Zersprungene Scheibe der Bäckerei in Fulda

Im Fall eines von der Polizei erschossenen Flüchtlings hat die Staatsanwaltschaft ein bisher unbekanntes Handyvideo erhalten. Es wurde kurz vor den tödlichen Schüssen aufgenommen. Neue Ermittlungen wird es deshalb vorerst nicht geben.

"Die Aufnahmen bestätigen unsere Ergebnisse", sagt der Fuldaer Staatsanwalt Harry Wilke. "Wir sehen keinen Anlass, die Ermittlungen wieder aufzunehmen." Das Handyvideo vom April vergangenen Jahres zeige, dass der 19-Jährige aggressiv und handgreiflich auf die Beamten losgegangen sei. Er wurde daraufhin mit mehreren Schüssen aus einer Dienstwaffe getötet. Die Staatsanwaltschaft geht von Notwehr aus.

Video ist dem hr zugespielt worden

Das Video, das dem hr vorliegt, ist 59 Sekunden lang und zeigt nach Angaben der Staatsanwaltschaft das Geschehen kurz vor den tödlichen Schüssen auf Matiullah J., einen damals 19-jährigen afghanischen Flüchtling. Die Aufnahmen sind dunkel und unscharf, aber für die Ermittler dennoch interessant. Denn bisher hatten sie keine Bild-Dokumente des umstrittenen Polizei-Einsatzes.

Zu erkennen ist ein Gerangel zwischen einem Mann mit heller Hose und mehreren Personen in dunkler Kleidung. Es handelt sich sehr wahrscheinlich um Matiullah J. und fünf Polizisten. Die Polizisten verfolgen J. mit Taschenlampen, stellen ihn, können ihn aber nicht überwältigen.

Handgemenge mit Polizisten

J. wehrt sich, läuft herum, tänzelt wie ein Boxer. Die Situation ist unübersichtlich, die zappelnden Lichtkegel der Taschenlampen lassen wenig erkennen. Nur so viel: J. liefert sich mit den Polizisten ein Handgemenge.

Interessant sind die Kommentare derjenigen, die das Geschehen aus einem Auto heraus filmen. Mindestens drei Stimmen sind auszumachen. Sie sprechen in knappen Sätzen im Jugend-Jargon ("Ey, Digga"). Sie können kaum glauben, wie heftig sich der junge Mann gegen die Polizisten wehrt. Staunend registrieren sie, dass J. einem Polizisten offenbar auch den Schlagstock entwindet.

Zwei Schüsse treffen tödlich

Auf den ersten Blick scheint das Video damit die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zu bestätigen. Die hatte das Geschehen so dargestellt: Matiullah J., der am frühen Morgen vor einer Bäckerei randaliert hatte, attackiert die herbeigerufenen Polizisten und entwendet einen Schlagstock. Damit bricht er einem der Polizisten den Arm.

Was dann laut Staatsanwaltschaft passiert sein soll, zeigt das Video nicht mehr: J. flieht, ein Polizist läuft ihm nach. Plötzlich dreht sich J. unvermittelt um und will auch auf diesen Polizisten losgehen. Doch der gibt – wohl in Notwehr – acht Schüsse ab. Zwei davon treffen J. tödlich. Weil Notwehr nicht strafbar ist, stellte die Staatsanwaltschaft das Ermittlungsverfahren gegen den beschuldigten Polizisten im Februar ein.

Schütze bislang einziger Zeuge

Für die eigentlichen Todesschüsse hat die Polizei bisher nur einen einzigen Zeugen: Den Polizisten, der geschossen hat. Sein Verteidiger, der Frankfurter Anwalt Pascal Johann, sieht die Darstellung seines Mandanten durch das Video bestätigt. Denn das Video zeige die enorme Aggressivität des später getöteten Matiullah J.

Aber auch die Eltern von J., die in Afghanistan leben, haben eine deutsche Anwältin. Auch ihr liegt das Video vor. Die Anwältin hat bei der Staatsanwaltschaft Beschwerde gegen die Einstellung der Ermittlungen eingelegt. Eine Begründung dafür hat sie aber noch nicht vorgelegt. Auch auf hr-Anfrage hat sie sich nicht geäußert.

Neue Wendung des Falls?

Die Ermittler suchen jetzt vor allem diejenigen, die das Geschehen aus dem Auto heraus gefilmt haben. Denn die haben sich selbst noch gar nicht gemeldet. Erst wenn die tatsächlichen Augenzeugen vernommen sind, wird klar, ob der Fall möglicherweise eine neue Wendung nimmt.

Das Video hatten die Ermittler über Umwege erhalten, nicht von demjenigen, der es gemacht hat. Es ist nach hr-Informationen durch die Hände von mindestens zwei weiteren Personen gegangen, und erst die dritte Person hat es dann der Staatsanwaltschaft ausgehändigt.

Sendung: hr-iNFO, 15.3.2019, 15.00 Uhr