Obdachlose Frankfurt

Wie kann die Hilfe für wohnsitzlose Menschen trotz der Corona-Pandemie aufrechterhalten werden? Kommunen und Träger in Hessen suchen derzeit nach Lösungen.

Eigentlich müsste Christine Heinrichs dieser Tage darauf hoffen, dass die Menschen, um die sie sich kümmert, kein Dach über dem Kopf finden. Eine auf den ersten Blick absurde Idee - vor allem für jemanden, der hauptberuflich in der Obdachlosenhilfe aktiv ist. Doch in Zeiten einer grassierenden Pandemie werden aus vermeintlich absurden Ideen sehr schnell Maßnahmen. "Wir überlegen: sind die Leute draußen auf der Straße vielleicht besser untergebracht als drinnen?", sagt die stellvertretende Geschäftsführerin des Frankfurter Vereins für soziale Heimstätten.

In Frankfurt betreibt der Verein zahlreiche soziale Einrichtungen: Wohngruppen für Drogenabhängige, Teilhabeprojekte für psychisch Erkrankte, Beratungsstellen für Frauen sowie mehrere Not- und Übergangsunterkünfte für Menschen ohne festen Wohnsitz. Dazu zählt auch eine größere Übernachtungsstätte im Frankfurter Ostpark. Dort gibt es Ein-, Zwei-, und Vierbettzimmer. "Social Distancing" ist hier nicht vorgesehen. "Da ist die Chance, sich im Freien anzustecken, natürlich geringer", sagt Christine Heinrichs. Und dennoch: Die Übernachtungsstätte bleibt offen - vorerst zumindest.

Notunterkunft für Obdachlose des Frankfurter Vereins im Ostpark

Auch Druckräume sollen offen bleiben

Wie viele Menschen in Hessen auf der Straße leben, lässt sich nicht genau sagen. Eine landesweite Obdachlosenstatistik soll erst 2022 veröffentlicht werden. Doch allein in Frankfurt dürften es etwa 300 Personen sein, schätzt der Frankfurter Verein. Die Frage, die sowohl städtische Behörden als auch freie Wohlfahrtsverbände umtreibt: Kann die Hilfe für diese Menschen trotz der anhaltenden Covid-19-Pandemie aufrechterhalten werden? Und wenn ja in welchem Umfang?

Darüber beraten derzeit in allen hessischen Großstädten kommunale Ämter mit den Trägern entsprechender Einrichtungen, wie Anfragen von hessenschau.de ergeben haben. Nicht überall sind daraus bereits konkrete Handlungsanleitungen entstanden. In Frankfurt immerhin zeichnet sich eine einheitliche Linie ab. "Es herrscht Konsens, dass wir die Angebote so lange wie möglich offen halten wollen", sagt Manuela Skotnik, Sprecherin von Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU).

Einblick in den Druckraum. Detailaufnahme der Utensilien, die es zum Anfertigen einer Drogenspritze gebraucht werden.

"So lange wie möglich offen halten", will auch die Integrative Drogenhilfe ihre Angebote im Frankfurter Bahnhofsviertel, betont Geschäftsführerin Gabi Becker. Die Mitarbeiter der Drogenhilfe hätten dabei den Vorteil, in Sachen Infektionsprophylaxe gut aufgestellt zu sein. Dennoch rechne man mittelfristig mit Personalausfällen und Engpässen. Zum einen da sich bestimmte Vorsichtsmaßnahmen nicht durchsetzen ließen - beispielsweise eine Beschränkung der Nutzerzahl in den Druckräumen. Zum anderen fehle es an Schutzkleidung für die Beschäftigten.

Appell an die Landesregierung

Letzteres stellt zahlreiche Träger der Obdachlosenhilfe in Hessen vor Herausforderungen. Die Liga der Freien Wohlfahrtspflege richtete daher am Dienstag einen Appell an die Landesregierung, die Versorgung mit entsprechenden Materialien wie Mundschutz und Einweghandschuhen sicherzustellen.

"Das ist auch für unsere Mitarbeiter ein Problem", betont Agim Kaptelli, Leiter des Diakonischen Werks in Wiesbaden. Dabei habe man in den Obdachlosenunterkünften und Übergangsheimen bereits zahlreiche Maßnahmen ergriffen, um die Ansteckungsgefahr zu reduzieren. Gruppenangebote wurden abgesagt, Mitarbeiter und Hilfesuchende kommen nur noch im Einzelgespräch zusammen - mit entsprechendem Sicherheitsabstand. Dabei hilft, dass in den von der Diakonie betriebenen Unterkünften ausschließlich Einzelzimmer zur Verfügung stehen.

"Das ist täglich eine neue Herausforderung", sagt Kaptelli. "Auf Distanz gehen aber gleichzeitig unsere Klienten erreichen." Nicht überall lässt sich so der tägliche Betrieb aufrechterhalten. Die von der Diakonie betriebene Teestube in der Dotzheimer Straße kann nicht mehr als Aufenthaltsraum genutzt werden. Der Schlafsaal, in dem sonst bis zu 16 Personen Notübernachtungsplätze fanden, ist geschlossen. Geld und Post, die sich einige Wohnsitzlose an die Adresse der Teestube zuschicken lassen, werden nur noch durch eine Sicherheitsschleuse ausgegeben.

Wanderarbeiter reisen ab

"Wir haben noch nicht auf alle Fragen eine Antwort", gibt Diakonie-Leiter Kaptelli unumwunden zu. Richtig sei es dennoch "so lange wie möglich" weiterzumachen. Wie lange das genau ist, ab wann eine Aufrechterhaltung des Angebots nicht mehr möglich ist, kann auch er nicht sagen.

In Frankfurt organisiert der Frankfurter Verein weiterhin die Notübernachtungsplätze in der U-Bahnstation Eschenheimer Tor. Die Zahl derer, die dort nächtigen, hat deutlich abgenommen. Am 5. März zählten die Helfer noch 298 Menschen. Knapp zehn Tage später waren es nur noch 167. Viele obdachlose Wanderarbeiter aus Osteuropa seien vermutlich in ihre Heimat zurückgekehrt, vermutet Christine Heinrichs vom Frankfurter Verein. Immerhin: So kann der Abstand zwischen den einzelnen Schlafplätzen verbreitert werden.

Mehr ist derzeit nicht möglich. Denn für Ende März rechnen Meteorologen noch einmal mit einer Kältewelle und Temperaturen um den Gefrierpunkt. Das Übernachten im Freien fällt damit als Alternative flach. Und so machen die Notunterkünfte einstweilen weiter. Genau wie die Druckräume im Bahnhofsviertel. "Wir stehen alle am Anfang", sagt Gabi Becker von der Integrativen Drogenhilfe, "mal gucken, was uns überrollt."