THW-Einsatz in Bad Neuenahr

Wo nur anfangen? Die Zerstörung in den Flutgebieten in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen ist so verheerend, dass selbst erfahrene Rettungskräfte an ihre Grenzen kommen. Sechs Helfer aus Hessen berichten aus dem Katastrophengebiet.

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THW-Einsatz in Bad Neuenahr
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Im Landkreis Ahrweiler im nördlichen Rheinland-Pfalz wurden ganze Ortschaften überflutet. Das Ausmaß der Verwüstung ist immens, erzählen Hilfskräfte, die aus dem südhessischen Bensheim, aus Marburg und aus Frankfurt angereist sind, um mit anzupacken. Verwüstungen wie diese haben viele der Einsatzkräfte noch nie gesehen.

Michael Schmitz, THW Marburg

THW-Helfer Michael Schmitz - um den Hals trägt er ein Funkgerät

"Am meisten im Kopf geblieben sind mir bisher die überschwemmten Keller, wo noch keiner weiß, ob dort noch Menschen eingeschlossen sind und wo möglicherweise jede Hilfe zu spät kommt. Das ist nicht der Alltag. Ein eingestürztes Haus kennen wir. Auch zwei eingestürzte Häuser kennen wir. Aber ganze Straßen, ganze verschwundene Orte. Das kennen wir so auch noch nicht - zumindest ich habe so etwas noch nicht erlebt.

Die Struktur, wo man mit dem Helfen beginnt, ist schon sehr schwierig. Wo fängt man an, wo endet man? Das weiß man nicht. Das weiß keiner. Das kann auch keiner planen. Man muss einfach irgendwo anfangen. Und das Wichtigste ist das Wohl der Leute. Das heißt, dass die Leute mit Essen, Trinken und Klamotten versorgt sind."

Jörg Linne, THW Marburg

THW-Helfer Jörg Linne vor einem Einsatzfahrzeug.

"Man läuft hier herum und egal an welcher Ecke man guckt, es gibt überall etwas zu helfen. Dinge, die gesichert werden müssen, Dinge, die geräumt werden müssen. Oder Gefahrenstellen, die noch keiner gesehen hat. Man weiß gar nicht, wo man hier als erstes hingucken soll. Dabei muss einem auch ganz klar sein, dass es uns an jeder Stelle passieren kann, einen toten Menschen zu finden.

Wir reden abends viel darüber, um das Erlebte ein bisschen miteinander zu verarbeiten. Vielleicht schiebt man es aber einfach auch ein Stück weit weg - so eine Art Verdrängung."

Emil Frühling, Luftfahrt ohne Grenzen, Frankfurt

Hochwasser-Helfer Emil Frühling

"Ich finde es herzzerreißend, was hier passiert ist. Vor allem als Außenstehender natürlich. Und es ist schwierig zu beurteilen, was die Menschen hier durchmachen müssen. Man versucht einfach irgendwie mit den Leuten mitfühlen zu können, was natürlich nicht geht, weil man selbst nicht betroffen ist. Und dann versucht man einen Teil dazu beizutragen, dass es den Menschen besser geht.

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zum Video Spendenaktion für Hochwasseropfer

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Und was mich jetzt noch beschäftigt, ist, dass ich ja später wieder nach Hause zu meiner Familie fahren kann. Für die Leute hier steht das Leben aber monatelang still. Und ihr Leben ist zum Teil zerstört. Sie haben Familienmitglieder verloren, das Haus verloren, Erspartes verloren. Es ist einfach nicht vorstellbar."

David Wellenreuther, THW Bensheim

THW-Helfer David Wellenreuther vor einem THW-Fahrzeug

"Das Schadensausmaß, die Stärke und Gewalt, die das Wasser mit sich gebracht hat - das ist schon beeindruckend. In sehr kurzer Zeit ist das Wasser gekommen und auch relativ schnell wieder gegangen. Und die Schäden, die man jetzt sieht, zum Beispiel einen 18-Tonnen-Lkw, der 500 Meter in die Innenstadt geschoben wurde - das ist schon beeindruckend.

Man kennt natürlich die Bilder und man kennt auch vergangene Hochwassereinsätze. Aber man muss das hier definitiv erstmal verarbeiten. Man spricht zwar am Abend im Team darüber, aber ich denke, so richtig realisieren wird man das erst zu Hause."

Christian Sohn, THW Marburg

THW-Helfer  Christian Sohn

"Ein Standardeinsatz ist das ganz bestimmt nicht. Alle tiefer gelegenen Ortschaften die Ahr entlang sind überschwemmt worden. Es ist schon surreal. Es ist unvorstellbar eigentlich. Und man denkt, man fährt einen Ort weiter und es sähe besser aus. Aber dort ist es dann genauso. Es ist schon sehr schlimm. Generell kann man das hier nur schwer erfassen. Wir haben verschiedene Einsatzoptionen in der Erkundung. Da sind wir rausgefahren, um mal einen Eindruck zu bekommen. Da kann man sich jetzt ungefähr vorstellen, wie es in dem ganzen Gebiet aussieht. Das allerdings selber richtig zu realisieren, ist schwierig. Dafür hat man gar nicht die Zeit.

Es kommt schon bei einem an, aber wenn man dann erstmal nach Hause gefahren ist und einige Tage Abstand hat, wird das schon noch intensiver kommen. Außerdem ist es ganz gut, wenn man untereinander mit den Kollegen vor Ort darüber spricht, was man gesehen hat. Wobei wir ganz bestimmt noch nicht die schlimmsten Sachen hier gesehen haben."

Philipp Sauer, THW Bensheim

THW-Helfer Philipp Sauer vor einem Einsatzfahrzeug.

"Das hier ist nichts Alltägliches, sondern eine extreme Situation. Wir versuchen hier die Straßen von den vielen Autos zu befreien, die überall herumliegen. Es sind hunderte Lkw, Sprinter, Neufahrzeuge. Es tut einem in der Seele weh. Aber es ist alles nur noch Schrott - glücklicherweise nur materiell. Verarbeiten kann man das wahrscheinlich erst, wenn man in Ruhe daheim ist. Wenn man hier nachts probiert, ein paar Stunden Schlaf zu kriegen, versucht man eigentlich nur ein bisschen seine Energie aufzufüllen und dann geht es schon weiter.

Ansonsten ist es so, wie es sein sollte: Die Anwohner und Menschen sind alle super dankbar und froh, dass wir helfen. Es ist ein großes Miteinander. Egal, von wo man kommt, welche Organisation, welches Alter, Aussehen, Hautfarbe. Es ist einfach nur ein Miteinander und wir haben ein gemeinsames Ziel."

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