu stark an den verlorenen Menschen erinnert werden." Um Bestattungskosten müssen sich die Opferfamilien nicht kümmern. Die übernehme die Stadt.

Die Gespräche gehen an der Hanauer Opferbeauftragten nicht spurlos vorüber. "Das kann bei aller Professionalität niemanden kalt lassen." Hoffmann-Bär traf eine junge Frau, deren Freundin erschossen wurde, als sie mit ihr an dem Abend zusammen unterwegs war. "Sie hat während des Gesprächs nicht aufhören können zu weinen. Das geht einem sehr nahe."

Bei anderen Angehörigen sei neben der Trauer auch viel Wut zu beobachten. "Die Tat hat großes Entsetzen ausgelöst. Die Menschen fragen sich: Wie kann es zu solch einem schrecklichen Verbrechen kommen?" Auch wenn es zuweilen schwierige Situationen gebe, seien die Kontakte mit den Opferfamilien von einem "guten Miteinander" geprägt.

Beauftragte gehen an die Grenzen der Belastbarkeit

Bei ihrer Arbeit gehen die Hanauer Opferbauftragten an die Grenze der Belastbarkeit. "Wir haben alle noch einen sehr großen Adrenalinausstoß, der es ermöglicht, mit wenig Schlaf und ohne Freizeit auszukommen", sagte Hoffmann-Bär. "Wir wissen auch einfach, dass es notwendig ist."

Die zentrale Trauerfeier wird nach Angaben der Stadt am 4. März stattfinden. An dem gemeinsamen Gedenken des Landes und der Stadt an die Opfer des Anschlags vom 19. Februar werden Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) teilnehmen, wie die Stadtverwaltung am Dienstagabend mitteilte. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will teilnehmen.

Ein 43 Jahre alter Deutscher hatte neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschossen. Der Sportschütze soll auch seine Mutter und dann sich selbst getötet haben. Nach bisherigen Erkenntnissen hatte der mutmaßliche Täter eine rassistische Gesinnung und war psychisch krank.