Seniorin bei Corona-Impfung (dpa)

Die Virologen sind sich einig, dass eine dritte Impfung für den Schutz vor Corona unerlässlich ist. Die Landesregierung ruft deshalb 1,2 Millionen Ältere zum Boostern auf. Doch Ärzte und Impfzentren sind damit überfordert.

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Vor der kleinen Sporthalle am Wiesweg in Eltville (Rheingau-Taunus) hat sich an diesem Montagmorgen eine lange Schlange gebildet. Ein bis zwei Stunden müssen die Menschen draußen in der Kälte auf ihre Impfung warten, an manchen Tagen auch bis zu drei Stunden. Eine Wartezeit, die Karin Schranz gerne in Kauf nimmt. Schließlich hätte sie bei ihrem Hausarzt erst Mitte Dezember einen Termin für ihre Boosterimpfung bekommen, sagt die Rentnerin.

Karl-Heinz Griese, der ein paar Meter weiter in der Schlange steht, ist sogar aus Wiesbaden angereist. Seine ersten beiden Impfdosen konnte er in der Landeshauptstadt bekommen, erzählt er. Doch seit Ende September gibt es in Wiesbaden kein Impfzentrum mehr. Ende September wurde es zusammen mit vielen weiteren Impfzentren auf Geheiß der Landesregierung zugemacht, als die Nachfrage nach Erst- und Zweitimpfungen gemeinsam mit den Corona-Zahlen sank.

1,2 Millionen Booster-Berechtigte

Inzwischen hat sich dieses Bild wieder gedreht: Weil die Inzidenz seit Tagen rasant steigt, mehren sich die Rufe aus der Politik, mit den Drittimpfungen voranzukommen. 20 Millionen Boosterimpfungen bis Weihnachten fordert beispielsweise Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) aus Gießen.

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und Gesundheitsminister Kai Klose (Grüne) kündigten an, in den kommenden Tagen rund 1,2 Millionen Briefe an alle Über-70-Jährigen zu verschicken, die nach Empfehlung der Ständigen Impfkommission als Erste einen Booster erhalten sollen. Bloß: Von wem?

In den vergangenen Tagen habe der Andrang deutlich zugenommen, sagt Reiner Oswald, der die Impfstation in Eltville leitet. 300 bis 400 Impfwillige kämen jetzt täglich, darunter seien auch noch ein paar Erstimpfungen, aber "vor allem Booster". Ein Ansturm, dem die drei Impfteams in der kleinen Sporthalle kaum gewachsen sind - trotz verlängerter Öffnungszeiten.

Ein Drittel der Ärzte impft nicht

Auch andernorts haben die Wartezeiten wieder zugenommen. Die Stadt Offenbach berichtete am Montag, wer sich in der Impfstation in der Herrnstraße impfen lassen wolle, müsse dafür bis zu drei Stunden einplanen. In Kassel soll ein mobiler Impfbus die Impfstelle am City Point entlasten. Die Stadt Frankfurt teilte auf Anfrage mit, dass die Nachfrage in der vergangenen Woche von 4.100 auf 5.600 Impfungen gestiegen sei. Auch hier warten die Menschen zum Teil auf der Straße, wenn der Andrang besonders groß ist. Nach Angaben des Gesundheitsdezernats werden im Impfzentrum in der Messehalle 1 bis zu 1.000 Menschen am Tag geimpft. Hinzu kämen mobile Impfteams.

Das hessische Innenministerium verweist auf Anfrage auf die niedergelassenen Ärzte, die seit Anfang Oktober wie geplant für die Impfungen verantwortlich seien. Das gelte auch für die Auffrischungsimpfungen. Die Impfzentren seien lediglich ein Zusatzangebot, das manche Kreise und Städte in Eigenregie betreiben.

Doch nicht alle Praxen bieten überhaupt Impfungen an, und schon gar nicht für fremde Patienten. Von den gut 5.000 Arztpraxen in Hessen sind es nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung etwa ein Drittel, die ihre Patienten an die verbliebenen Impfstellen verweisen.

Enormer logistischer Aufwand

Cornelia Ries kennt die Gründe dafür. 50 Patienten in der Woche kann sie in ihrer Hausarztpraxis in Eltville impfen, mehr sei einfach nicht drin. "Wir haben ja auch noch kranke Patienten, gerade jetzt in der Erkältungszeit", sagt sie. Im vergangenen Winter seien die Menschen wegen des Lockdowns weniger krank geworden, "jetzt kommt die Erkältungs- und Grippewelle mit Macht, und die Menschen stehen alle in der Praxis und wollen behandelt werden".

Durch das Impfen entstehe in den Praxen ein enormer logistischer Aufwand, sagt Ries. Zu Beginn der Impfkampagne habe sie noch wöchentlich Impfstoff bestellen können, nun müsse sie die Termine zwei Wochen im Voraus planen - mit der Konsequenz, dass diese immer häufiger kurzfristig abgesagt und wertvoller Impfstoff weggeworfen werden müsse.

KV: Nachvollziehbar, wenn Praxen nicht impfen

Und auch der Ton unter den Patienten sei schärfer geworden, berichtet Ries. "Mein Personal wird wahnsinnig angeschnauzt, wenn die Leute keine Termine bekommen." Ob Anrufe auf ihrer privaten Telefonnummer oder WhatsApp-Nachrichten: Auf ihrer Jagd nach dem Booster würden manche Patienten vor wenig zurückschrecken.

Dass "angesichts der weiterhin wahnsinnigen Bürokratie" manche Praxen keine Impfungen mehr anbieten, sei "mehr als nachvollziehbar", schrieb vor ein paar Tagen die Kassenärztliche Vereinigung an ihre Mitglieder. "Wir sind alle müde", heißt es in der Mail, die dem hr vorliegt. Dabei hatte die KV stets dafür geworben, die Impfungen den Hausärzten zu überlassen.

Wiesbaden öffnet Impfzentrum

Die Stadt Wiesbaden ist inzwischen überzeugt, dass das nicht funktioniert. Gesundheitsdezernent Oliver Franz (CDU) sagt, er wisse von vielen Bürgerinnen und Bürgern, die ihr Hausarzt abgewiesen habe. "Die Versorgung reicht nicht aus." In der Landeshauptstadt soll deshalb am kommenden Montag doch wieder ein Impfzentrum öffnen, in den Räumen der Helios-Klinik. Zu Beginn sollen dort 100 Menschen am Tag eine Impfung bekommen können.

Die Stadt behält sich bereits vor, die Kapazitäten zu erhöhen. Tatsächlich dürfte die Nachfrage nach Booster-Impfungen in den kommenden Wochen noch einmal deutlich steigen. Ende April durften 1,5 Millionen Hessen der Priorisierungsgruppe drei ihre erste Impfung erhalten. Rechnerisch möglich wäre der Booster dann ab Mitte Dezember.

Virologe fordert mehr Tempo

Aus Sicht des Frankfurter Virologen Martin Stürmer ist klar, dass das Impftempo wieder steigen muss: "Mit einer signifikanten Durchimpfung und einer weiter fortgeschrittenen Rate an Boosterimpfungen wären wir jetzt in einer ganz anderen Situation", sagt er. Sprich: in einer viel besseren.

Für die Verbreitung der Infektion und die Belastung der Kliniken seien die Ungeimpften zwar ein besonderes Problem, aber eben nicht das einzige. "Wir haben inzwischen ein gehöriges Potential an Impfdurchbrüchen bei den Semi-Älteren, die geimpft sind", sagt der Experte. Deshalb komme den Auffrischungen eine zunehmend große Bedeutung bei.

Bei der aktuell starken Dynamik wäre es nach Meinung Stürmers aber auch zu einfach, sich aufs Boostern zu konzentrieren. "Wir müssten jetzt Kontakte reduzieren. Und wenn wir das zum Beispiel bei Weihnachtsfeiern oder Fastnacht nicht hinbekommen, müssen wir Kontakte durch Tests auch für Geimpfte und Genesen sicherer machen."

Weitere Informationen

Was bringt die Booster-Impfung?

Daten aus Israel und Schweden zeigen, dass die Wirksamkeit der Impfstoffe im Laufe der Monate abnimmt. Schon nach vier bis sechs Monaten schützt der Impfstoff von Biontech nur noch zu 47 Prozent vor einer symptomatischen Erkrankung, fanden Forscher der schwedischen Universität Umea heraus. Nach sechs Monaten seien Menschen über 80 Jahren auch vor einer schweren Erkrankung kaum noch geschützt. Wissenschaftler sind sich einig, dass eine dritte Impfung mit einem mRNA-Impfstoff die Wirksamkeit deutlich erhöht. Mehr dazu in unserem FAQ.

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