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Audioseite hr-Reporter: "Neuer Ton in der Impfkampagne"

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Rund um die Impfkampagne ist in Hessen ein Streit entbrannt: Kassenärztliche Vereinigung und Kommunen überziehen sich mit heftigen Vorwürfen. Es geht um die Impfzentren - und um Astrazeneca.

Rekordtempo beim Impfen, mehr als jeder Dritte erstgeimpft - eigentlich sorgt die Impfkampagne gerade für positive Schlagzeilen. Doch hinter den Kulissen rumort es gewaltig. Das zeigt ein Schreiben der kommunalen Spitzenverbände an die Kassenärztliche Vereinigung (KV) in Hessen, das dem hr vorliegt. Darin werfen der Städte- und der Landkreistag der KV vor, "in unsäglicher Weise eine Hetze gegen die Arbeit der 28 Impfzentren in Hessen zu betreiben".

"Bewusste Fehlinformation"

Und es geht noch weiter: Die KV verunsichere die Bevölkerung "durch bewusste Fehlinformation". Die Ärzte werden aufgefordert, "dies ab sofort zu unterlassen". Ein ungewöhnlicher Ton für die sonst stets um Ausgleich bemühten Spitzenverbände. Das Schreiben ist von Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) und vom Fuldaer Landrat Bernd Woide (CDU) unterzeichnet.

Offenbar brachte eine Rundmail der KV an alle niedergelassenen Ärzte das Fass zum Überlaufen. Darin ziehen die KV-Chefs Frank Dastych und Eckhard Starke vor allem gegen die Impfzentren vom Leder, die "überflüssigerweise nach wie vor betrieben werden". Diese würden viel vom begehrten Impfstoff von Biontech/Pfizer bekommen, das Kontingent für die niedergelassenen Ärzte sei dagegen "lächerlich niedrig".

Astrazeneca lähmt Praxisbetrieb

Bei dem Streit geht es im Kern um die Frage: Wer muss das weniger beliebte Serum von Astrazeneca verimpfen - die Zentren oder die Hausärzte? Die Landesregierung hatte kürzlich angekündigt, in den Impfzentren Astrazeneca nur noch für geplante Zweitimpfungen einzusetzen. Der Großteil des Impfstoffs gehe künftig an die Arztpraxen.

Doch die Praxen haben mit dem Serum ähnliche Probleme wie zuvor die Zentren. Viele Impfwillige wollen lieber Biontech und lehnen Astrazeneca ab. Der Wiesbadener Hausarzt Christian Sommerbrodt bezifferte die Ausfallquote in der hessenschau auf 10 bis 15 Prozent. Es koste Zeit, dann andere Impfbereite zu finden, und das lähme den Praxisbetrieb.

Videobeitrag

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zum Video Diskussion um Impfgerechtigkeit

hessenschau vom 11.05.2021
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Die KV berichtet, dass manche Ärzte deswegen ihr Astrazeneca-Kontingent gar nicht mehr in Anspruch nehmen. KV-Chef Dastych äußert zugleich "größtes Verständnis für die Zurückhaltung der einen oder anderen Kollegin". Denn das Bundesgesundheitsministerium und "gewisse, an ihren Impfzentren klebende Landesregierungen" hätten die niedergelassene Ärzteschaft zum "Resteverwerter" gemacht.

KV-Chef für deutliche Worte bekannt

Welche Landesregierungen damit gemeint sind, wird man sich in Wiesbaden denken können. Jedenfalls haben Städte- und Landkreistag bei ihrem Rüffel für Dastych auch Ministerpräsident Bouffier in CC genommen.

In Wiesbaden hat sich KV-Chef Dastych freilich längst einen Namen gemacht - als Freund klarer Worte. Seit vier Jahren steht der HNO-Arzt aus Bad Arolsen an der Spitze der Kassenärztlichen Vereinigung in Hessen. Die Impfstrategie von Bund und Land hat er schon öfter kritisiert. Zuletzt bescheinigte er der Politik in der Frankfurter Rundschau "unglaublichen Dilettantismus und Inkompetenz". Doch zumindest die Kommunalpolitik will offenbar nicht mehr als Prügelknabe herhalten.

Sendung: hr-iNFO, 12.05.2021, 7:20 Uhr