Tag der Pflege Gießen

Seit Beginn der Corona-Pandemie wird viel über die Verbesserung der Pflege gesprochen. Bei den Betroffenen kam konkret aber noch nicht viel an, wie junge Pflegekräfte hier erzählen.

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zum hr-fernsehen.de Video Internationaler Tag der Pflege – Für bessere Arbeitsbedingungen

Eine Pflegerin misst in einem Heim einer älteren Dame den Blutdruck
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Nicht erst seit Corona klagen die Beschäftigten in der Pflege über zu hohe Arbeitsbelastung und zu niedrige Löhne. Seit vorigem Jahr sind die Arbeitsbedingungen noch härter geworden. Weil viele in der Branche finden, dass versprochene Verbesserungen nicht umgesetzt wurden oder insgesamt unzureichend seien, gingen Hunderte von ihnen am internationalen Tag der Pflegenden in mehreren hessischen Städten auf die Straße.

Viele geben auf

In Gießen kam die 22-jährige Julia Schröckert zur Kundgebung. Die Krankenpflegerin aus dem nahen Lich schilderte ihre Erfahrungen aus den vergangenen durch Corona bestimmten Monaten: "Es gab Situationen, da war morgens zu Dienstbeginn die Kühlhalle überfüllt mit Leichen. Und die erste Diensthandlung war, noch eine Leiche dorthin zu bringen." Sie sei nur noch frustriert, sagt sie: "Es macht keinen Spaß mehr. Man steht nicht mehr gerne auf und sagt, ich arbeite meine zehn Tage jetzt durch. Und das mit 22, das ist schon schade."

Pflegerin Julia Schröckert aus Lich, 22 Jahre alt

Ihre Kollegin Annika, die ihren Nachnamen öffentlich nicht nennen möchte, beobachtet, dass immer mehr ihrer Kolleginnen und Kollegen aufgäben. Die 26-Jährige sagt: "In meinem Examenskurs waren wir mal 13. Acht sind nach der Ausbildung geblieben, inzwischen sind nur noch drei da. Viele andere junge Kolleginnen und Kollegen sind gegangen. Sie sagen: Das können und wollen wir nicht mehr!"

Klatschen ja, Reformen nein

Das beobachtet auch der 26-jährige Mark Müller, der als Krankenpfleger an der Uniklinik Gießen arbeitet: "Gefühlt die Hälfte der Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich spreche, überlegt ernsthaft, mit dem Beruf aufzuhören und lieber etwas anderes zu machen. Viele haben den Job schon verlassen. Wenn sich nichts ändert, werden das noch mehr tun."

Krankenpfleger Mark Müller aus Gießen, 26 Jahre alt

Bis jetzt hat sich allerdings nur wenig getan, findet der 26-jährige Nabor Keweloh, der im Intensivtransport der Uniklinik Gießen arbeitet: "Alle wollen klatschen und zeigen sich solidarisch, aber wirkliche politische Reformen und ein gesellschaftlicher Wandel finden nicht statt."

Kaum Zeit für Zuwendung

Vor allem privatisierte Kliniken wie das Uniklinikum Gießen-Marburg versuchten, mit so wenig Personal wie gerade nötig auszukommen, kritisiert Nabor Keweloh: "Das sind Bedingungen, da macht es keinen Spaß zu arbeiten. Man kann sich auch den Patienten nicht richtig widmen, man kann zum Teil gar keine menschliche Zuwendung oder würdevolle Pflege mehr stattfinden lassen."

Nabor Keweloh vom Uniklinikum Gießen, 26 Jahre alt

Auch Pflegerin Annika aus Lich kommt das Menschliche in ihrem Job oft zu kurz: "Manche Patienten liegen wochenlang bei uns, und man möchte einfach mal fünf Minuten bei ihnen sein, die Hand halten. Aber dafür ist keine Zeit, weil man noch zehn andere Sachen erledigen muss. Und das ist sehr traurig." Sie würde die Verantwortlichen aus der Politik gerne mal auf eine Frühschicht mitnehmen, sagt Annika: "Es ist sehr viel zu tun. Am Ende hat man immer das Gefühl, man geht nach Hause, aber hat die Hälfte gar nicht geschafft. Man kann aber gar nicht sagen, was man nicht geschafft hat, und das frustriert einen sehr."

Pflegerin Annika aus Lich, 26 Jahre alt

Gewerkschaft: Brauchen klarere Regeln für die Pflege

Organisiert wurden die Protestkundgebungen von der Gewerkschaft Verdi. Gewerkschaftssekretär Fabian Dzewas-Rehm fordert endlich klare und verbindliche Regeln für alle Bereiche der Pflege, "damit klar ist, wie viele Patienten das Pflegepersonal versorgt". Die Vorschriften müssten "sich an den Bedürfnissen der Patienten orientieren und nicht nur am Portemonnaie".

Die bisher vom Bundesgesundheitsministerium entwickelten Regeln seien zu schwammig. Beispielsweise gilt seit 1. Februar eine Verordnung über Pflegepersonaluntergrenzen (PpUGV) für Intensivstationen. Tagsüber sollen höchstens zwei Patienten pro Pflegekraft betreut werden. Allerdings biete die Regel zu viele Hintertürchen bei der Bemessung, zum Beispiel indem sie einfach nur bestimmte Zeitfenster betrachte, sagt Dzewas-Rehm. Für sensible Bereiche wie die Intensivstation fordert der Gewerkschafter deshalb eine klare Eins-zu-eins-Betreuung für Patienten, die beatmet werden müssen.

Sendung: hr-fernsehen, Die Ratgeber, 12.05.2021, 18.45 Uhr