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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Hebammen auf sich gestellt: Mit der Kittelschürze gegen Corona

Hebamme bei der Arbeit

Gerade in der Corona-Pandemie setzen viele Schwangere auf die Hilfe von Hebammen. Doch die müssen Besuche inzwischen absagen - denn ihnen fehlt schlicht die Schutzausrüstung.

Nantke Pappe ist eine Hebamme mit Erfahrung. Seit 16 Jahren arbeitet sie freiberuflich, hat früher auch Hausgeburten betreut und betreibt eine eigene Praxis in Fürth im Odenwald. Doch auch sie gerät in der Corona-Pandemie an ihre Grenzen. Erst vor kurzem habe sich eine ihrer Patientinnen mit dem Coronavirus infiziert. Ganz am Ende der Schwangerschaft - also dann, wenn die Betreuung durch Pappe eigentlich besonders intensiv gewesen wäre. Stattdessen musste sie die Termine absagen: "Ich konnte sie nicht besuchen, weil ich keine adäquate Schutzausrüstung hatte", sagt sie.

Keine Hilfe für Hebammen vom Land

"Wir Hebammen werden vergessen", kritisiert auch Martina Klenk, die den Hessischen Hebammenverband leitet. Die fehlende Schutzausrüstung für freie Hebammen sei seit dem Beginn der Pandemie ein Problem. Doch Hilfe vom Land gebe es keine, so ihr Vorwurf. Zuletzt hat das Land Hessen Ende Oktober nach eigenen Angaben mehr als 17 Millionen Masken und rund fünf Millionen Schutzhandschuhe verteilt – unter anderem an Krankenhäuser, Altenpflegeeinrichtungen und Einrichtungen der Drogen- und Wohnsitzlosenhilfe. Auch die Hebammen seien bereits "seit vielen Lieferungen in die Verteilung einbezogen", heißt es in einer Stellungnahme des Hessischen Sozialministeriums. Die freiberuflichen Hebammen würden über die Landkreise und die kreisfreien Städte versorgt.

Tatsächlich bekämen freie Hebammen von einigen hessischen Gesundheitsämtern in Hessen inzwischen Schutzkleidung gestellt, doch die Versorgung laufe überwiegend schlecht, so Klenk. Die Bergsträßer Hebamme Nantke Pappe etwa hat bislang keine Schutzausrüstung vom Gesundheitsamt bekommen und muss sich selbst versorgen: Je nach Krankenkasse und Behandlungsfall bekomme sie dafür zwischen 49 und 62 Cent pro Hausbesuch. Nicht einmal ein Zehntel dessen, was selbst die günstigsten FFP2-Masken im freien Handel kosten.

Kittelschürze, Herrenhemd, FFP3-Maske

Pappe hat sich deshalb selbst beholfen: "Ich hab Omas Kittelschürze, darunter kommt ein Herrenhemd, ich hab mir ein Faceshield besorgt und ein Feuerwehrmann hat mir eine FFP3 Maske gespendet. Das ist das Set, das ich zu einer Frau mitnehme, wenn sie Verdachtsfall ist oder erkrankt ist." Doch Pappe weiß auch: Nicht jede ihrer Kolleginnen geht das Risiko ein - vor allem aus Furcht, selbst zum Überträger des Coronavirus zu werden. Die Folgen sind einerseits finanzielle Einbußen für die Hebammen. Aber auch die schwangeren Frauen müssten die Konsequenzen tragen, denn sie sind dann auf sich allein gestellt.

Hebammen gerade jetzt besonders wichtig

Ina Heizmann erwartet Mitte Februar ihr zweites Kind. Sie schätzt sich glücklich, eine Hebamme in Lorsch gefunden zu haben, die obendrein trotz des Teil-Lockdowns einen Geburtsvorbereitungskurs anbietet. Denn neben sonst üblichen Fragen rund um die Schwangerschaft kommen jetzt noch weitere dazu: Kann der Partner bei der Geburt dabei sein? Darf das Geschwisterkind ins Krankenhaus zu Besuch kommen? Muss man während der Wehen Maske tragen? Umso wichtiger findet sie die Hebamme an ihrer Seite: "Weil viele auch stark verunsichert sind. Und ich glaube, dass eine Hebamme einem da sehr gut vor und auch nach der Geburt helfen kann."

Auch Katharina Desery bemerkt eine große Unsicherheit unter Schwangeren. Sie ist Sprecherin des Vereins Motherhood e.V., der sich für die Rechte werdender Mütter einsetzt und warnt vor den Folgen, die erhöhter Stress in der Schwangerschaft auslösen könnte, wie etwa Komplikationen bei der Geburt. Um das zu verhindern sei die Arbeit der Hebammen als Ansprechpartnerinnen für die Frauen umso wichtiger.

Drohende Unterversorgung

Doch längst nicht jede Frau findet überhaupt eine Hebamme, zeigt auch ein Gutachten zur Situation der Hebammenhilfe in Hessen aus dem Jahr 2019, das das Sozialministerium in Auftrag gegeben hat. Doch wenn sich jetzt auch Hebammen möglicherweise mit dem Corona-Virus infizieren oder wegen mangelnder Schutzkleidung die Betreuung von manchen Frauen ablehnen, könnte sich der Engpass noch weiter zuspitzen, so Martina Klenk. Zumal gerade jetzt die Nachfrage nach Hausgeburten und Plätzen in Geburtshäusern steige. Für sie steht deshalb außer Frage, dass vor allem auch die freien Hebammen mehr Unterstützung in der Corona-Pandemie brauchen.

Sendung: hr-iNFO, 24.11.2020, 10.18 Uhr