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Viele Menschen, enge Räume: Hilfsorganisationen kritisieren den Umgang mit Corona in hessischen Flüchtlingsunterkünften. Die Gefahr von großen Infektionsausbrüchen sei bekannt - es werde zu wenig getan. Der Ausbruch in einer Kasseler Einrichtung wird nun Thema im Landtag.

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zum Video Dreckige Bäder, protestierende Flüchtlinge: Szenen aus der Kasseler Erstaufnahmeeinrichtung

Gang in der Erstaufnahme Kassel
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Corona bedeutet derzeit für alle: Abstand halten, Hände waschen, Masken tragen. In großen Flüchtlingsunterkünften mit Mehrbettzimmern ist das kaum möglich. Das zeigte sich zuletzt wieder bei dem schweren Corona-Ausbruch in einer Kasseler Erstaufnahmeeinrichtung mit über 100 Infizierten innerhalb kurzer Zeit. Nun werfen Hilfsorganisationen und ehrenamtliche Helfer der Landesregierung und Behörden schwere Versäumnisse vor.

Die Diakonie Kassel kritisiert, dass keine Maskenpflicht bestanden habe, Mitarbeiter der Diakonie hätten vor den Quarantäne-Maßnahmen "kein einziges Mal" Desinfektionsmittel gesehen, die "AHA-Regeln" hätten schon allein durch die Belegung der Zimmer nicht eingehalten werden können.

"Dramatische Situation"

Der Hessische Flüchtlingsrat spricht von einer "dramatischen Situation" für Geflüchtete in Gemeinschaftsunterkünften, kritisiert schlechte Hygienebedingungen und sieht insgesamt ein Versagen beim Umgang mit der Pandemie, teils sei das Thema bei den zuständigen Behörden "komplett verschlafen worden".

Der Fall der Kasseler Unterkunft wird am Donnerstag auch im Sozial- und Integrationsausschuss des Landtages Thema sein. Die Oppositionsfraktionen der Linkspartei und der SPD haben die Situation in Flüchtlingsunterkünften und die Frage des Umgangs mit Corona auf die Tagesordnung gesetzt.

Videos zeigen dreckige Flure und Sanitäreinrichtungen

Die Kasseler Erstaufnahmeeinrichtung war vor rund zwei Wochen unter Quarantäne gestellt worden, nachdem von 301 Bewohnern 112 positiv auf Corona getestet wurden. Kurz danach erhoben Bewohner schwere Vorwürfe und berichteten dem hr unter anderem, die Sanitäranlagen seien verdreckt, es sei unklar, wer infiziert sei und wer nicht, Seife und Masken müssten bezahlt werden.

Viele sorgten sich um ihre Gesundheit, Kinder würden die ganze Zeit weinen. Vor der Einrichtung hatte die Initiative "Kein Mensch ist illegal" eine Kundgebung abgehalten, die Flüchtlinge auf der anderen Seite des Zaunes riefen verzweifelt um Hilfe, rüttelten am Zaun und protestierten lautstark gegen die Art ihrer Unterbringung.

"Wir werden hier sterben"

"Wir werden hier sterben, niemand tut etwas", sagte eine Bewohnerin der Unterkunft dem hr. Eine andere zeigte ein Video von verdreckten Toiletten und Waschbecken, die im Inneren der Einrichtung aufgenommen worden sein sollen. Auch andere Videos, die Ehrenamtliche von Flüchtlingen zugeschickt bekommen haben und die dem hr vorliegen, zeigen dreckige Gänge und überfüllte Mülleimer.

Schließlich entschied das zuständige Regierungspräsidium Gießen, 86 nicht-infizierte Bewohner woanders unterzubringen. Am Freitag stellte sich allerdings heraus: Von den verlegten Bewohnern waren 26 doch infiziert, sie wurden also zurückverlegt in die Erstaufnahmeeinrichtung.

Mittlerweile sind laut dem RP Gießen insgesamt noch 32 Bewohner infiziert, in den Ausweichquartieren seien alle coronafrei. Die infizierten Bewohner hätten keine Symptome oder milde Verläufe gehabt. In der Einrichtung leben 62 Kinder unter 17 Jahren, davon seien zwischenzeitlich 19 Kinder infiziert gewesen. Kassel war überhaupt erst wegen des sprunghaften Ansteigs von Infizierten in der Unterkunft zum Corona-Risikogebiet erklärt worden.

Diakonie: "In mehrfacher Hinsicht eskaliert"

Für Hilfsorganisationen vor Ort kam die Verlegung zu spät. Mitarbeiter der Diakonie bieten seit vier Jahren in der Einrichtung eine Asylverfahrensberatung an. In einer Mitteilung kritisieren sie die schlechten hygienischen Bedingungen und fehlenden Infektionsschutz. Die Situation sei mittlerweile "in mehrfacher Hinsicht" eskaliert.

Die Geflüchteten hätten Angst, seien ohne Informationen und Unterstützung, die Mitarbeiter der Einrichtung seien weitgehend in Quarantäne. Die Hygieneregeln bei Corona seien für die Bewohner kaum einzuhalten gewesen, Desinfektionsmittel habe es nicht gegeben. Es gebe Gewalt von Security-Mitarbeitern - in einem Video, das dem hr vorliegt, sind Security-Mitarbeiter zu sehen, die zwei Bewohner zu Boden ringen.

Die Diakonie verweist auf ein mehrseitiges Papier des Robert-Koch-Instituts mit Infektionsschutz-Empfehlungen für Gemeinschaftsunterkünfte aus dem Mai. Der erste Punkt im Papier ist die ausführliche Aufklärung der Bewohner. "Das Aufhängen von mehrsprachigen Zetteln reicht nicht aus", kommentiert die Diakonie. Die Diakonie hat auch selbst Vorschläge gemacht, wie die Situation vor Ort verbessert werden könnte.

Das RP Gießen widersprach auf hr-Anfrage den Vorwürfen der Bewohner und der Diakonie: Es gebe ausreichend Desinfektionsmittel, es würden regelmäßig Masken verteilt, darunter auch FFP2-Masken. Auch regelmäßig nachgefüllte Seifenspender gebe es. Für die rund 300 Bewohner stünden 24 Duschen zur Verfügung, außerhalb des Gebäudes in Containern, außerdem werde auf eine strikte Trennung von Infizierten und Nicht-Infizierten geachtet. Flüchtlinge berichteten dem hr, dass auch erkrankte Bewohner nach draußen in die Duschen müssten.

Flüchtlingsrat: "Kopf in den Sand gesteckt"

Timmo Scherenberg vom Hessischen Flüchtlingsrat sieht Gemeinschaftsunterkünfte während der Pandemie in einer "dramatischen Situation". Das Problem liege im System: Der Fall Kassel zeige, wie schnell sich Corona verbreite, wenn Menschen "zusammengepfercht" auf engem Raum und mit schlechten hygienischen Bedingungen leben müssten.

Schon im Frühjahr hatte der Flüchtlingsrat zusammen mit Wohlfahrtsverbänden an die Politik appelliert, dringend die Situation zu verbessern, um Corona-Ausbrüche zu verhindern.

Passiert sei seitdem kaum etwas, kritisiert Scherenberg: "Es ist versäumt worden, im März und April sofort zu reagieren, im Sommer wurde das Thema komplett verschlafen, der Kopf in den Sand gesteckt". Das hessische Sozialministerium hat die Fachaufsicht im Fall der Unterkünfte, "aber da tut sich nichts", sagt Scherenberg, auch andere offizielle Stellen hätten spät oder gar nicht auf die Appelle des Flüchtlingsrats reagiert. Nun treffe die zweite Corona-Welle mit voller Wucht Gemeinschaftsunterkünfte, in ganz Hessen stünden immer wieder größere Unterkünfte unter Quarantäne. Am Dienstag traf es eine Erstaufnahmeeinrichtung in Büdingen (Wetterau), 600 Menschen sind in Quarantäne, nachdem drei Bewohner positiv auf Corona getestet wurden.

Große Gemeinschaftsunterkünfte, wenig Schutz vor Corona

Dabei habe es Optionen gegeben, die Unterkünfte mit oft mehreren hundert Bewohnern zu dezentralisieren, sagt Scherenberg: Die hessischen Jugendherbergen hatten ihre leeren Betten zur Unterbringung von Flüchtlingen angeboten, Hotels standen leer, Ferienwohnungen hätten angemietet werden können.

Die Situation sei hessenweit dennoch sehr unterschiedlich, je nach Trägern und Konzept der Gemeinschaftsunterkünfte. Nicht überall laufe es so wie in Kassel. Der Flüchtlingsrat kritisiert, dass Hessen aber im Vergleich mit anderen Ländern schlecht dastehe.

Bei der dezentralen Unterbringung von Flüchtlingen sei Hessen im bundesweiten Vergleich ganz hinten, kritisiert Scherenberg, zwei Drittel derjenigen, die unter das Asylbewerberleistungsgesetz fallen, lebten in Gemeinschaftsunterkünften. "Fatal" sei diese Situation, schon unter normalen Zuständen sei das eine "sehr schlechte Idee, in Pandemiezeiten schlicht eine Katastrophe".

Andere Bundesländer hätten die Situation besser in den Griff bekommen, teils habe es mehr Erlasse zum Schutz in Pandemiezeiten gegeben, in Thüringen seien wegen Corona über 13 Millionen Euro für die Dezentralisierung der Unterkünfte bereit gestellt worden.

Fragenkatatalog im Landtagsausschuss

Für die Sitzung des Sozialausschusses des Landtags am Donnerstag hat die SPD hat einen dringlichen Berichtsantrag gestellt mit einem Fragenkatalog zum Corona-Ausbruch in der Kasseler Einrichtung, den hygienischen Bedingungen und den Maßnahmen zur Eindämmung.

Saadet Sönmez, Abgeordnete der Linksfraktion, hatte bereits Anfang Oktober eine Kleine Anfrage an die Landesregierung zur Prävention von Covid-Fällen in Gemeinschaftsunterkünften gestellt - bisher ist die unbeantwortet.