Junge Fahrlehrerin Lena Growe aus Langen
Eine der jüngsten Fahrlehrerinnen Deutschlands: Lena Growe aus Langen. Bild © Sophia Luft (hr)

Mit der Ausbildung zur Fahrlehrerin erfüllte sich Lena Growe aus Langen einen Traum. Ihre Familie und Freunde waren entsetzt, sie habe doch Abitur. Soziologen kritisieren, dass für viele nur noch ein Studium zählt.

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Schulterblick, Blinker setzen, abbiegen. Mit kritischem Blick kontrolliert Lena Growe die Geschwindigkeit auf dem Tachometer des Fahrschulautos. Ihre Schülerin hat bald praktische Fahrprüfung. Bis dahin müssen alle Abläufe sitzen. Seit einem halben Jahr bringt die 22-Jährige aus Langen (Offenbach) anderen das Fahren bei. Sie ist die jüngste Fahrlehrerin Hessens - mit 21 kann man überhaupt erst die knapp einjährige Ausbildung zum Fahrlehrer beginnen.

Anders als die meisten ihrer Mitschüler begann sie nach dem Abitur nicht ein Studium, sondern machte eine Ausbildung: erst zur Automobilkauffrau, dann zur Fahrlehrerin. Seit ihrer eigenen Führerscheinprüfung wusste Lena Growe, dass das ihr Traumberuf ist. Jeden Tag habe man mit anderen Menschen zu tun, das sei doch interessant, sagt sie: "Ein Fahrlehrer baut echte Beziehungen zu seinen Schülern auf. Das finde ich einfach toll!"

Soziologe: Bildungsbegriff zunehmend verengt

Doch ihre Entscheidung kam in ihrem Umfeld überhaupt nicht gut an. Ihre Familie und Freunde kritisierten, dass sie sich als Abiturientin unter Wert verkaufe, wenn sie nur eine Ausbildung mache. Mit Abitur müsse man doch studieren, hieß es. Lena Growe verspürte großen sozialen Druck: "Da war ich schon enttäuscht, weil ich finde, dass ein Beruf nicht verpönt werden sollte, nur weil er kein Studium voraussetzt."

Reaktionen wie diese seien in unserer Gesellschaft immer häufiger zu beobachten, sagt Soziologe Reimer Gronemeyer von der Justus-Liebig-Universität Gießen. Denn die klassische Ausbildung habe an Ansehen verloren. "Früher hat man eine Lehre gemacht und wusste, dass man diesen Beruf für die nächsten 30 Jahre ausüben würde. Das gibt es heute nicht mehr."

Die Berufswelt sei zunehmend flexibel geworden. Ständig müsse man etwas Neues lernen, sagt Gronemeyer: "Menschen empfinden das als eine ständige Gegenwart der Leistungsgesellschaft, die uns unablässig unter Druck setzt." Jeder habe das Gefühl, er müsse studieren, um mithalten zu können. Außerdem sei der Bildungsbegriff inzwischen so verengt, dass nur noch der universitäre Abschluss wertvoll zu sein scheint.

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Studenten und Auszubildende in Hessen

Im Jahr 2018 waren nach Angaben des Wissenschaftsministeriums 262.362 Menschen an einer Hochschule in Hessen eingeschrieben, 67.313 davon nahmen in dem Jahr ihr Studium auf. Die Gesamtzahl der Studierenden nahm seit 2017 um 2.294 zu. Die Zahl der Erstsemester sank zwar im Vergleich zum Jahr zuvor um 1.491, lag jedoch um 16.177 höher als im Jahr 2010.

Im selben Jahr befanden sich in Hessen 94.538 Jugendliche in einer dualen Berufsausbildung, wie das Statistische Landesamt mitteilt. Neu abgeschlossen wurden in dem Jahr 37.527 Ausbildungsverträge - ein Plus von 1.083 gegenüber 2017, doch um rund 2.000 weniger als im Jahr 2010. Die Zahl der Auszubildenden insgesamt sank seitdem um fast 10.000.

Die Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit meldete für Mai, in Hessen seien 17.753 Ausbildungsplätze unbesetzt. Vor allem das Handwerk habe hohen Bedarf. 16.990 Jugendliche waren demnach im Mai auf der Suche nach einer Lehrstelle.

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Auch Soziale Netzwerke spielten für diese Entwicklung eine Rolle, sagt Gronemeyer. Jeder könne sich mit anderen vergleichen - ob auf Facebook und Instagram oder Berufsportalen wie Xing und LinkedIn. Auch das erhöhe den Leistungsdruck, besonders bei jungen Menschen.

Lena Growe schrieb einen Lebensratgeber

Diesen Trend hat auch Lena Growe beobachtet und darüber ein Buch geschrieben. Es heißt "Ich, dein Leben" und ist eine Art Lebensratgeber aus der Perspektive einer 22-Jährigen, die mit gesellschaftlichen Erwartungen konfrontiert wurde, die sie bewusst nicht erfüllen wollte. Für die junge Fahrlehrerin geht es im Leben um viel mehr als um das Streben nach Perfektion.

In ihrem im Eigenverlag erschienenen Buch will Lena Growe anderen jungen Menschen vermitteln, dass man zum eigenen Ich stehen soll. Ihrer Meinung nach ist jeder Mensch individuell perfekt. Sie ist überzeugt: "Man muss seinen eigenen Traum leben und nicht immer auf andere hören. Und man muss bestimmt nicht studiert haben, um in dieser Gesellschaft etwas wert zu sein."

Familie und Freunde mit Berufswahl inzwischen versöhnt

Dass sie dies für sich erkannt hat, brachte sie dazu, das Buch zu schreiben. Mit der Kritik ihrer Familie und Freunde an ihrem Berufswunsch konfrontiert, hat sich die 22-Jährige weitreichende Gedanken über das Leben in einer Leistungsgesellschaft und die Angst vor dem Scheitern gemacht: "Ich habe auf viele Fragen keine Antworten bekommen und deshalb dieses Buch geschrieben - in der Hoffnung, mir selbst Antworten zu geben und um anderen in meiner Situation Mut zu machen."

Lena Growes Familie und Freunde haben sich mittlerweile mit ihrer Entscheidung versöhnt, dass sie Fahrlehrerin geworden ist. Umgekehrt will sie aber auch nicht ganz ausschließen, dass sie irgendwann doch noch ein Studium anfängt: "Ich werde das tun, was mich glücklich macht. Wenn das bedeutet, doch noch zu studieren, dann soll mich nichts daran hindern."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 13.06.2019, 19.30 Uhr