Porträts von Siraad Wiedenroth, Joel Ghirmay, Hadija Haruna-Oelker und Aida Roumer (von links nach rechts).

Der gewaltsame Tod des Afroamerikaners George Floyd führt auch hierzulande zu heftigen Debatten. Besonders auf Instagram wird eine breite Diskussion um Rassismus geführt. Vier Standpunkte aus Hessen.

Nach dem Tod von George Floyd, der in den USA von einem Polizisten getötet wurde, demonstrieren weltweit Menschen gegen Rassismus und rassistisch motivierte Polizeigewalt. Auch in Hessen waren am vergangenen Wochenende über 15.000 Menschen in verschiedenen Städten auf der Straße.

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Der Tod von George Floyd

Der Afroamerikaner George Floyd starb am 25. Mai in Minneapolis, nachdem ihm ein weißer Polizist über acht Minuten mit dem Knie auf dem Hals zu Boden gedrückt hatte. Sein Tod löste in zahlreichen US-Städten und in anderen Ländern – auch in Deutschland-  Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt aus.

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Besonders präsent ist die Debatte um Rassismus zurzeit auf dem Sozialen Netzwerk Instagram. Normalerweise sind dort makellose Bilder und schöne Videos zu sehen. Um die Aufmerksamkeit auf Rassismus zu lenken, haben dort seit dem Tod von Floyd Hunderttausende schwarze Kacheln gepostet. Zudem werden Hashtags wie #blacklivesmatter oder #blackouttuesday geteilt, um Vorfälle von Alltagsrassismus und rassistischer Polizeigewalt anzukreiden.

Die Veränderung des Diskurses auf Sozialen Medien nehmen auch viele Schwarze Menschen in Hessen wahr, die schon seit Jahren auf das Thema aufmerksam machen und die selbst Rassismus in ihrem Alltag erlebt haben.

Joel Ghirmay, 20 Jahre, lebt in Frankfurt
Mitbegründer der Bewegung "Youthagainstracism"

Joel Ghirmay bei Demonstration in Frankfurt

Seit George Floyd ist mir aufgefallen, dass das Thema Rassismus auf Instagram von sehr vielen Leuten aufgegriffen wird, die sich davor nie dazu geäußert haben. Ich habe mich schon immer öffentlich zu dem Thema bekannt. Meine Posts wurden früher aber von vielen nicht wirklich wahrgenommen. Das hat sich jetzt geändert. Die Leute setzen sich mehr mit dem Thema auseinander und das finde ich gut. Vielleicht war der Fall George Floyd für viele wie eine Art Weckruf.

Rassismus ist ein unangenehmes Thema. Deshalb finde ich es natürlich gut, dass die Leute dem Thema nicht mehr aus dem Weg gehen. Das hätte aber schon viel früher passieren sollen. Ich hoffe, dass die Instagram-Posts und die anderen Aktionen der Menschen ehrlich sind - dass es nicht nur ein Hype oder eine Phase ist, mit dem sich die Leute kurzfristig auseinandersetzen. Denn Rassismus ist kein Hype, sondern ein krasses soziales Problem und nebenbei Teil meines Alltags und Teil unserer Gesellschaft. Ich wünsche mir, dass ein langfristiges Bewusstsein für diese Thematik aufgebaut wird. Auf Instagram ein Bild zu posten, reicht da glaube ich nicht aus.

Aϊda Roumer, 26 Jahre, lebt in Frankfurt
Mitglied der Bewegung "Migrantifa"

Porträt von Aida Roumer

Der Mord an George Floyd hat in mir nicht mehr Schmerz ausgelöst, als die vielen anderen Fälle dieser Art, die es schon zuvor gegeben hat. Das Video konnte und wollte ich mir nicht anschauen. Denn Rassismus ist ein Thema, das mich persönlich schon immer begleitet. Ich nehme aber wahr, dass Menschen, die vorher noch nicht offen über Rassismus sprechen konnten oder wollten, dies jetzt tun. Das finde ich sehr wichtig.

Was ich aber auch gemerkt habe ist, dass der Blick von einigen Menschen sehr schnell von Deutschland aus in die USA geht und das Thema schnell als ein amerikanisches Problem abgetan wird. Das ist falsch. Es ist auch ein deutsches Problem. Wenn wir schon über Rassismus in Bezug auf George Floyd sprechen, dann möchte ich auch über Rassismus hier, vor der eigenen Haustür sprechen. Denn das deutsche Selbstverständnis besagt, dass Deutschland seine Rassismen durch die Aufarbeitung der NS-Zeit überwunden hat. Das stimmt nicht.

Ich nehme außerdem wahr, dass jetzt neue Gespräche entstehen. Die zeigen mir einerseits auf, dass es von der weißen Mehrheitsbevölkerung den Willen gibt, etwas über Rassismus dazuzulernen. Andererseits machen diese Gespräche aber auch deutlich, wie wenig sich Menschen bis jetzt mit dem Thema Rassismus auseinandergesetzt haben. Manche Gespräche, die ich als Schwarze Deutsche führen muss, können deshalb sehr mühsam sein und viel Kraft rauben. Aber sie sind sehr wichtig, damit sich etwas ändert.

Siraad Wiedenroth, 33 Jahre, lebt in Offenbach
Vorstand Initiative Schwarze Menschen Deutschland

Siraad Wiedenroth steht auf einer Mauer.

Ich brauche nicht unbedingt ein schwarzes Bild, das auf Social Media gepostet wird. Aber wenn es das ist, womit Leute ihre Solidarität ausdrücken, dann ist das vollkommen in Ordnung. Denn ich glaube, dass viele Leute dadurch auch Neues zu dem Thema mitnehmen können. Aber danach müssen wir wirklich an die Struktur gehen. Wird zum Beispiel Kolonialgeschichte in der Schule gelehrt, die ja auch etwas mit Deutschland zu tun hat? Wie werden Schwarze Menschen in Schulbüchern dargestellt? Wie bekommen People of Color ihre Jobs oder eine Wohnung? Wer zählt als schützenswert in unserer Gesellschaft?

Meine Hoffnung ist, dass das Thema weiter greift, denn momentan nehme ich die Rassismus-Debatte noch zu oberflächlich wahr. Ich kann verstehen, dass es schwierig ist, an die Struktur zu gehen, wirklich zu schauen, wo Rassismus strukturell greift. Denn das würde bedeuten, dass Strukturen in unserer Gesellschaft umgestellt werden müssen. Aber das wäre meiner Meinung nach ganz wichtig, um nicht in fünf Jahren wieder an demselben Punkt zu sein.

Hadija Haruna-Oelker, 39 Jahre, lebt in Frankfurt
Politologin und hr-Journalistin

Videobeitrag

Video

zum Video Hadija Haruna-Oelker: "Das sind keine gewöhnlichen Proteste"

Hadija Haruna-Oelker: "Das sind keine gewöhnlichen Proteste"
Ende des Videobeitrags

Das, was wir gerade erleben, sind keine gewöhnlichen Proteste. Sie zeigen, dass es für viele so nicht mehr weitergehen kann. Rassismus, das ist eine alte Geschichte - auch in Deutschland. Und George Floyds gewaltsamer Tod steht für eine kollektive Erfahrung Schwarzer Menschen. Floyd könnte auch mein Bruder oder mein Vater sein.

Oft werde ich jetzt gefragt, was weiße Menschen gegen Rassismus tun können? Offen sein. Wirklich zuhören. Auch mal aushalten, was von einem Menschen mit Rassismus-Erfahrung gesagt wird, weil es die eigene Perspektive auf ein Thema im besten Fall verändert. Es gibt unzählige Bücher sogar Antirassismus-Trainings, weil wir alle bestimmte Bildern und Stereotypen verinnerlicht haben. Wir sind mit Pippi Langstrumpf und ihrer Vorstellung von Schwarzen Menschen aufgewachsen und das hat etwas mit uns gemacht. Aber solidarisch sein, kritisch denken und rassismuskritisch handeln kann man lernen. Das ist anstrengend und vielleicht auch schmerzhaft. Aber so kommen wir weiter.

Die Gespräche zeichnete Sophia Luft auf.

Anmerkung: Die Großschreibung des Wortes "Schwarz" in diesem Text in der Verbindung "Schwarze Menschen" orientiert sich am "Leitfaden für eine rassismuskritischen Sprachgebrauch". Damit soll verdeutlicht werden, dass es nicht um die Farbe der Haut geht, sondern mit Erfahrung verbunden ist, auf bestimmte Weise wahrgenommen zu werden.