Diese Fläche südlich von Stadtallendorf war früher ein Acker. In ein paar Jahren soll sie ein Wald sein.

Für die A49 fällt eine Baufirma Dutzende Hektar Wald und verlegt hektarweise Asphalt. Zum Ausgleich forstet sie Wiesen und alte Äcker auf - für Umweltschützer eine Milchmädchenrechnung.

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zum Video Ausbau der A49: Ausgleichsmaßnahmen vorgestellt

hessenschau kompakt - 16:45 Uhr vom 05.02.2020
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Hinter dem Drahtzaun ein Feld, ein paar Holzstangen, ein paar Plastikeimer. Sonst nichts - obwohl, das stimmt so nicht: 35.000 Bäume stehen hier. Nur sieht man noch den Wald vor lauter Grashalmen nicht.

Die Bäume wurden vergangenes Jahr nahe Stadtallendorf (Marburg-Biedenkopf) gepflanzt, vor allem Hainbuchen und Eichen, am Rand auch Kirsch- und Feldahornbäume. In ein paar Jahren sollen sie fünf bis sechs Meter hoch sein, ein richtiger Wald, acht Fußballfelder groß.

Gleich dahinter werden dann Autos und Sattelschlepper die Rampen der neuen A49-Auffahrt Stadtallendorf-Süd befahren - und natürlich die Autobahn selbst.

43 Kilometer Autobahn bedeuten 123 Hektar Asphalt

Der Lückenschluss der A49 zwischen Neuental (Schwalm-Eder) und Gemünden (Felda) im Vogelsbergkreis, ein riesiges Politikum, seit rund 40 Jahren geplant, soll ab kommendem Oktober wirklich gebaut werden. Sofern auch die letzten Klagen abgewiesen werden. Rund 43 Kilometer neue Autobahn bedeuten einen gigantischen Eingriff in Natur und Umwelt.

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So werden 85 Hektar Wald gerodet, darunter auch Teile des umkämpften Dannenröder Forsts und des Maulbacher Forsts. Dann ist da auch noch die Versiegelung: 123 Hektar Asphalt werden in die Landschaft gekippt. Dazu kommen Nebenflächen, etwa für Bankette und Böschungen. Insgesamt betrifft allein die Trasse 210 Hektar in Nord-, Ost- und Mittelhessen. Ganz zu schweigen von den zu erwartenden zusätzlichen Schadstoffen und vom Lärm.

Nicht jeder Eingriff lässt sich direkt ausgleichen

Deshalb muss, wer Naturraum zerstört, der Umwelt andernorts etwas Gutes tun, so will es das Gesetz. Und so entsteht hier beim Geiersberg südlich von Stadtallendorf auf einer ehemaligen Ackerfläche ein kleiner Wald. An vielen anderen Stellen auch. 85 Hektar Wald werden gefällt, 85 Hektar werden anderswo wieder gepflanzt, ganz einfach.

Claus Rosenstein (links) erläutert die Maßnahmen der Deges

An anderen Stellen ist es komplizierter. Denn nicht alles lässt sich direkt ausgleichen. So kann die Firma Deges, die Bauherrin der A49, nicht mal eben irgendwo 123 Hektar Asphalt wieder aufreißen und Naturraum daraus machen, als Ausgleich für die Autobahn. Deges-Umweltexperte Claus Rosenstein sagt: "Wo wir etwas nicht ausgleichen können, müssen wir anderweitig kompensieren."

Das bedeutet: Deges pflanzt nicht nur neue Wälder, sie wertet auch welche auf. Die Baufirma legt Teiche an und schafft Lebensräume für bedrohte Tierarten wie Zwergfledermäuse, Rotmilane oder Kammmolche und eines Tages sogar Büffel. All das soll zwar nicht direkt neben der Autobahntrasse, aber im "selben Naturraum" stattfinden, sagt Rosenstein, also maximal 15 Kilometer entfernt.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Neuer Wald für den Bau der A49

Blick in aufgewerteten Wald.
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"Ausgleich darf kein Ablasshandel sein"

Insgesamt sind es rund 160 Maßnahmen dieser Art. Die Deges gibt dafür einen zweistelligen Millionenbetrag aus. Die Fläche, auf der die Ausgleichmaßnahmen stattfinden, ist mehr als dreimal so groß wie die Fläche der Autobahn. "Durch die A49 können wir Aufwertungen in der Natur vornehmen, für die sonst kein Geld da gewesen wäre", sagt Rosenstein.

Wenn er solche Aussagen hört, zitiert Wolfgang Dennhöfer vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Vogelsberg den Mafia-Klassiker "Der Pate": "Ein Angebot, das der Naturschutz nicht ablehnen kann."

Dennhöfer mahnt: "Die Ausgleichsregelung darf kein Ablasshandel sein." Zumal Wald eben nicht gleich Wald sei - es dauere Jahrzehnte, bis die Bäume beim Geiersberg eine ähnliche Qualität hätten wie im rund 250 Jahre alten Dannenröder Forst. "Eine 200 Jahre alte Eiche bietet Lebensraum für 2.000 Insektenarten", sagt Dennhöfer.

Wolfgang Dennhöfer vom BUND sieht Ausgleichsmaßnahmen kritisch.

Auf die neue Autobahn fallen Dennhöfers Berechnungen zufolge jedes Jahr über 280 Millionen Liter Regenwasser, die zum Teil verdunsten und so im Grundwasser fehlen werden. "Diesen Verlust kann ich durch keine Maßnahme der Welt ausgleichen", betont der Naturschützer.

Streitpunkt Trinkwasser

Auch die neu entstehenden Wälder auf ehemaligen Ackerflächen sieht Dennhöfer nicht nur positiv: "So steigt der Druck auf die Landwirtschaft, Flächen zu finden." Für Deges-Mann Rosenstein ist die Umwandlung von Ackerland zu Wald hingegen der Beginn einer neuen Trinkwasserschutzzone: "Hier wird klar der Boden verbessert. Früher sind hier Dünger und Pestizide ins Grundwasser gelangt."

Ums Wasser geht es auch Mitte Mai in Leipzig. Dann verhandelt das Bundesverwaltungsgericht, ob die A49 überhaupt wie geplant gebaut werden darf oder ob das Land Hessen bei der Planung gegen die Europäische Wasserrahmenrichtlinie verstoßen hat. Geklagt hat der BUND. "Wir fordern immer noch, dass man diese Autobahn einfach nicht baut", sagt Dennhöfer.

Weitere Informationen

Ausgleich- und Ersatzmaßnahmen

Nach Angaben des Umweltministeriums sind in Hessen derzeit Flächen von rund 330 Quadratkilometern im Offenland, im Wald oder im Wasser von Ausgleichsmaßnahmen betroffen - wo genau, zeigt der Natureg-Viewer des Landes. Gut erkennbar sind dort beispielsweise die Flächen rund um den Frankfurter Flughafen oder entlang der ICE-Strecke Frankfurt-Limburg.

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Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 05.02.2020, 16.45 Uhr