Skifahrerin in verschneitem Kassel - Verkehrsbild Kassel

Zielwert erreicht! Kassel verzeichnet als einziger Kreis in Hessen eine Sieben-Tage-Inzidenz von unter 35. Was hat das Schneechaos vor gut zwei Wochen damit zu tun? Eine Spurensuche zwischen Mobilitätsdaten, Test-Mengen und Lieferpizza.

Hat der Flockdown, also das Schneechaos mitten im Lockdown, einen erheblichen Anteil an dem niedrigen Inzidenzwert in Kassel? Immerhin liegt Kassel mit einer 7-Tage-Inzidenz von 23,3 als einziger Kreis in Hessen unterhalb des Zielwerts von 35.

Lassen die Mobilitätsdaten während des Wintereinbruchs Anfang und Mitte Februar einen Rückschluss auf die niedrige Inzidenz zu? Welchen Anteil haben eine geringere Mobilität der Bevölkerung und der Total-Ausfall des ÖPNV an dem niedrigen Wert? Oder wurde in Kassel weniger getestet als in anderen Städten und Kreisen, weil viele Menschen mit Symptomen nicht zum Arzt oder zum Testen fahren konnten?

Total-Ausfall des ÖPNV als Virus-Bremse?

Bei der Stadt Kassel ist man vorsichtig mit Spekulationen. Vor allem bei der Frage, ob die Einstellung des ÖPNV für den niedrigen Wert mitverantwortlich sein könnte, so Pressesprecher Claas Michaelis. Es gebe schließlich auch Städte und Kreise mit einer vergleichbar niedrigen Inzidenz, die von den Schneemassen nicht betroffen waren oder wo trotz Wintereinbruch der ÖPNV fuhr.

Es sei erfreulich, dass man in Kassel seit dem 12. Februar den Wert unter einer Inzidenz von 35 halte, sagt Michaelis. Zu diesem Zeitpunkt verzeichnete die Stadt Kassel mit 31,2 den niedrigsten Wert in ganz Hessen. Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) hatte die Zahlen derzeit in einer Pressemitteilung als "eine Momentaufnahme" bezeichnet.

"Flockdown hat weniger Begegnungen stattfinden lassen"

Der Kasseler Hygienearzt Markus Schimmelpfennig hält es für plausibel, dass der Flockdown und der Ausfall des ÖPNV einen Einfluss auf die Inzidenzrate haben: "Der Flockdown hat weniger Begegnungen stattfinden lassen. Außerdem haben sich die, die rausgegangen sind, eher im Freizeitbereich getroffen, an der frischen Luft", sagt er.

Eine reduzierte Mobilität, egal aus welchem Grund, führe zu einer Reduzierung von Infektionen. In Kassel sei das offensichtlich gewesen, so Schimmelpfennig: Autofahrer trauten sich kaum auf die verschneiten Haupt- und Nebenstraßen, Menschen waren zu Fuß unterwegs, nur das Nötigste wurde erledigt. Dazu fuhr der ÖPNV im gesamten Stadtgebiet - bis auf wenige Überland-Buslinien - nicht.

Mobilitätsrate am 8. Februar besonders niedrig

Sarah Bohnensteffen ist Datenwissenschaftlerin beim Statistischen Bundesamt in Wiesbaden. Sie erklärt: "Mobilität kann ein Indikator für die Zahl sozialer Kontakte sein, welche mit einer Zeitverzögerung wiederum Auswirkungen auf das Infektionsgeschehen haben."

Die Auswertung der Mobilitätsdaten der Stadt Kassel zeige in der Winterwoche einen Rückgang um 37,3 Prozent gegenüber dem Referenzzeitraum. In der Woche davor und danach habe der Rückgang der Mobilitätsrate bei 24,1 beziehungsweise 21,3 Prozent gelegen.

Mobilitätsdaten Stadt Kassel und Landkreise

Den größten Rückgang könne man am 8. Februar beobachten. An diesem Montag sei die Mobilität um 48 Prozent geringer ausgefallen als an einem Durchschnittsmontag im Februar 2019.

Weitere Informationen

Mobilitätsdaten

Das Statistische Bundesamt erhebt Mobilitätsindikatoren auf Basis von Mobilfunkdaten. Diese sind hier für jedermann einsehbar.

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Der Blick in die angrenzenden Landkreise zeige ein ähnliches Phänomen auf niedrigerem Niveau. Es sei nicht ungewöhnlich, dass man in Städten höhere Rückgänge verzeichne, so Bohnensteffen. Mögliche Gründe dafür könnten vor allem schlechter erreichbare Infrastruktureinrichtungen oder eine geringere Anzahl geschlossener Kultureinrichtungen während der Corona-Pandemie sein.

Weniger Patienten in Arztpraxis und Testcenter

Viel Schnee, weniger Patienten, weniger Tests - das berichtet Hausarzt Uwe Popert aus Kassel. In der Woche des Wintereinbruchs habe er einen Rückgang an Patientenbesuchen verzeichnet. Außerdem habe seine Praxis weniger getestet und entsprechend weniger Tests an die Labore geschickt. Über die Gründe könne man spekulieren. Seiner Meinung nach seien bei dem Wetter insgesamt weniger Menschen unterwegs gewesen.

Ein Blick ins Testcenter in Kassel bestätigt den Eindruck von Popert. Hier seien ab dem 8. Februar mit 109 Testungen insgesamt 102 weniger als in der Woche zuvor durchgeführt worden, erklärt Alexander Kowalski, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen in Frankfurt.

Strategie für schrittweise Lockerungen erwartet

Ob der Flockdown also tatsächlich für die geringe Inzidenz in Kassel verantwortlich ist, ist unklar. Oberbürgermeister Geselle zeigt sich allerdings erfreut über die niedrigen Werte. Er erwarte eine Strategie für eine schrittweise Lockerung und könne Menschen verstehen, die langsam "die Schnauze voll haben", heißt es in der Pressemitteilung vom Donnerstag. Doch müsse man weiterhin vorsichtig sein.

Auch Hygieneexperte Schimmelpfennig warnt. Man müsse beobachten, wie sich die Zahlen in Kassel entwickeln und sich der Gefahr bewusst sein. Schaue man sich die Gesamtsituation an, könne man nicht ewig im Lockdown verharren. Als Beispiel nennt er Restaurantöffnungen: "Es ist weniger riskant, sich an einem Tisch mit Abstand zu den anderen Tischen von einem Fachmann mit Maske bedienen zu lassen, als sich zu acht um einen briefmarkengroßen Couchtisch zu versammeln und eine Lieferpizza zu essen", so Schimmelpfennig.