Eine junge Frau nimmt eine Tüte mit Lebensmitteln vor einer anderen Frau entgegen. Zwischen ihnen ein Tisch mit gefüllten Kisten.

Nicht erst seit dem Krieg in der Ukraine fehlt es den Tafeln an Lebensmitteln für Bedürftige und an Spenden. Würde nicht wieder gehamstert, wäre die Lage besser, sagt der Vorsitzende der hessischen Tafeln im Interview.

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Tafel-Chef Schmid: "Situation ist dramatisch"

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Das Leben wird teurer: Im März kündigte Discounter Aldi an, bei mindestens 180 Produkten die Preise zu erhöhen; ebenso stiegen die Kosten fürs Tanken seit dem Krieg in der Ukraine kräftig an.

Im Interview erklärt Willi Schmid, Vorsitzender der Tafeln in Hessen, warum seine wohltätige Organisation unter dieser Situation besonders leidet.

Willi Schmid schaut in die Kamera, hinter ihm eine Wand mit dem Schriftzug "Tafel Hessen"

hessenschau.de: Herr Schmidt, die Lebenshaltungskosten sind drastisch gestiegen. Das bekommen die Tafeln in Hessen vermutlich zu spüren. Kommen Sie noch zurecht?

Willi Schmid: Die Situation ist wirklich sehr dramatisch. Es kommen immer mehr Menschen zu uns, und wir können im Moment nicht jedem helfen, weil wir nicht genug Lebensmittel haben. Das geht, zumindest teilweise, über unsere Kapazitätsgrenze hinaus.

hessenschau.de: Bedeuten leer gehamsterte Regale auch weniger Sachspenden?

Schmid: Das ist für uns gerade das größte Thema. Es bleibt viel weniger übrig. Mehr als 80 Prozent unserer Lebensmittel kommen von den regionalen Supermärkten, von Discountern. Und dort haben wir Rückgänge von rund 20 Prozent zu verzeichnen. In Großstädten kommen schon mal Tafel-Transporter mit 50 Prozent weniger Lebensmitteln als früher zu uns zurück.

hessenschau.de: Das heißt: Wer hamstert, schadet Ihnen und den Menschen, denen Sie helfen wollen?

Schmid: Ja, uns würde es deutlich besser gehen, wenn die Leute nicht hamstern. Aber das alleine ist es nicht. Die Lebensmittelmärkte können ihre Mengen für den Verkauf mittlerweile auch viel genauer planen. Es bleibt dort weniger liegen. Das ist zwar richtig so, aber es führt eben auch zu weniger Lebensmitteln bei uns.

Das fast leere Brotregal der Gießener Tafel

hessenschau.de: Was fehlt Ihnen zurzeit besonders?

Schmid: Im Tagesgeschäft sind das Obst, Gemüse und Molkereiprodukte. Besonders wichtig sind in dieser Zeit aber auch lang haltende Lebensmittel: Nudeln, Reis, Mehl, Konserven. Hygieneartikel sind auch sehr knapp. Die brauchen wir ganz besonders für geflüchtete Familien mit Kindern aus der Ukraine. Alles, was man zur Körperpflege braucht, kostet im Supermarkt richtig viel Geld.

hessenschau.de: Wer kommt neben den Geflüchteten neu zur Tafel? Die Inflation macht ja auch vielen Menschen zu schaffen?

Schmid: Zum einen kommen viele zurück, die während der Corona-Pandemie weggeblieben sind. Der zweite Schwung sind die Menschen, die durch die enormen Kostensteigerungen nicht mehr wie bisher mit ihrem Haushaltseinkommen zurechtkommen. Dieser Trend hat sich in den letzten zehn Wochen angedeutet und ist jetzt nochmal stärker geworden.

Und seit vier bis fünf Wochen merken wir täglich einen Anstieg von Neukunden durch die Geflüchteten aus der Ukraine. In den letzten drei Monaten waren es knapp 15 Prozent mehr Kunden. Und das bei weniger Lebensmittelspenden.

hessenschau.de: Wo ist es besonders kritisch: in den Städten oder auf dem Land?

Schmid: Die Tendenz ist überall gleich. Wenn ich in die Städte schaue: Gießen, Bad Hersfeld, Wiesbaden, Wetzlar, Kassel, Darmstadt, Frankfurt - alle berichten, dass sie an einzelnen Tagen um die 20 oder 30 Prozent neue Kunden haben. Und das sind dann jedes Mal gleich mehrere hundert Leute mehr.

Und wenn in einer ländlichen Gegend statt 50 Kunden plötzlich 60 kommen, dann sind das auch 20 Prozent mehr. Wir haben Tage, da stehen morgens mehr Geflüchtete in der Schlange, als Stammkunden. Das überlastet die Menschen, auch unsere Ehrenamtlichen.

Die Ukrainer Serhii und Yevheniia Plugatirew holen eine Kiste mit Lebensmitteln bei der Tafel Gießen ab

hessenschau.de: Weil es so schwierig wird, alle Kunden noch versorgen zu können?

Schmid: Genau. Das schlägt auch auf das Gemüt und die Seele. Die Regale sind leer, aber es stehen noch 20 Leute da. Es ist keine leichte Aufgabe für die Helfenden, dann jemanden wieder nach Hause schicken zu müssen.

Ich will nicht schwarzmalen, aber die ein oder andere Tafel ist dem bald vielleicht nicht mehr gewachsen. Irgendwie müssen wir es hinkriegen, das haben wir 2015 auch geschafft. Aber es ist ein Kraftakt.

hessenschau.de: Vermutlich auch finanziell. Die Kosten der Tafeln sind ja auch gestiegen.

Schmid: 170 Tafel-Fahrzeuge sind täglich in Hessen unterwegs. Wissen Sie, was das an Sprit kosten? Oder die Kühlschränke und Lagerräume: Was das an Stromkosten ausmacht? Und das alles nur aus Spendengeldern - irgendwann reicht das auch nicht mehr. Wir geben nicht auf, aber in der jetzigen Zeit wäre eine staatliche Unterstützung mehr als angebracht.

hessenschau.de: Wie sollte der Staat helfen?

Schmid: Ähnlich wie in der Pandemie. 2020 mussten die Tafeln wochenlang schließen und die laufenden Kosten wurden übernommen. Da hat die hessische Landesregierung allen Tafeln in Hessen geholfen.

Wir sind auch jetzt im Gespräch mit der Landesregierung. Der Staat muss aber vor allem grundsätzlich seine soziale Aufgabe erfüllen: Es darf gar nicht so weit kommen, dass Menschen auf die Tafel angewiesen sind.

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Tafel Hessen

58 Tafeln gibt es derzeit in Hessen, sie betreiben 145 Ausgabestellen, die mindestens ein Mal pro Woche offen haben. Rund 5.800 Ehrenamtliche verteilen im Jahr ca. 20.000 Tonnen Lebensmittel. Die Tafel ist nahezu ausschließlich durch Spenden finanziert.

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Das Gespräch führte Simon Rustler.

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