Ein Schild weist den Weg zu einem Impfzentrum

Schnell viel impfen - das ist das Ziel in Hessen. Doch manche Landkreise hinken hinterher. Sie legen vermutlich zu viel Impfstoff auf Vorrat. Nun sollen die Lagerbestände schmelzen.

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hs
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Beim Impfen ganz vorne liegen bisher der Kreis Waldeck-Frankenberg und der Odenwaldkreis. In den Impfzentren dort haben bis einschließlich Sonntag jeweils rund 18 Prozent der Menschen im Kreis die Erstimpfung bekommen. Nur rund 13 Prozent waren es dagegen im Landkreis Kassel und im Kreis Darmstadt-Dieburg. Die beiden Kreise finden sich am Ende einer Impftabelle, die das Innenministerium erstellt hat.

Vorräte anlegen oder schnell impfen?

Das Gefälle hat nach Angaben eines Ministeriumssprechers vor allem einen Grund: Die Kreise legen unterschiedlich große Impfstoffvorräte an. Im Landkreis Kassel seien demnach Ende vergangener Woche rund 10.000 Dosen im Kühlschrank gelegen, ähnlich viele seien es im Kreis Darmstadt-Dieburg oder im Main-Kinzig-Kreis gewesen. Der Odenwaldkreis und der Kreis Waldeck-Frankenberg beschränkten ihre Vorräte dagegen auf ein Minimum - was geliefert wird, werde gleich verimpft.

Genau so sollen es alle Landkreise und kreisfreien Städte machen, wenn es nach dem Innenministerium geht. Dieses rüffelte kürzlich die Kommunen, weil 150.000 Dosen Impfstoff in den Kühlschränken der Impfzentren lägen. Das sei gar nicht nötig, so das Ministerium. Denn das Land halte selbst ein Sicherheitspolster vor, es werde passgenau geliefert.

Kreis Kassel spricht von "Chaos"

In manchen Kreisen scheint das Vertrauen in das Innenministerium aber begrenzt zu sein. Der Main-Kinzig-Kreis bemängelt eine "insgesamt unpräzise Lieferkette". So habe man in dieser Woche 3.800 Impfdosen mehr erhalten als geplant. Aber die beiden Impfzentren des Kreises "haben natürlich keine Termine dafür vereinbart", sagte ein Sprecher. Deshalb sei vorübergehend mehr Serum auf Lager als sonst.

Der Landkreis Kassel berichtet gleich von mehreren Pannen beim Land: Man habe nach eigenen Angaben freie Termine für sein Impfzentrum gemeldet, die aber habe das Land nicht freigeschaltet und so hätten die Menschen die Termine nicht buchen können. Andere Impftermine seien von der Terminvergabe des Landes doppelt belegt worden. Der Kreis spricht von "Chaos" und hat eine eigene Termin-Seite ins Internet gestellt.

Kreise: Echte Impfquote kann nicht errechnet werden

Insgesamt stößt die Impftabelle des Landes bei den Landkreisen und kreisfreien Städten auf Kritik. Die Landkreise betonen, dass viele ihrer Bürger zu Beginn der Impfkampagne in den sechs großen Impfzentren geimpft worden seien - in Frankfurt, Wiesbaden, Kassel, Darmstadt, Fulda und Heuchelheim (Gießen). Wie viele Menschen das betreffe, habe das Land bis heute nicht angeben können. Eine echte Impfquote, die den Anteil der Geimpften an den Kreisbewohnern angibt, könne deshalb gar nicht berechnet werden.

Andere haben Zweifel an der Genauigkeit der Zahlen. Die Stadt Frankfurt erklärt etwa, im Januar hätten viele Impfungen gar nicht erfasst werden können, weil die Software des Landes gestreikt habe. Noch immer seien studentische Hilfskräfte dabei, Papierlisten ins System zu übertragen.

Das Ministerium hält dagegen, dass seine Zahlen "weitgehend belastbar" seien - zumindest ließen sie Vergleiche zwischen den einzelnen Landkreisen zu, so ein Sprecher.

Hessen bundesweites Schlusslicht

Im Bundesland-Ranking bei den Erstimpfungen steht Hessen derzeit auf dem letzten Platz. Bis zum Dienstag wurden den Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) zufolge 18,8 Prozent der Bürgerinnen und Bürger mindestens einmal geimpft - so wenige wie in keinem anderen Bundesland. Anders als bei den hessen- und kreisweiten Statistiken werden beim RKI auch Impfungen in Arztpraxen erfasst. Deutschlandweit liegt der Durchschnitt bei 20,8 Prozent. Spitzenreiter Bremen erreicht sogar 23,5 Prozent, das Saarland liegt mit 23,2 Prozent auf dem zweiten Platz.

Für das schlechte Abschneiden des Landes nennt das Innenministerium auf hr-Anfrage mehrere Gründe und weist darauf hin, dass ein bundesweiter Vergleich nur "bedingt sinnvoll möglich" sei. Denn der Impfstoff wird seit Ende März nicht mehr gleichmäßig verteilt: Bundesländer, in denen besonders gehäuft Virus-Mutanten auftreten, erhalten zusätzliche Dosen. So habe das Saarland 35 Impfdosen pro 100 Bürgerinnen und Bürger bekommen, Hessen dagegen nur 26,5.

"Werden messbar aufholen"

Außerdem habe sich Hessen jederzeit an die Empfehlungen des Bundes zur Sicherstellung der Zweitimpfungen gehalten und deswegen 120.000 Impfdosen auf Lager. "Bis heute mussten in Hessen daher nahezu keine Impftermine aufgrund fehlenden Impfstoffs abgesagt werden, wie es in anderen Bundesländern der Fall war und ist", sagte ein Sprecher. Die Impfzentren seien gebeten worden, eigene Reserven schnellstmöglich zu verimpfen.

"Bei der Erstimpfungsquote wird unser Land in den nächsten Tagen wieder erneut messbar aufholen", erwartet das Ministerium. Aktuell würden schlicht mehr Zweitimpfungen durchgeführt. Da steht Hessen im Übrigen etwas besser da als bei den Erstimpfungen: Den vollen Schutz haben inzwischen 7,3 Prozent der Bevölkerungen. Nur fünf Bundesländer können höhere Quoten vorweisen, Spitzenreiter ist Thüringen mit 8,3 Prozent.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 21.04.2021, 19.30 Uhr