Frau und Kassiererin an der Supermarktkasse
In immer mehr Supermärkten gibt es jetzt neben Lebensmitteln in Notfällen einen Vorschuss auf Hartz-IV-Leistungen. Bild © picture-alliance/dpa

Die Jobcenter bauen ihre Bargeldautomaten ab. Wenn Hartz-IV-Empfänger kurzfristig Geld für eine dringende Anschaffung benötigen, können sie es künftig in Drogerie- oder Supermärkten abholen.

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Stempel mit Aufdruck "Hartz IV"

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Hartz IV im Supermarkt: "Nicht mal nach dem Ausweis gefragt"

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Hartz IV an der Supermarktkasse - seit dem vergangenen Sommer probieren ausgewählte Jobcenter das aus. In Hessen können sich Leistungsempfänger in Friedberg und Büdingen (Wetterau) bereits in Notfällen Bargeld an der Supermarktkasse auszahlen lassen. Bald soll es dieses Angebot im gesamten Land geben. Denn die Testphase verlief erfolgreich und ist abgeschlossen.

So funktioniert das ungewöhnlich klingende Modell: Ein Hartz-IV-Empfänger holt beim Jobcenter einen recht unscheinbaren Zettel mit einem Strichcode ab oder hat ihn per Post erhalten. Diesen bringt er zu Rewe, Real, dm, Rossmann oder Penny. Auf dem Blatt Papier steht, welcher Markt nahe seiner Wohnung liegt und wie viel er erhalten soll. Die Kassiererin scannt den Zettel und zahlt den Betrag aus. Fertig.

Modell für dringende Fälle

Auf dem Zettel wird mit keinem Wort das Jobcenter erwähnt und auch nicht, dass es sich um die Auszahlung von Arbeitslosengeld II oder einer Hartz-IV-Leistung handelt. Lediglich der Dienstleister Barzahlen.de, über den die Transaktionen abgewickelt werden, wird genannt. Das soll dem Sozialdatenschutz Genüge tun. Sozialverbände kritisieren das neue Auszahlungsmodell trotzdem als stigmatisierend.

Mit dem Modell zufrieden ist zum Beispiel Isen Demaj aus Ranstadt (Wetterau). Nachdem sein Auto kaputt gegangen war, er aber darauf angewiesen ist, um zur Arbeit zu kommen, musste er übergangsweise einen Wagen mieten. Die Kaution dafür konnte er selbst nicht tragen. Daher half das Jobcenter aus. "Es war dringend, von heute auf morgen. Eine Überweisung hätte sehr lang gedauert, zwei, drei Tage", berichtet Demaj: "Mit dem Code hat es bei dm problemlos geklappt. Die haben nicht mal nach dem Namen oder Ausweis gefragt."

Jobcenter wollen bargeldlos werden

Genauso soll es nach Sicht des Jobcenters laufen. Die Barauszahlung an der Kasse ist weitestgehend anonym. Auch für die Jobcenter ist das neue Verfahren einfacher. Die Behörden bauen ihre Bargeldautomaten ab, über die im Jahr 2016 bundesweit rund 120 Millionen Euro ausgezahlt wurden. Die Automaten mussten immer wieder gewartet werden, eine Auszahlung dort kostete das Jobcenter etwa acht Euro. Das Supermarkt-Modell sei billiger, informiert die Bundesagentur für Arbeit. Und für die Angestellten in den nach und nach bargeldlosen Jobcentern sei die Arbeit sicherer, da es dort nichts mehr zu holen gibt.

Jetzt müssen die Jobcenter-Berater nur noch ein paar Klicks in einem Computerprogramm machen. Die auswärtige Auszahlung per Barcode sei dadurch ein Gewinn für alle Seiten, sagt Sandra Schilfer. Sie arbeitet als Leistungssachbearbeiterin im Friedberger Jobcenter: "Es hat unsere Arbeit vereinfacht und hat eigentlich nur Vorteile für unsere Kundschaft." Die persönlichen Daten seien geschützt und würden den auszahlenden Läden gar nicht bekannt. Abgewickelt wird alles über das Berliner Finanz-Start-up Cash Payment Solutions mit der Marke Barzahlen.de.

Regulär werden die Leistungen weiter überwiesen

Freilich soll die Hartz-IV-Auszahlung im Supermarkt um die Ecke die Ausnahme bleiben, wie Bernhard Wiedemann, Geschäftsführer des Jobcenters Wetterau, erläutert: "Die Nutzung dieser Barcodes ist für Notsituationen vorgesehen, wenn Menschen von jetzt auf gleich oder in den nächsten zwei, drei Tagen dringend Bargeld benötigen." Eine Bankanweisung dauere in der Regel vier, fünf Tage und damit mitunter zu lange.

Bis zu 1.000 Euro können sich Leistungsempfänger in solchen Notfällen bar auszahlen lassen - als Vorschuss auf ihre monatlichen Bezüge, die weiterhin per Überweisung ausbezahlt werden. Das an der Drogerie- oder Supermarktkasse erhaltene Geld wird dann mit den zukünftigen Leistungen verrechnet.

Anm. d. Red.: In einer früheren Version hieß es, die Abwicklung erfolge über einen Dienstleister namens Bezahlen.de. Wir haben den Fehler nach dem Hinweis eines Nutzers korrigiert und bitten um Entschuldigung.