Bildkombination: Zerstörte Baracke im Führerhauptquartier Rastenburg / Hermann Kaiser vor dem Volksgerichtshof

Seine Tagebücher sind dem Wiesbadener Lehrer Hermann Kaiser einst zum Verhängnis geworden. Sie zeigen aber auch: Er war maßgeblich an der Vorbereitung des Attentats auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 beteiligt.

Das Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 verbindet man zumeist mit Namen wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg oder Henning von Treschow. Doch mehr als 200 Menschen bezahlten den Umsturzversuch mit ihrem Leben. Einer von ihnen war der Wiesbadener Lehrer Hermann Kaiser.

Geboren wurde Kaiser 1885 im Remscheid und war ab 1912 Studienrat an der Oranienschule in Wiesbaden. Im Ersten Weltkrieg als Artillerieoffizier an der Westfront eingesetzt, wurde er mehrfach wegen Tapferkeit ausgezeichnet.

Hermann Kaiser während des 1. Weltkrieges

Kaiser war nationalkonservativ und stand der Weimarer Republik äußerst skeptisch gegenüber. Anfang der 1930er Jahre hatte er zunächst Hoffnung in die NSDAP gesetzt und war ihr beigetreten. Zum Bruch kam es 1934 nach dem Röhm-Putsch - die Ermordung der Generäle von Schleicher und von Bredow war für ihn nichts als ein Verbrechen.

In der Oranienschule in Wiesbaden galt er als unbequemer Lehrer, der seine Kritik an Hitler und den Nationalsozialisten offen äußerte. Er weigerte sich, seine Schüler und Lehrer mit "Heil Hitler" zu grüßen. Stattdessen sagte er "Heil Blücher" und erinnerte damit an den preußischen Generalfeldmarschall, der durch den Sieg über Napoleon in der Schlacht bei Waterloo berühmt wurde. Trotz seiner offen geäußerten Ablehnung und deutlichen Kritik am Nazi-Regime hat ihn nie jemand verraten, weder Schüler noch Lehrer der Oranienschule.

Historische Aufnahme des Städt. Reform-Realgymnasiums in der Oranienstraße in Wiesbaden

Sieben Jahre lang setzte er sich für ein Denkmal auf dem Luisenplatz in Wiesbaden ein, das an sein ehemaliges Regiment aus dem Ersten Weltkrieg erinnert. Bei seiner Rede zur Einweihung des Denkmals des 1. Nassauischen Feldartillerie-Regiments Nr. 27 Oranien, am 21. Oktober 1934, erwähnte er Adolf Hitler mit keinem Wort, bewusst brüskierte er damit die anwesenden Nationalsozialisten.

"Früh wurde ihm klar: Hitler muss verschwinden", erklärt Rolf Faber vom Verein für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung, der sich lange mit Hermann Kaiser und seiner Rolle im Widerstand beschäftigt hat.

Weihe des Artilleriedenkmals in Wiesbaden am 21. Oktober 1934

"Als Fundament jeder Regierung bezeichne ich: Geistesfreiheit und Gerechtigkeit. Wer sie zerstört, stößt sein Volk in den Abgrund", notierte Hermann Kaiser am Samstag, 18. Oktober 1941, in seinem Tagebuch.

Schon 1940 war Kaiser als Hauptmann der Reserve zum Oberkommando des Heeres in den Berliner Bendlerblock versetzt worden. Dort übernahm er beim Chef der Heeresrüstung und Befehlshaber des Ersatzheeres, Generaloberst Friedrich Fromm, die Führung des Kriegstagebuchs - eine Chronologie des Todes.

Erster Kontakt mit dem Widerstand

1941 lernte Kaiser Generaloberst Ludwig Beck und den Politiker Carl Friedrich Goerdeler kennen, die zu diesem Zeitpunkt beide bereits im Widerstand organisiert waren. Auch Kaiser war wenig später vollständig in das "Unternehmen Walküre" des Heeres einbezogen. Er rückte in die Rolle einer der wichtigsten Organisatoren des geplanten Attentats auf Hitler.

Der Plan: Er sollte am Tag des Umsturzes in seine Heimatstadt Wiesbaden einrücken. Er nutzte seine nach außen unauffällige Stellung zur Vermittlung zwischen zivilem und militärischem Widerstand. Es gelang ihm, zwischen Carl Goerdeler, Ludwig Beck und Oberbefehlshaber Erwin von Witzleben Kontakte zu knüpfen.

"Brüllaffen und Verbrecher müssen über Bord"

Für Kaiser stand das Wohl des Vaterlandes im Vordergrund, er war ein glühender Patriot. Durch die schweren Verluste ab 1942 an fast allen Fronten wurde ihm klar: Dieser Krieg ist nicht zu gewinnen. "Enthebt uns nicht der Pflicht, das Steuerruder zu ergreifen, wenn erkannt wird, daß falsch gesteuert wird. Brüllaffen und Verbrecher müssen über Bord", schrieb er am 19. Februar 1943 in sein Tagebuch.

Den gescheiterten Umsturzversuch, an dem er maßgeblich beteiligt war, erlebte Kaiser in Kassel. Er war dort zur Taufe seines Neffen. Am frühen Morgen des 21. Juli 1944 wurde er in Kassel-Wilhelmshöhe von Beamten der Geheimen Staatspolizei verhaftet und sofort zur Wohnungsdurchsuchung nach Wiesbaden gebracht.

Gedenktafel am Denkmal des Nassauischen Feldartillie-Regiments

Nach einer der berüchtigten Verhandlungen vor dem Volksgerichtshof unter Vorsitz von Präsident Roland Freisler wird Hermann Kaiser am 17. Januar 1945 zum Tode verurteilt. "Wenn es unter den Verrätern des 20. Juli überhaupt eine Steigerung der Gemeinheit geben kann, so ist einer der gemeinsten Hermann Kaiser. (…) Er ist Komplize der Verräter Graf von Stauffenberg und Goerdeler. (…) Dieser Mann muß ein für allemal um unserer Sauberkeit willen (…) aus unserer Mitte ausgelöscht werden", so die Urteilsbegründung gegen ihn.

"Mit innerer Festigkeit in den Tod"

Am 23. Januar 1945 wurde Hermann Kaiser im Gefängnis Berlin-Plötzensee hingerichtet, erhängt an Klaviersaiten. "Er ging mit unerschütterlicher Ruhe und innerer Festigkeit in den Tod", berichtete Fabian von Schlabrendorff, einer der letzten, der ihn in der Haft noch gesehen hatte.

Auf dem Oranier-Denkmal in Wiesbaden auf dem Luisenplatz steht noch die Inschrift, die sich Hermann Kaiser so gewünscht hatte: "Dem Vaterland getreu bleib ich bis in den Tod."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 20.07.2019, 19.30 Uhr