Ein Arzt klebt einem Patienten ein Pflaster auf den Arm.

Der Bund hat den Impfstoff von Biontech rationiert. Hausärzte sollen plötzlich vor allem mit Moderna impfen. Das führt in vielen Praxen zu Problemen.

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Wieso es zu Engpässen beim Impfen kommt

Eine Frau wird beim Hausarzt gegen das Coronavirus geimpft.
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2.500 Menschen wollten Johannes Löw und seine Kollegen bis Weihnachten impfen. Eigentlich. Denn seit das Bundesgesundheitsministerium den Impfstoff des Herstellers Biontech rationiert hat, schaffe er deutlich weniger Impfungen als geplant, sagt der Allgemeinmediziner aus Runkel-Dehrn (Limburg-Weilburg). Von den bestellten 600 Impfdosen Biontech habe er in dieser Woche nur knapp 100 erhalten.

Eine "schwierige Situation", zumal inzwischen fast jeder Patient nach einer Booster-Impfung frage: "Als es hieß, alle ab zwölf Jahren sollen nach sechs Monaten geboostert werden, wurde ja nicht gesagt: Ihr müsst gucken, welchen Impfstoff ihr bekommt und ob es überhaupt welchen gibt."

Löw ist nicht der einzige Arzt, der sich über die kurzfristig geänderten Bestellvorgaben ärgert. Der Vorsitzende des Hausärzteverbands Hessen, Armin Beck, nannte die gekürzten Biontech-Lieferungen einen "organisatorischen Super-Gau". Viele niedergelassene Ärzte hätten Impftermine bis in den Januar vergeben, nun müssten die Mitarbeiter Impfungen absagen und sich dabei noch beschimpfen lassen. "Das Ganze ist maximal frustrierend."

Drohungen per Mail und am Telefon

Viele Patienten reagierten mit "blankem Unverständnis", wenn sie länger auf einen Termin für ihre dritte Impfung warten müssen, berichtet Sabine Petersen, die die Praxis in Runkel leitet. 80 bis 100 Anfragen erreichen sie jeden Tag per Mail, dazu kommen Anrufe. "Da wird teilweise auch gedroht", sagt Hausarzt Löw. "Das ist keine schöne Situation."

Theoretisch könnten die Praxen den fehlenden Biontech-Impfstoff durch den ähnlich wirkenden Impfstoff von Moderna ersetzen. Dieser Impfstoff ist nach Angaben des Bundes ausreichend vorhanden, ein Bestell-Limit gibt es nicht. Erst am Donnerstag lieferte der Bund 100.000 zusätzliche Moderna-Impfdosen nach Hessen, nachdem das Land geklagt hatte, die Vorräte reichten nicht.

40 Prozent der Patienten sagten ab

Doch viele Patienten lehnten Moderna ab, sagt Praxisleiterin Sabine Petersen. Weil die niedergelassenen Ärzte Moderna bis vor Kurzem gar nicht bestellen konnten, seien ihre Patienten das nicht gewohnt und "jetzt haben sie natürlich alle Angst". Dabei seien beide Impfstoffe gleich gut verträglich, versichert Hausarzt Löw. Keiner seiner Patienten habe von schweren Nebenwirkungen berichtet.

Einige Patienten ließen sich im persönlichen Gespräch überzeugen, aber längst nicht alle. Am Dienstag soll in der Praxis ein Impftag stattfinden, nur mit Moderna. 40 Prozent der eingeladenen Patienten haben abgesagt.

Engpässe auch bei manchen Kreisen

Nicht nur in den Arztpraxen, sondern auch in einigen Impfzentren und Impfstellen der Kreise führen die ausbleibenden Biontech-Lieferungen zu Problemen. So berichtet die Stadt Wiesbaden, dass für die kommende Woche weniger Impfdosen von Biontech geliefert werden als bestellt. Dadurch seien zunächst nur rund 5.800 Impfungen möglich, obwohl die Kapazitäten für 7.000 Menschen reichen würden.

Die Stadt Frankfurt hatte vergangene Woche ebenfalls zu wenig Moderna bestellt, weshalb Impfaktionen ausfallen mussten. Der Kreis Kassel berichtet von bis zu 50 Menschen am Tag, die eine Drittimpfung mit Moderna ablehnen und das Impfzentrum daher ohne Impfung wieder verlassen. In der Wetterau nehmen zehn Prozent ihre Impftermine aus unterschiedlichen Gründen nicht wahr.

Die meisten Kreise gehen allerdings davon aus, dass sie das vom Land vorgegebene Impftempo einhalten können. 2,5 Prozent ihrer Bevölkerung müssen sie jede Woche impfen, insgesamt macht das 150.000 Impfungen. Dazu öffnen beispielsweise der Odenwaldkreis und der Wetteraukreis am Montag wieder größere Impfzentren. In Frankfurt wurden die Öffnungszeiten verlängert.

"Träge Lieferwege, wahnsinniger Frust"

Auch Christian Sommerbrodt vom Hausärzteverband Hessen sagt, das vereinbarte Impftempo sei zu schaffen. Dass die Arztpraxen nun auf Moderna umstellen müssen, sei keine unüberwindbare Hürde. Doch nach der versprochenen Boosterimpfung für alle sei "jede Praxis in ihr eigenes Chaos gestürzt". Klare Vorgaben aus der Politik habe es nicht gegeben.

Hinzu kommen die "trägen" Lieferwege: Immer dienstags bestellen die Praxen, was am kommenden Montag ausgeliefert wird. Zwar wurde der Rhythmus nun von 14-tägige auf wöchentliche Bestellungen verkürzt. Doch wenn die Praxen zweimal pro Woche bestellen könnten, würde das die Organisation noch mehr erleichtern, ist Sommerbrodt überzeugt.

In seiner Praxis in der Wiesbadener Innenstadt wurden bis Januar Impftermine vergeben - allerdings mit Biontech. Die Umstellung auf Moderna habe zu mehr Diskussionen und Terminabsagen geführt, sagt Sommerbrodt, und bei den Mitarbeiten "zu wahnsinnigem Frust".

In der Praxis von Johannes Löw ist das Personal inzwischen dazu übergegangen, den Impfstoff morgens direkt aufzuziehen - um Patienten "sofort eine Impfung zu verpassen", wenn sie sich doch für Moderna entscheiden, wie Praxisleiterin Petersen sagt. Höchste Priorität hätten dabei die Ungeimpften.

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