Mann an Laptop trinkt Kaffee und hat Decke über dem Kopf

Präsenz statt Online: Hessens Hochschulen dürfen ihre Hörsäle nach der Corona-Zwangspause früher als gedacht öffnen. Doch fast alle sind höchst vorsichtig - und manche äußerst kreativ. Da kommt schon mal Hochprozentiges zum Einsatz.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Hochschulen bleiben trotz Lockerungen digital

Alte Uni in Marburg
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Das Sommersemester, das Mitte April begonnen hat, trägt an hessischen Hochschulen jetzt schon den Beinamen "Digitalsemester". Eigentlich ist das sogar ganz nett, erzählt der Marburger Student Larry: in Jogginghose zu Hause sitzen und Videostream gucken, nicht so früh aufstehen und kein langes Rumsitzen im Bus. Trotzdem sehnte sich Larry noch nie so sehr danach, wie er sagt, wieder in die Uni zu dürfen wie jetzt. Er warte jeden Tag auf die Erlaubnis von der Unileitung.

"Ich arbeite momentan an meiner Masterarbeit und muss dafür dringend ins Labor", berichtet der 29-Jährige. Der Biologiestudent forscht derzeit mit einer Arbeitsgruppe an Genen in den Eiern von Fröschen. Momentan erledige ein Doktorand für ihn die Untersuchungen im Labor und filme sich dabei mit einer Videokamera. "Aber das ist für uns Studierende auf Dauer echt problematisch, weil wir aus unseren eigenen Fehlern lernen müssen und so die Methodik lernen." Praxiserfahrung sei später auch bei Jobbewerbungen enorm wichtig.

Hochschulen wollen nichts überstürzen

Viele Studierende wie Larry haben deshalb die Nachricht mit großer Freude aufgenommen, dass an den Hochschulen nun wieder Präsenzveranstaltungen in Hörsälen und Seminarräumen durchgeführt werden dürfen. Doch offenbar hat die Lockerung der Landesregierung viele Hochschulen überrascht. Eine Umfrage von hessenschau.de zeigt: Das Sommersemester bleibt weitgehend eine Online-Veranstaltung - die Hochschulen wollen nichts überstürzen.

An der Goethe-Universität Frankfurt heißt es etwa: Das Digitalsemester sei mit hohem Aufwand geplant worden - um sicher planen zu können, wolle man daran festhalten. Wo es didaktisch erforderlich sei, sollen Kurse in "begleitenden Präsenzveranstaltungen" zu Ende geführt werden können.

Nicht genügend Räume

Hauptsächlich digital bleibt man auch in Marburg, Gießen, Kassel und Darmstadt. Ein Sprecher der Technischen Universität Darmstadt erklärt: Die Hochschule habe sich auf ein digitales Semester eingestellt, jetzt wolle man nicht alle Hebel schon wieder umlegen. "Das würde auch unsere Studierenden und die Infrastruktur überfordern." Viele Räume seien derzeit durch nachzuholende Prüfungen belegt. Vom 1. Juni an sollen wieder ausgewählte Präsenzveranstaltungen vor Ort stattfinden können, insbesondere Laborpraktika oder Exkursionen.

Die Raumfrage ist vielerorts problematisch: Bei Präsenzveranstaltungen müssen Abstands- und Hygieneregeln eingehalten werden. In vielen Hochschulräumen werden in den nächsten Wochen noch unzählige Prüfungen nachgeholt, die am Ende des Wintersemesters plötzlich ausgefallen sind. Die Universität Kassel teilt mit: "Eine vollständige Rückkehr zum Präsenzbetrieb ist deshalb vorerst nicht möglich."

Fachhochschulen planen "leichte Öffnungen"

An den Fachhochschulen sind leichte Öffnungen in Planung, beispielsweise an der Hochschule Fulda. Man gehe "sehr bedacht" vor, betonte eine Sprecherin. Die Priorität liege weiterhin auf Online-Lehre, zumal die vergangenen Wochen überraschend gut gelaufen seien. Eine neu entwickelte datenschutzkonforme Lösung für Lehrveranstaltungen per Videokonferenz solle auch für Gespräche von Studierenden untereinander zur Verfügung gestellt werden.

Unicampus mit Aufstellschild, auf dem die Sperrung des Geländes wegen Corona erklärt wird

An der Frankfurt University of Applied Sciences sieht man es ähnlich: "Wir werden jetzt nicht sofort alles wieder hochfahren." Man müsse sich auch intern noch weiter abstimmen und warte auf Details aus dem Ministerium. In den letzten Wochen habe man an der Hochschule aber bereits einiges vorbereitet, um etwa in Laboren und Computerräumen Hygieneregeln einhalten zu können.

Praktisch orientierte Fächer vor besonderen Problemen

Besonders in körper- und materialbetonten Fächern hoffen Studierende derweil dringend auf Lockerungen, etwa im musischen Bereich oder im Sport. Der Marburger Sportstudent Josias etwa hat dieses Semester Leichtathletik und Volleyball belegt. Bei der Leichtathletik kommt der 22-Jährige nach eigener Aussage noch halbwegs klar mit dem online bereitgestellten Material. Er könne Trainingspläne erstellen und alleine Laufen trainieren.

"Aber Volleyball muss man schließlich gemeinsam spielen - wie sollen wir das von zu Hause aus theoretisch lernen?", fragt Josias. Aus der Uni Marburg heißt es: Praktische Übungen im Sportinstitut soll es frühestens ab Juni geben.

An der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst macht Einzelunterricht rund 80 Prozent der Lehre aus. Teilweise gehe das online ganz gut, erklärt Sprecherin Sylvia Dennerle, etwa beim Gesang oder Tanz. Bei manchen Instrumenten sei Heimarbeit aber quasi unmöglich: "Welcher Studierende hat schon eine Orgel zu Hause oder ein vollausgestattetes Schlagzeug?" Beim Unterricht sei auch die Verzögerung bei der Videotelefonie ein großes Problem.

Kreative Lösungen gefragt

Die Musikhochschule hat in den vergangenen Wochen bereits unter strengen Auflagen Übungsmöglichkeiten vor Ort geschaffen, die man nun erweitern will. Dabei musste die Hochschule bereits kreativ werden: "Weil die Klaviertastatur mehrmals am Tag desinfiziert werden muss und das Desinfektionsmittel knapp war, mussten wir zeitweise auf hochprozentigen Strohrum zurückgreifen", berichtet Dennerle. Gerade bei den Blasinstrumenten stehe man auch noch vor offenen Fragen, etwa zum notwendigen Abstand beim Proben. "Da ist sich die Wissenschaft momentan auch noch gar nicht einig."

Besonders kreativ muss auch die Kunsthochschule Kassel sein. Sprecherin Cigdem Özdemir erklärt, dass Studierende und Lehrende vielfältige Formate entwickelt hätten, um miteinander in Kontakt zu sein und ihre Arbeiten digital auszustellen. Man sei zum Beispiel im Gespräch mit Galerien in Kassel, um Schaufensterflächen zu nutzen. Die Studierenden würden derzeit besonders darauf hoffen, wieder mehr in die Werkstätten zu können. Dafür warte man aber noch auf genauere Anweisungen aus dem Ministerium. Und das Ziel sei weiterhin, "keine Massen" auf dem Campus zu haben.

Sendung: hr-iNFO, 12.05.2020, 15.55 Uhr